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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-23 · Heft 43 (23.10.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 43 (23.10.1896)
Date
1896-10-23
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 W. Osterode OstPr., 16. Oktober. Eines der geachtetsten Mitglieder unserer Gemeinde, der Kaufmann Albert Hirschfeld, hat uns vor einigen Tagen verlassen und seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt. 35 Jahre lang hat er hier ein Waarengeschäst betrieben und fast durch diesen ganzen Zeitraum der Gemeindevertretung angehört, die letzten 22 Jahre als Vorstandsmitglied. Seine Beliebtheit zeigte sich so recht bei seinem Wegzuge von hier. Schon am 23. September Abends veranstalteten eine stattliche Zahl Damen der hiesigen Gemeinde eine Abschiedsfeier für Frau und Fräulein Hirschfeld, und die Chewra Kadischah feierte am Schemini Azeres Herrn Hirschfeld, der durch 35 Jahre eines der eifrigsten Mitglieder derselben war. Sodann fand eine Versammlung am 7. d. M. Abends im Saale des Herrn Regier statt, welche aus fast allen jüdischen und einer großen Zahl christlicher Bürger aus allen Berufskreisen sich zusammensetzte. Hier wurde Herr H. geehrt, wie noch selten ein Bürger, der unsere Stadt verließ. Der Bürgermeister Elwenspolk feierte Herrn Hirschfeld als treuen Bürger der Stadt und redlichen, fleißigen Kaufmann, Herr Jacoby, Vorsitzender unseres Vorstandes, schilderte ihn als thätigen, wahrhaft frommen Synagogenvorsteher und Herr Prediger Sturmann als Familienvater. Letzterer hob namentlich hervor, daß dieser Abschied den Beweis liefere, daß hier die Bürger aller Bekenntnisse in Frieden und Eintracht leben und daß es den modernen Weltbeglückern hier noch nicht gelungen ist, jene verheerende Krankheit — Antisemitismus — einzuschleppen. Osterode besitze einen intelligenten und fleißigen Bürgersland, und wo Intelligenz, Fleiß und Tüchtigkeit vorhanden sind, da könne Haß und Zwietracht nicht aufkommen. Unter Thränen dankte der Gefeierte für die ihm bewiesene Ehre und versicherte, den heutigen Tag, Stadt und Gemeinde Osterode bis zu seinem Lebensende nicht zu vergessen. Bis gegen ein Uhr Nachts blieb man heiter bei Trunk, Gesang und Reden zusammen. Möge Herrn Hirschfeld in seinem neuen Wohnorte ein zufriedener, glücklicher Lebensabend beschieden sein. r. Suhl, 16. Oktober. Im September dieses Jahres waren 25 Jahre verflossen, seit durch die Bemühungen der Herren Louis Meyer und Louis Sander die hier wohnenden Israeliten zu einer selbständigen Gemeinde vereinigt wurden, und ebenso lange ist es, daß Herr Louis Meyer als Vorsitzender des Vorstandes die Geschäfte der Gemeinde leitet. Aus diesem Anlasse wurde Herrn Meyer am ersten Tage des Laubhüttenfestes ein von der Gemeinde gestifteter silberner Pokal durch eine Deputation mit einer Ansprache des Herrn Louis Sander überreicht, in welcher der hingebungsvollen und erfolgreichen Thätigkeit des Herrn Meyer in warmen Worten gedacht und der Dank der Gemeinde hierfür ausgesprochen wurde. Möge es Herrn Meyer vergönnt sein, noch viele Jahre seines Amtes walten zu können! B. Hamburg, 11. Oktober. Dem Bericht der Oberschulbehörde des Hamburgischen Staates entnehmen wir die folgenden Zahlen. Auf dem Gymnasium waren 154 jüdische Schüler, auf dem Realgymnasium 67 jüdische Schüler, auf den Realschulen 44 jüdische Schüler, in Bergedorf 3 Juden auf dem Realgymnasium, in Summa 268 jüdische Schüler auf sämmtlichen höheren Anstalten. Die Talmud-Thora besuchten 302 Juden, die übrigen Knabenschulen besuchten 271 jüdische Schüler. Dazu kamen aus den Vorschulen noch 125 jüdische Schüler. Die höheren Mädchenschulen wurden besucht von 1213 jüdischen Schülerinnen. Die Volksschulen des Hamburgischen Staates wurden dagegen nur von 58 Knaben und 51 Mädchenchesucht, so daß auch hier dieselbe Erscheinung auftritt, daß die Juden sobald nur irgend möglich ihren Kindern eine bessere Schulbildung angedeihen lassen. 52 Einbeck, im Oktober. Am 1. v. M. fand die Einweihung der hiesigen neuerbauten Synagoge, die unter der bewahrten Leitung des Herrn Architekten Münchhausen-Köln erstanden ist, statt. Am Vorabend versammelte sich die Synagogengemeinde zum letzten Male im alten Gotteshause. Dort hielt Herr Landrabbiner Dr. Lewinsky aus Hildesheim eine ergreifende Abschiedsrede, die einen nachhaltigen Eindruck hinterließ. Chorgesang schloß die Feier. Unter den üblichen Gesängen wurden hieraus die Thorarollen in den Vorraum des neuen Gotteshauses überführt. Die Einweihung des neuen Gotteshauses begann um 11 Uhr Vormittags. Der Akt verlies dem Programm gemäß. Nach der feierlichen Eröffnung, bei welcher der Schlüssel aus der Hand des Architekten in die des thatkräftigen Vorstehers Herrn Jordan, des Herrn Bürgermeisters Troje und zuletzt in die des Herrn Landrabbiners ging, begann die Feier, abwechselnd mit Sologesängen des Vorbeters, Lehrer Stern, und den Gesängen des Chors nebst Harmoniumbegleitung. Meisterhaft war die Weiherede des Herrn Landrabiners. Die Feier wahrte ll/s Stunden. Um 4 Uhr fand das Festessen statt, an welchem' 150 Personen theilnahmen. Hieran schloß sich ein Vergnügen für die Kinder unter Leitung ihres Lehrers Stern. Gesang, Märchenspiel und Deklamationen, wechselten ab. Möge die neue Synagoge eine Stätte des Friedens sein, getreu den Worten, die über ihrem Eingänge prangen: „Haben wir nicht alle Einen Vater, hat nicht ein Gott uns erschaffen?" 1. Laurahütte, 13. Oktober. Einem unserer Mitbürger, Herrn Kantor Berger, Vorbeter der hiesigen Synagogengemeinde, der noch jetzt — wie seit 47 Jahren — sein Amt verwaltet, ist am Sonnabend das hohe Glück zutheil geworden, im Kreise seiner Kinder, Enkel und Urenkel seinen 80. Geburtstag zu feiern. Die jüdische Gemeinde hatte große Vorbereitungen getroffen, den wackeren Greis, der sich in allen Kreisen der Bevölkerung großer Beliebtheit erfreut, würdig zu feiern. Ein von Herrn Hauptlehrer Semmel zu diesem Zwecke eingeübter Chor von Sängerinnen und Sängern brachte in der Frühe Herrn Berger in seiner Wohnung ein Ständchen, worauf ein kleines Mädchen einen prachtvollen Blumenkorb überreichte Bald darauf erschienen die Vorstände der Gemeinde, des israelitischen Krankenpflege-Vereins, des Frauen- und Jungfrauenvereins, um dem Jubilar ihre Glückwünsche darzubringen. Der Synagogenvorstand überreichte em namhaftes Geldgeschenk und der Vorstand des Krankenpflege-Vereins ein Diplom, laut welchem Herr Berger zum Ehrenmitgliede des Vereins ernannt wurde. Außerdem tiefen telegraphische und briefliche Glückwünsche in großer Zahl ein. Die offizielle Feier fand am Sonntag unter reger Betheiligung der Gemeindemitglieder und vieler aus der Ferne herbeigeeilter Freunde des Jubilars statt. Eingeleitet wurde dieselbe durch einen von Herrn Oberkantor Oswald aus Kattowitz celebrirten Gottesdienst in der Synagoge, welcher durch die Predigt des Herrn Rabbiner Dr. Goldschmidt aus Königshütte eine besondere Weihe erhielt. In tiefempfundenen, von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Worten feierte der treffliche Redner den Jubilar. Ein solennes Festessen in den gemüthlichen Räumen des Hütten - gasthaus-Saales hielt die Festversammlung bis lange über Mitternacht hinaus zusammen. Nach dem vom Oberkantor Oswald in meisterhafter Weise zu Gehör gebrachten Vortrage des Liedes „der Herr ist mein Hirt", begrüßte Herr S. Fränkel die Gäste, und Herr N. Perl brachte den Kaisertoast aus. In ernsten und heiteren Trinksprüchen wurde der Jubilar von den Herren Rabbiner Dr. Goldschmidt, Brahn u. A. gefeiert. Gerührt dankte der Greis für alle Ovationen, die er in seiner Bescheidenheil als unverdiente darstellte; in warmen Worten dankte auch der Sohn des Gefeierten, Herr Jakob Berger aus Berlin, im Namen der Familie. Die Gesänge des Herrn Oswald, sowie ein von Freunden verfaßtes, launiges Tafellied, trugen nicht wenig zur Erhöhung der Feststimmung bei, so daß das schöne Fest Allen noch lange in Erinnerung bleiben wird. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 19. Oktober. Einer der ältesten Wiener Judenfeinde, Pfarrer von St. Peter, Dechant Dr. Albert Wiesinger, der seit dem September v. I. auch antisemitischer Gemeinderath von Wien war, ist in der vorigen Woche im Alter von 65 Jahren hier gestorben. Er hat auch das traurige Verdienst, den Boden für jenen konfessionellen Zwist und Hader vorbereitet zu haben, wodurch jetzt das öffentliche und gesellige Leben Wiens zerklüftet wird. Im Jahre 1661 übernahm er die Redaktion der bis dahin von dem Domherrn Sebastian Brunner geleiteten Kirchenzeitung und führte dieselbe bis Ende 1874. Wiesinger hatte sich den satirischen und kaustischen Sebastian Brunner zum Vorbild genommen, ohne aber dessen Geist, Wissen und litterarische Bildung zu besitzen. Dreizehn Jahre lang eiferte er in der Kirchenzeitung gegen alle liberalen Bestrebungen in Wien und vertrat namentlich die Aufrecht- Haltung des Konkordats und die verfassungswidrigen Institutionen desselben. Wiesinger war der Erste, der in der Tagespresse jenen Ton anschlug, dessen Variationen sich immer nur um das Schlagwort „Jud" drehen. Auch verbarg er seine Gehässigkeit schon damals hinter der Ausflucht, daß er keine konfessionellen Angriffe beabsichtige; das hinderte ihn aber nicht, den Talmud in tendenziöser Weise zu zitiren. Im Jahre 1865 begann er „Ghetto-Geschichten" zu veröffentlichen, die geeignet

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