Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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lauschte mit athemloser Spannung den geistvollen Ausführungen des verehrten Redners und verlieh am Schlüsse seinem Dankgefühl durch lebhaften Beifall beredten Ausdruck. — Auch in Leipzig wurde gestern die Saison eröffnet und zwar durch einen Bortrag des Herrn Rabbiner Dr. N. Porges über „Jüdische Litteratur in Deutschland und Frankreich im Zeitalter der Kreuzzüge". Am 7. Nov. spricht daselbst Karl Emil Franzos und am 17. Dezember Rabb. Dr. Vogelstein aus Stettin. — Geheimer Regierungsrath^ Prof. Lazarus hält augenblicklich in allen rheinisch-westfälischen Geschichtsvereinen Vorträge In den jüngsten Tagen sprach er in Bochum, Elberfeld und Essen. In letzterer Stadt wurden dem verehrten Manne besondere Ehrungen zu Theil. — Erfreulicher Weise haben wir schon bei Beginn der Winterkampagne von der Konstituirung neuer Litteraturvereine zu berichten. In Oppeln fand am 12. die konstituirende Versammlung statt, in der bereits 60 Mitglieder ihren Beitritt erklärten und Vorträge wie Referate anmeldeten. In Crefeld fand am selben Abend die Sitzung des Komitees statt, das in nächster Zeit die ganze Gemeinde zu einer großen Versammlung behuss endgiltiger Konstituirung des dortigen Litteraturvereines berufen wird. Außerdem sind neue Vereine in Brandenburg a. H., in Bremen und in Konstanz in Vorbereitung. Leen jirbeh, wekeen jifroz! F. Berlin, 20. Oktober. Mit der am 15. Oktober stattgefundenen Schlußfeier in der Gewerbe-Ausstellung hat ein für die deutsche Industrie und besonders für Berlin im Großen und Ganzen segensreiches Unternehmen seinen Abschluß gefunden, an dem sich unsere Glaubensgenossen in hervorragendem Maße betheiligt haben. Natürlich benutzte die antisemitische Hetzpresse die Preisvertheilung bereits vorher zu allerhand Pöbeleien und Einschüchterungen. Gerade deshalb werden wir aber auch nach erfolgter Veröffentlichung der Preise den Antheil der Juden festzustellen haben. Wie bereits bekannt, hat Herr Kommerzienrath Goldberger den Kronenorden III. Klasse erhalten. Von den schon zur Vertheilung gelangten 28 goldenen Medaillen ist eine den Tabak- und Cigarrenfabrikanten Loeser L Wölff, eine der Maschinen- und Waffenfabrik Ludwig Loewe zuertheilt worden. 8. Berlin, 21. Oktober. Mit großem Interesse ist allseitig die Ausführung des Beschlusses unserer städtischen Behörde begrüßt worden, öffentliche Lesehallen einzurichten. Hierbei haben wir zu unserer Verwunderung in jüdischen Kreisen die Frage aufwerfen hören: Wozu bedarf es nun noch einer jüdischen Lesehalle? Das Stellen einer solchen Frage beweist, daß bei der Mehrzahl unserer Berliner Glaubensgenossen die Bekanntschaft mit dem Wesen und der Eigenart der unter dem Namen „Jüdische Lesehalle" seit einigen Jahren hier bestehenden Institution völlig unzureichend ist. Die Aufgabe, die der genannte Verein sich bei seiner Gründung gestellt hat, eine Lesehalle und Bibliothek einzurichten, in der die jüdische Litteratur, insbesondere auch die periodische, den weitesten Kreisen zugänglich gemacht wird, hat er nach Maßgabe der vorhandenen Mittel zu erfüllen begonnen. Dem Beitritt des „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur", der Berliner Bne Brithlogen und einiger kleinerer Vereine, vor allem aber der Munificenz eines seit langen Jahren als eines edlen Mäcens wohlbekannten Mannes ist es zu verdanken, daß nicht nur die jüdische periodische Litteratur aller Länder, sondern auch eine stattliche Bibliothek den Lesern innerhalb und außerhalb der Lesehalle zur Verfügung steht. Nach einer Mittheilung aus der letzten Vorstandssitzung vom 17. d. M. befinden sich unter 1755 im Katalog verzeichneten Werken 243 Belletristica, 216 Hebraica, 185 Philosemitica, 95 Erbauungsschriften, 87 Talmudica, 73 Biblische Litteratur, 45 Biographien. Die übrigen 811 Bände vertheilen sich auf folgende Rubriken: Kultur- und Litteraturgeschichte, Philosophie und Pädagogik, Kultus und Ritus, Zeitschriften, Kalender, Berichte und Antisemitica Während des vergangenen Sommerhalbjahres entliehen 120 Damen und Herren Bücher, die tägliche Besucherzahl schwankte zwischen 50 bis 60 Lesern; am Freitag, Sonnabend und Sonntag belief sie sich auf das Doppelte. Vom 1. November ist die Lesehalle auch in den Abendstunden von 8 bis 10 Uhr am Sonnabend, Montag und Donnerstag geöffnet. Dem Vorstand wird die Anerkennung nicht versagt werden können, daß er dem thatsächlich vorhandenen Bedürfniß nach Existenz einer jüdischen Lesehalle nach Kräften abzuhelfen bemüht gewesen ist und einer größeren Zahl von Lesern, die sich aus allen Berufen zusammensetzen, eine Stätte bereitet hat, in der sie alle, jüdischen Blätter lesen und vor allem Kenntniß in jüdischer Litteratur und Geschichte durch eigenes Studium erwerben, befestigen und verliefen können. — Sollen aber die noch vorhandenen großen Lücken in der Bibliothek ausgefüllt und das Institut nach und nach zu einem Jünglingsheim ausgebaut werden, so ist es nicht nur erforderlich, daß aus der in mancher Familie unbenutzt dastehenden Bücherei die besten Werke der Lesehalle als Geschenk überwiesen werden, sondern vor allem müssen zahlreiche Glaubensgenossen dem Verein als Mitglieder beitreten. Die Wohlhabenderen aber müssen es als eine Ehrenpflicht ansehen, lebenslängliche oder immerwährende Mitglieder des für Alle so wichtigen Instituts zu werden. Ihr Name soll auf einer in der Lesehalle angebrachten Ehrentafel verzeichnet werden. Wir hegen die zuversichtliche Hoffnung, daß dieser Appell an unsere Glaubensbrüder nicht uugehört verhallen wird, und bitten Alle, die sich für Erhaltung und Kräftigung jüdischen Bewußtseins und Wissens interessiren, um den Besuch der jüdischen Lesehalle, Spandauerstraße, und um ihren Beitritt zu dem Verein. Sein Schatzmeister, Herr Benas Levy, NW., Klopstockstraße 35, nimmt jederzeit Meldungen entgegen. L2 Berlin, 19. Oktober. Am 11. d. M. wurde dem Dirigenten der 2. Gemeinde-Religionsschule, Herrn Dr. Apolant, von Seiten des Kollegiums eine Ehrung zu Theil, die denselben umsomehr erfreute, als sie ganz unerwartet war. Seit Begründung der Anstalt sind nämlich mit diesem Tage zehn Jahre verflossen. Herr Lehrer Auerbach, der die ganze Zeit mit dem Dirigenten an der Anstalt durchlebt hat und von dem auch die Anregung zu dieser Feier ausgegangen war, entledigte sich des ihm vom Kollegium gewordenen ehrenvollen Auftrages, dem Leiter der Anstalt die Glückwünsche zu diesem Tage darzubringen, in Form einer ausführlichen Rede, die es sich zum Ziele gesetzt hatte, die einzelnen Phasen der Entwickelungsgeschichte der jungen Anstalt zu schildern. Aus kleinen Anfängen hervorgegangen, ist die Schule innerhalb des Dezenniums beständig gewachsen, so daß der Leiter und die Gemeinde mit freudiger Genugthuung auf eine Frequenzziffer von 250 Zöglingen Hinweisen können. Schwierigkeiten jeglicher Art mußten energisch bekämpft werden, um die Anstalt auf diese Höhe zu bringen. Zunächst galt es, die Eltern von ihrer vorgefaßten Meinung zurückzubringen, daß Religionsschulen disziplinlose Schulen seien. Das größte Verdienst des Leiters besteht darin, durch pädagogische Maßnahmen in der Schule die Zucht hergestellt zu haben, wie sie in jeder anderen staatlichen oder städtischen Anstalt ebenfalls bestehen muß, so die Unterrichtsanstalt auch zu einer Erziehungsanstalt, im guten Sinne des Wortes, werden soll. Gerade auf dieses ethische Moment dürfe bei einer Religionsschule am wenigsten verzichtet werden. Dem eifrigen Bemühen des Dirigenten ist es zu danken, daß die anfänglichen Miethsräume, die gerade durch ihre Unzulänglichkeit die Aufrechterhaltnng einer guten Disziplin erschwerten, mit einer eigenen Heimstätte in den eigens dazu hergerichteten Räumen der Lindenstraßensynagoge vertauscht wurden, wo den Anforderungen, die man auch in Rücksicht auf Hygiene an eine gute Schule zu stellen berechtigt ist, voll und ganz Rechnung getragen wird. Läßt sich auch ein konstantes Gesetz der Frequenz nicht aufstellen, so hängt diese doch aufs Innigste mit den lokalen Verhältnissen zusammen. Die Feier bekam eine besondere Bedeutung dadurch, daß sie, wenn man's so nennen darf, zu einer Millenniumsfeier wurde, insofern das 1000. Schulkind seit Bestehen der Anstalt ausgenommen wurde. So wie der Schule das Gepräge der Originalität anfgedrückt sei, so wie sie in allen Stücken den Geist ihres Schöpfers aufweise, so möge es, und darin ließ der Redner seinen Wunsch ausklingen, dem Leiter noch recht lange vergönnt sein, mit nngeschwächter Kraft und ungeminderter Arbeitslust und Arbeitsfreudigkeit des ihm liebgewordenen Berufes zu walten und ferner für das von ihm bevorzugte Kind seines Alters wie bisher zu sorgen. Die schöne Dekoration des Zimmers durch ein Blumengewinde machte auch auf die Eltern, die zur Anmeldung erschienen waren, einen erhebenden Eindruck; vivat, crescat, floreat in aeternum! L2 Berlin, 18. Oktober. In der Beitel Heine Ephraim'schen Lehranstalt, Oranienburgerstraße 27 (2. Hof), Portal 3. II., lesen im Wintersemester (gratis): Herr Prof. Steinschneider: Einleitung in die jüdische Litteratur des Mittelalters, 1 Stunde wöchentlich. Maimonides, Führer, hebräisch, i Stunden. Herr Prof. Barth: Erklärung der Targumim und anderer aramäischen Texte, 1 Stunde. Arabische Schriftsteller, 2 Stunden.