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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-30 · Heft 44 (30.10.1896) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
Seite 519 (sequence 3)
Language
German
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Weiter erkürt er, daß die heilige Kirche in Bezug auf die Thaten der Inquisition der Entschuldigung nicht bedürse, denn „der wohlthätigen Wachsamkeit der heiligen Inquisition ist der religiöse Friede, sowie auch die Glaubensfestigkeit zu danken, die den Adel der spanischen Nation ausmacht. O seid gesegnet, ihr flammenden Scheiterhaufen, durch die einige wenige und ganz verschmitzte Subjekte befestigt, jedesmal aber hundert Seelen aus den Schlünden der Irrlehre und vielleicht auch aus der ewigen Verdammniß errettet worden sind und auch die bürgerliche Gesellschaft geschützt wider Zwietracht und Bürgerkrieg Jahrhunderte lang in Glück und Wohlstand erhalten blieb. O wie herrlich und ehrwürdig ist das Andenken eines Torquemada, der hervorragend durch klugen Eifer und unbesieglichen Muth . . . die Getauften voir der Apostasie heilsam abschreckte und denl alten Vaterlande höhere Wohlthaten sicherte, als die Annexion der Länder der Indianer sie brachte." * Noch ein Kulturbild aus dem Mittelalter! Oder fühlt mau sich nicht wie von dem Hauche des Mittelalters angeweht, wenn man den folgenden Bericht liest, der uns aus Kremsier in Mähren zugeht: Kremsier, 18. Oktober. Seit 14 Tagen, seitdem eine christliche Magd, die unter Mitnahme einiger Effekten des Nachts ihren Dienst bei den jüdischen Eheleuten Fischer verließ, lebten wir in ständiger Unruhe. Keine Nacht verging, ohne daß in einem Hause der polizeilich bewachten Judengasse Fenster eingeschlagen wurden. Und welchen pöbelhaften Ausbrüchen war man auf der Gasse, in den Geschäften, ja sogar in der Schule ausgesetzt. Da verbreitete sich am Freitag Abend, als man die Synagoge verließ, die frohe Kunde, daß die verschwundene Magd, die die ganze Stadt in Aufregung versetzte, nach vielen getäuschten Hoffnungen und böswillig verbreiteten Gerüchten endlich gefunden wurde. Begleitet von Gensdarmen und einem zahllosen Gefolge wurde sie in das neben der Synagoge sich befindende Gefängniß geführt. Man athmete frei aus. Da aber das Gerede nicht aufhörte, daß die Behörden bestochen und die eingesperrte Magd gar nicht die vermißte sei, oder daß Spuren des versuchten Mordes an ihrem Kopfe und Halse wahrzunehmen sind, ordnete der Richter an, daß die Magd am anderen Tage ohne Kopf- und Umhängetuch durch die ganze Stadt zum Gericht geführt werde. Dort wurde sie einem zweistündigen Berhör^unterzogen, wobei auch einige der Hetzer entdeckt wurden. Um diese Zeit fand der Mussaf-Gottesdienst statt, bei welchem der aufgerufene frühere Dienstherr Josef Fischer, der von der Mutter der Magd des Ritualmordes angeklagt worden, an alle Vereine gewisse Summen spendete und das Dankgebet verrichtete, bald nachher aber von der Aufregung auf seinem Sitze zufammenbrach und aus dem Tempel geführt werden mußte. Gerade als man den Tempel verließ, wurde die Magd ins Gefängniß zurückgeführt. Zur Beruhigung der aus der Umgebung hier versammelten Bevölkerung, die heute, am Kirchweihfeste, einen Ueberfall auf die Juden plante, ließ der Bürgermeister Dr. Pistecky früh an allen Straßenecken durch Plakate bekannt machen, daß die entlaufene Magd wieder gefunden wurde und daß das Volk die Ordnung aufrecht erhalten möge, da sonst strengere Maßregeln ergriffen werden müßten. Doch wird es noch lange dauern, bis die Aufregung sich gelegt haben wird. Erst die Verurteilung der Magd, sowohl wie aller mündlichen und schriftlichen Verbreiter der grundlosen Verleumdungen, dürfte die böswilligen Ränkeschmiede zur Besinnung bringen. Sechs Männer, die Urheber des falschen Gerüchtes, sind bereits ausfindig gemacht worden. Der wackere Bürgermeister, der sich in dieser Angelegenheit eifrig bemühte und sogar selbst in der Judengasse Nachtwache hielt, verdient volle Anerkennung. Er soll auch einen Appell an die in Schweigen sich hüllende Geistlichkeit und an unsere Journale gerichtet haben. Vorläufig jedoch haben die böhmischen Zeitungen die gegen die Juden erhobene Blutbeschuldigung noch nicht widerrufen. Der Kulturhistoriker der Zukunft, der die einander widersprechenden Strömungen dieses Jahrhunderts zu einem Gesammtb'ildss zu vereinigen suchen wird, wird vor Erscheinungen dieser Art sicher wie vor einem nicht zu lösenden Räthsel der Zeitgeschichte stehen. £ Der Großrabbiner der Türkei nimmt mm auch Stellung zu den Verleumdungen, welche gegen die spagnotischen Juden in Konstantinopel wegen angeblicher Unterstützung der Türken gegen die.Armenier wiederholt erhoben wurden. Es heißt in seiner diesbezüglichen Erklärung: Da in den Tagesblättern von judenfeindlicher Seite die Nachricht verbreitet worden ist, daß die jüdische Einwohnerschaft von Phanali- Haskiöi sich an den Verfolgungen und Plünderungen der Armenier betheiligt habe, so kann ich nicht umhin, aufs Bündigste zu versichern, daß diese Mär nur durch den Judenhaß erzeugt worden ist, da gerade umgekehrt viele Hunderte der verfolgten Armenier in Judenhäusern Schutz und Zuflucht gefunden haben. Es liegen Danksagungen von mehr als 200 Persoyen vor, die mit Namensunterschrift bezeugen, daß sie ihr Leben nur den Juden zu danken haben. Ich habe sofort eine eingehende Untersuchung eingeleitet, um den Verbreitern jener Lügen auf die Spur zu kommen. Es hat sich dabei nur ergeben, daß einige Juden von den Plündernden zum vollen Preise Gegenstände gekauft haben. Ich habe darauf durch öffentlichen Aufruf Allen, die dies gerhan, aufgegeben, die Sachen, obwohl sie bezahlt waren, unverzüglich .der Polizei abzuliefern, was denn auch ohne Weigern geschehen ist. Ich bitte, diesen Zeilen Aufnahme in Ihrem Blatte zu gewähren, und alle der Wahrheit dienenden Zeitungen, davon Notiz zu nehmen. Eine ernste Betrachtung. Von Georg Minden. war eine Rechtsvorschrift im alten Israel, wenn ein Er-, mordeter auf der Feldmark gefunden wurde, so mußten die Aeltesten und die Richter hinausgehen und ihre Hände waschen und sprechen: „„Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen."" Ob auch in unserer Zeit, in welcher Verhetzungen und Eigennutz, Eifersucht der einzelnen Stände auf einander an Stelle von idealen Bestrebungen das öffentliche Leben bewegen, die für das öffentliche Wohl verantwortlichen Autoritäten sprechen können: „„Unsere Hände haben dies Blut nicht vergossen?"" das mag vielleicht bezweifelt werden." So ungefähr sprach der geistliche Redner mit Hinweis auf Kapitel 21 des Deuteronomium am Sarge des Justizraths Meyer Levy zu der durch das unerhörte Verbrechen, welches Jenem das Leben gekostet, tiefbewegten Versammlung. Und Einer der Berufsgenossen des Verstorbenen, die bei derselben Gelegenheit das Wort ergrHen, sagte etwa Folgendes: „Er hoffe in einiger Zeit sein Vertrauen in die ewige Gerechtigkeit wieder zu erlangen. Vorläufig sei dasselbe noch zu sehr erschüttert von dem Ereigniß, daß ein solcher Mann auf eine solche Weise enden mußte." Der so sprach, ist nicht etwa ein Zweifler oder Freigeist; es. ist ein Mann, ebenso bekannt. wegen der Lauterkeit und Wahrhaftigkeit seines Charakters, als wegen seiner streugkirchlichen, evangelisch-orthodoxen Gesinnung. Also Zweifel an der göttlichen Weltordmmg von Seiten des weltlichen — Zweifel an der Zuverlässigkeit der Staatsordnung von-Seiten des geistlichen Redners! Mit dem Ersteren haben wir uns hier nicht 311 beschäftigen. Wir Juden sind von Jugend an. daran gewöhnt, daß unsere edelsten und besten Absichteil verlästert und verleumdet, daß unsere edelsten und besten Männer hingeopfert werden. Würde unser Gottvertrauen durch solche Erscheinungen vermindert, — es gäbe seit Jahrtausenden kein Judenthnm mehr!. . Aber der Zweifel an der Weisheit der: „Aeltesten" bedarf der Besprechung an diesem . Orte. Denn. mancher jüdische Zuhörer schüttelte bedenklich das Haupt und meinte, er verstünde den Zusammenhang nicht recht — ganz abgesehen von Denen, die kleinlaut

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