Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1896)
- Date
- 1896-10-30
- Page
- Seite 520 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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520 fürchteten, die hohen Würdenträger, die die Bahre umstanden, könnten sich beleidigt gefühlt haben; der Prediger solle überhaupt Tagesfragen nicht berühren und dergleichen mehr. Nun, unsere preußischen Würdenträger sind zu verständig und zu gewissenhaft, um solche Aeußerung übel zu nehmen. Sie wissen, ' daß der Prediger nicht nur das Recht, sondern die Pflicht hat, die Gebrechen der Zeit im Spiegel der Ewigkeit zu zeigen. Wir bezweifeln nicht, daß dieselben das freie und muthige Wort wohl in der Erinnerung behalten und darüber Nachdenken werden — möge es ihnen im .Augenblick gefallen haben oder nicht. Sie werden darüber Nachdenken und versuchen, der Beschwerde abzuhelfen. , Wenn ihnen dies gelingt, werden sie befriedigt sein; wenn es ihnen nicht gelingt, werden sie sich sagen, daß sie Gewalten gegen sich haben, die mächtiger sind als ihr guter Wille und ihre staatsmännische Begabung. Die Beschwerde geht aber dahin: Seit geraumer Zeit fühlen sich die Bekenner der jüdischen Religion in unserern Staate als Bürger zweiter Klasse behandelt. Man hat uns Rechtsgleichheit gewährt; man verlangt von uns alle Pflichten des Bürgers — aber man setzt uns überall im öffentlichen Dienst zurück. Unsere heiligsten Interessen liegen schutzlos offen; man kann in der Presse die jüdische Religion auf das Aergste beschimpfen, und es wird sich ein Gerichtshof finden, der sagt: Ja, das bezieht sich nicht auf die Religion, sondern nur auf die Rasse. Man mag die Gesammtheit der Juden oder eine einzelne Klasse derselben schmähen, es findet sich irgend eine Deduktion, aus der sich die Straflosigkeit der Kollektivbeleidigung ergiebt. — Und dabei kann .man nicht einmal diesen Richter oder jenen Gerichtshof der Rechtsbeugung zeihen — es ist eben einmal so Rechtens! Ja, was die Staatsanwaltschaft anfcetrifft,. so kann man als preußischer Jurist mit Stolz darauf Hinweisen, wie eifrig sie in der Regel ihres Dienstes waltet. Mit Stolz als preußischer Jurist — denn wir fühlen preußisch bis in die Knochen hinein — vielleicht fühlen wir so warm jüdisch hauptsächlich darum, weil wir als Preußen nicht verstehen können, wie sich Jemand seiner angeborenen Pflicht gegen das Judenthum entziehen kann. Also es sind wirklich einige Male Verurtheilungen ausgesprochen worden; dies ändert aber nicht das Gesammtbild. Jeder Jude wächst heute auf in dem Gefühl, daß er sich eine Menge Unrecht muß bieten lassen, weil er ein Jude ist — und ein gewisser Bruchtheil der christlichen Jugend wird groß in dem Gedanken: „Gegen die Juden ist viel erlaubt". - Wenn aber dann eine so entsetzliche That begangen wird, so wird man ohne Weiteres annehmen können, daß in den Seelen dieser jugendlichen Verbrecher auch der Gedanke .aufgetaucht ist: „Wir machen den Juden kalt und nehmen ihm das Geld fort." Seit etwa zwei Dezennien, als der damalige Hofpcediger Stöcker sein Wirken begann, ist die deutsche Nation dermaßen verhetzt und aufgeregt worden, daß ohne die hohe, aus frühererZeit überkommene Gesittung derartige Verbrechen schon öfter verübt worden wären. Es giebt bei uns Juden Gute und Böse, wie es bei den Christen Gute und Böse giebt; die Schlechten müssen durch die .Besseren in Zaum gehalten werden. Zu einer solchen Thätigkeit ist die religiöse Gemeinschaft besonders geeignet. Ist aber von der Gesetzgebung irgend etwas geschehen, um bei uns die Macht der Guten über die Bösen zu stärken? Zersplitterung der Gemeinden— lebensunfähige Zwerggebilde: das ist die Signatur. Man sagt wohl: wenn man alle Schranken der Gleichberechtigung niederreißen würde, so würden alle autoritativen Stände mit Juden überfüllt werden. Der Gegensatz der Rassen ist einmal da. Würde es zum Uebergewicht der jüdischen Elemente kommen, so würde eine furchtbare Verbitterung die ganze Nation ergreifen. Wir sind nun zwar der Ansicht, daß die Ueberfüllung einiger Stände mit Juden nur daher kommt, weil man nicht alle — insbesondere die Militärkacriere — gleichmäßig für sie öffnet. Aber selbst die obige Schlußfolgerung zugegeben: Wenn man Juden, die zur herrschenden Religion übergetreten sind, in alle autoritativen Stellen hineinläßt, — ist das nicht viel schlimmer? Der Gegensatz der Rassen bleibt bestehen und kann nicht ausgelöscht werden. Aber es tritt eine noch tiefere Verbitterung ein, wenn.man Leute in autoritativen Stellungen sieht, die ihre Religion wechseln, wie man einen Handschuh auszieht. Es ist bedauerlich, daß der Tod eines so ausgezeichneten Mannes zu solchen Gedanken Anlaß giebt; aber sie zu unterdrücken wäre keine Pietät. Der Hingeschiedene selbst ist beiden Reihen von Pflichten, die ihm Geburt und Stellung auferlegten, gerecht geworden. Nach der praktischen und nach der wissenschaftlichen Seite hin gleich begabt, war er das Musterbild eines aus der preußischen Beamtenschule hervorgegangenen Juristen. Wer ihn kannte, wird auch nicht bezweifeln, daß er ein guter und treuer Jude war. Keine äußeren Ehren hätten vermocht, ihn der Gemeinschaft abwendig zu machen. Aber er war auch ein echter Jude in dem Sinne, daß er menschliche Dinge mit menschlichen Augen betrachtete und daß Jude und Nichtjude seinem Herzen gleich nahe standen. Wo die jüdische Gemeinschaft seiner bedurfte, stellte er ihr seine Dienste uneigennützig zur Verfügung; wo sie glaubte, seiner entbehren zu können, zog er sich ohne Groll zurück. — Werden die am Grabe gesprochenen Bibelworte, fragen wir bange, richtig verstanden und gewürdigt werden? Wird man sie unbeachtet lassen oder wird man gar mit einem neuen Umsturzgesetz kommen? Die einzige Nation, von der am Ende des 19. Jahrhunderts die Wiederherstellung des religiösen Friedens ausgehen kann, ist die deutsche, — die Nation, sagen wir: absichtlich sprechen wir .nicht von den Regierungen allein. Wie der Redner am Grabe, können auch wir unter den „Aeltesten", die sprechen sollen „Unsere Hände haben dies Blut nicht vergossen", nicht einen einzelnen Minister oder ein einzelnes Beamtenkollegium verstehen. Auch die alttestamentarischen „Aeltesten" übten ihre rechtssymbolische Handlung nicht für sich selbst oder für ihr Kollegium, sondern für die ganze Bevölkerung. So muß die Umkehr die Nation als Ganzes erfassen. Dem religiösen Fanatismus können auch heute noch die Regierungen schwer Widerständ leisten. Die Rechtspflege versagt gegen denselben. Das christliche Europa, mit allen seinen Heeren und Flotten, mit all' seiner Wissenschaft und Politik sieht dicht vor seinen Thoren Zehntausende seiner Glaubensgenossen hingemetzelt und ist nicht im Stande, sich zu rühren. — Briefe aus Rußland. ii. inen Lichtpunkt in der langen dunklen Reaktionsnacht, wie sie in meinem vorigen Briefe geschildert wurde, bildet die „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Rußland", welche in Petersburg ihren Hauptsitz, in der südlichen Metropole Odessa einen Zweigverein und im ganzen russischen Reiche einzelne Mitglieder hat. In der Zeit der freiheitlichen Reformen Alexanders II. von bildungsfreundlichen Männern ins Leben gerufen, ist sie ihrer civilisatorischen, aber hierbei auch jüdischen Tendenz, trotz aller Anfechtungen von rechts und links, bis auf den heutigen Tag