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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-30 · Heft 44 (30.10.1896) · p. Seite 521

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 521 (sequence 5)
Language
German
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521 treu geblieben und bildet in der gegenwärtigen traurigen Zeit ein festes Bollwerk, welches das weitere Vordringen der Reaktion, wenn auch nicht zu verhindern, so doch mindestens zu verlangsamen im Stande ist. Diese segensreich wirkende Gesellschaft, welche zum Schluß des verflossenen Jahres bereits die respektable Anzahl von 1803 Mitgliedern aufweisen konnte, ist aus kleinen Anfängen hervorgegangen. Sie wurde im Jahre 1863 mit nur 21 Mitgliedern begründet. Allein schon am Ende desselben Jahres betrug die Mitgliederzahl bereits 175 und stieg dann fortgesetzt 1865 auf 227, 1879 auf 305 und schließlich 1880 auf 552. Jetzt begann aber für die russischen Juden die traurige Zeit der Ausnahmegesetze, Krawalle, Ausweisungen und Verfolgungen aller Art, und unter solchen Umständen mußte selbstverständlich das Interesse für die Bestrebungen der Gesellschaft gegenüber der neu aufgetauchten aktuellern Brod- und Existenzfrage zunächst in den Hintergrund treten. Und so bemerken wir denn auch seit dem genannten Jahre 1880 zunächst ein Sinken sowohl der Mitgliederzahl wie der Einnahmeziffern. Als aber die Reaktion eben infolge dieser Verhältniffe gar zu mächtig ihr Haupt erhob und alle bisherigen Errungenschaften des Fortschritts jählings zu verschlingen drohten, da ermannten sich auch die alten Veteranen der „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung" und riefen ihr ein energisches „Halt!" entgegen. Mit dem Jahre 1885 beginnt eine neue Aufschwungsepoche in der Geschichte der Gesellschaft. Es gelingt ihr, eine größere Anzahl jüngerer, tüchtiger und für ihre hohe Aufgabe begeisterter Kräfte zu gewinnen, und binnen wenigen Jahren ist der frühere Stand nicht nur erreicht, sondern bedeutend überholt. Bereits int Jahre 1891 beträgt die Anzahl der Mitglieder 1230 und Ende 1895, wie bereits oben erwähnt, 1803. Einen ungefähren Begriff von der segensreichen Wirksamkeit dieser Gesellschaft wird man sich machen können, wenn man sich vergegenwärtigt, daß dieselbe während ihres rund 33jährigen Bestehens nicht weniger als 800 000 Rubel für diverse Bildungszwecke verausgabt hat. Eine solche bedeutende Leistung wäre freilich, trotz der hohen Mitgliederzahl und der relativ hohen Mitgliedsbeiträge (sie betragen 10,25 und 100 Rubel jährlich) nicht möglich gewesen, wenn nicht die Begründer und Leiter der Gesellschaft, Allen voran der selige Banquier Rosenthal, welcher lange Jahre Vorsitzender der Gesellschaft war, eine ganz außerordentliche Opferfreudigkeit bekundet hätten, indem sie die früher großen jährlichen Defizits aus eigener Tasche deckten. Allmälig gelang es indeß, das Defizit zu beseitigen und die Einnahmen der Gesellschaft derart zu heben, daß der fernere Umfang ihrer Thätigkeit nicht mehr von der Opferwilligkeit Einzelner abhängig ist. Im Jahre 1895 betrugen die ordentlichen Einnahmen der Gesellschaft bereits 80000 Rubel, und für das laufende Jahr ist ein noch günstigeres Resultat zu erwarten. Bezeichnend für den Nutzen, welchen das Wirken der Gesellschaft der russischen Judenheit gebracht hat, ist freilich nicht sowohl die Gesammtsumme der für Bildungszwecke verwendeten Mittel, als vielmehr die Art und Weise, wie diese Mittel verwendet wurden. In dieser Beziehung steht die Wirksamkeit der Gesellschaft allerdings nicht absolut unanfechtbar da, indeß ist auch hierin in den letzten Jahren ein bedeutender Fortschritt zu verzeichnen. Während der ersten Jahrzehnte ihres Bestehens erblickte die Gesellschaft ihre Hauptaufgabe in der Förderung höherer, akademischer Bildung. Von der oben genannten Gesammtsumme von 800 000 Rubel entfallen mehr als 530 000 Rubel auf die Unterstützung von Studenten und Gymnasiasten, während für Volksschulen und sonstige Bildungszwecke kaum die Summe von >30000 Rubel verblieb. In neuerer Zeit waltet indeß das Bestreben ob, dies Mißverhältniß zwischen den einzelnen Posten auszugleichen und das Schwergewicht mchr auf das Gebiet der eigentlichen Volksbildung, auf die Elementarschule, zu verlegen. So hat sie z. B. im letzten Jahre zwei jüdische Elementarschulen in St. Petersburg, welche sich bis dahin in privatem Besitze befanden, in ihre Regie übernommen und mit Auf-. Wendung von bedeutenden Mitteln zu Musteranstalten für den jüdischen Elementarunterricht eingerichtet. Eine große Anzahl von Elementarschulen in der Provinz wird von der Gesellschaft seit einigen Jahren mit einer jährlichen Subvention unterstützt; andere erhalten Bücher und sonstige Lehrmittel gratis. Eine besondere Aufmerksamkeit wendet die>Gesellschaft jetzt den Schulverhältniffen in den jüdischen Ackerbau- Kolonien Süd-Rußlands zu, wo der Elementarunterricht noch sehr im Argen liegt. Auch die von der Gesellschaft herausgegebenen Werke haben in den letzten Jahren ihren Charakter geändert. Anfangs waren sie vorzugsweise für den Selbstunterricht bestimmt und daher in hebräischer Sprache abgesaßt. Hierher sind zu nennen: Geschichte Rußlands in zwei Bänden; allgemeine Geschichte von Weber (übersetzt von K. Schulmann); Lehrbücher der Naturwissenschaften, Mathematik, Geographie u. s. w. in hebräischer Sprache. Die Ausgaben der letzten Jahre dagegen sind mehr für den Elementarunterricht berechnet und betreffen zumeist geeignete Lehrbücher für jüdische Schulen, welche in großen Auflagen gedruckt und deir jüdischen Lehrern zum Selbstkostenpreis oder auch gratis abgegeben werden. Die Gesellschaft hat auch vielfach mit gutem Erfolg Prämien für die besten Lehrbücher auf irgend einem Gebiete des Elementarunterrichts ausgesetzt. Daneben unterstützt sie aber auch die Herausgabe von größeren wissenschaftlichen Werken aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Litteratur. Mit ihrer Hilfe erschienen zwei Bände eines „russisch-jüdischen Archiv", einer Sammlung von historischen Dokumenten zur Geschichte der Juden in Rußland, drei Bände der „Geschichte der Juden" von Graetz in russischer Uebersetzung, ein „systematischer Wegweiser in der Litteratur über das Judenthum" u. a. m. Gegenwärtig giebt die Gesellschaft eine „Sammlung von Regesten und Inschriften zur Geschichte der Inden in Rußland und Polen" heraus. Der erste Band ist bereits erschienen und umfaßt die Periode von: Jahre 80 bis 1540. Auch für die sonstigen Fragen des jüdischen Geisteslebens bekundete die „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Rußland" in den letzten Jahren ein verständnißvolles Interesse. So hat sie bereits int Jahre 1894 die Frage der Errichtung eines Rabbinerseininars in St. Peterburg bei den zuständigen Stellen in Anregung gebracht und ist seitdem unablässig bemüht, auf-die Realisirung dieses Projektes hinzuarbeiten. Letzteres dürfte ihr aber, wenn überhaupt, so doch nur nach schwerem Kampfe gegen die vereinigten Reaktionäre aus allen Lagern gelingen. Ueber die Einzelheiten dieses Kampfes und seinen gegenwärtigen Stand soll in einem weiteren Briefe berichtet werden. öen-Lelnnuel. Eine jüdische Metropole. Bon Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati. üs meiner Knabeuzeit ist mir die Erinnerung an Jainkew Matthissens, den Münchhausen unserer Gemeinde, geblieben, dem man folgende Schilderung Amsterdams nacherzählte. Da haben sie. so erzählte Jainkew, in Amsterdam eine Schul' gebaut, dM muß der Schammeß reiten, wenn er Mizwoß ausruft, und unterwegs muß er sein Pferd zweimal füttern, und das geschieht

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