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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-23 · Heft 43 (23.10.1896) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 43 (23.10.1896)
Date
1896-10-23
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 _ ■ ■ ■ waren aufreizend und verhetzend zu wirken, .und als er diese „Geschichten" auch zur Zeit des Krieges vom Jahre 1866 fortsetzte, als die unteren Schichten der Bevölkerung ohnehin sehr aufgeregt waren, wurde 'Wiefinger -von der Staatsanwaltschaft selbst ersucht, die „Ghetto- Geschichten" im Interesse der öffentlichen Ruhe und Ordnung einzustellen. Im Jahre 1867 wurde Dr. Wiesinger Fastenprediger bei St. Peter ''und setzte nun seinen Kampf gegen die Juden auf der Kanzel fort. 1872 veröffentlichte er einen Roman unter dem bezeichnenden Titel: „Da^ Kruzifix des Juden". Zehn Jahre später übernahm er die Redaktion der Gemeindezeitung, in der er im volksthümlichen Tone für den Antisemitismus Stimmung machte. — Das Dienstmädchen Francisca Julaschek, welches aus Kremsier nach Verübung eines Diebstahls zum Nachtheile ihrer Dienstgeber Joseph und Clementine Fischer flüchtig geworden ist und deren Verschwinden dort zu „Ritualmord"-Gerüchten Anlaß gab, wurde gestern im Dorfe Harschem bei Olmütz, wo es?seit 5. d. M. im Dienste stand, von dem Olmützer Gendarmeriepostensührer Prim eruirt und verhaftet. Das Mädchen ist des Diebstahls geständig. Die Eheleute Fischer, die unter dem äusgestreuten Gerüchte viel zu leiden hatten, haben vor wenigen Tagen einen Preis von 50 fl. auf die Eruirung des Mädchens ausgesetzt. — Der antisemitische Gemeinderath Moriz Litschke stand heute, der Wechselfälschung und Bänkerotts angellagt, vor dem Schwurgericht. Er war der Wechselfälschung' geständig, bestritt jedoch die Absicht der Vermögensschädigung. Unter den geschädigten Firmen befinden sich zahlreiche deutsche, von denen je eine in Breslau, Magdeburg, Wiesbaden, Chemnitz und München infolge des Fallissements des Litschke ebenfalls zahlungsunfähig wurde. Litschke wurde trotz seines Geständnisses von der Anklage der Wechselfälschung sreige sprachen und lediglich wegen Bänkerotts zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt. Der Staatsanwalt rief aus: „Was werden die merkantilen Kreise Deutschlands dazu sagen, daß ein geständiger Wechselfälscher in Oesterreich freigesprochen wird!" Prag, den 19. Oktober. Einen empfindlichen Verlust hat unsere Gemeinde durch das Hin scheiden des Herrn Rabbiner Dr: Moritz Tauber erlitten. Derselbe ist am 13. dss. nach kurzem Krankenlager im 56. Lebensjahre gestorben und unter allgemeiner Theilnahme beerdigt worden. Dr. Moritz Tauber war Rabbiner und Prediger der hiesigen Neu - Synagoge, eines bereits seit mehr als 200 Jahren bestehenden Tempels, der vor 40 Jahren umgebaut und mit einer Orgel versehen wurde. Tauber war hier der Nachfolger des in Amerika verstorbenen Dr. Adolf Hübsch. Er war ein ausgezeichneter Kanzelredner, ein tüchtiger Religionslehrer und ein hochachtbarer Charakter. In der Hauptgemeinde fungirte er als erster Oberrabbiner - Stellvertreter. Das Begräbniß zeugte von der Beliebtheit des Verstorbenen. In der Neu-Synagoge sprachen Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld und Rabb. Dr. Kisch. Kein Auge blieb thränenleer. Der Name des vortrefflichen Mannes wird in dem Kreise, den er ausgefüllt, immer in Ehren sortleben. E. Bl. Albanj-Szäntv, im Oktober. Der Advokat Dr. Wilhelm Väzsonyi, der Leiter der Rezeptionsbewegung, dessen Verdiensten Ihr geschätztes Blatt große Anerkennung zollte, kandidirt in unserm Wahlbezirke. Ein Rabbiner in unserer Umgebung erlaubte sich den Scherz, ihn — als Antisemiten zu erklären, was natürlich zur Folge hatte, daß die Juden nicht Anhänger jenes Juden wurden, dem wir das Rezeptionsgesetz zu verdanken haben. Der geistreiche Rabbiner heißt LLzür Löw und residirt in Ungvür. Non Nah und Fern. ---- Dem Sanitätsrath Dr. Max Barschall ist der Titel als Geheimer Sanitätsrath verliehen worden. — Nach dem Bericht des Pastors Knak auf der brandenburgischen Provinzialsynode Haben sich, in Berlin -während der letzten drei Jahre insgesammt 80 Juden zur Taufe gemeldet; es konnten aber nur 36 ausgenommen werden. — Die antisemitischen Blätter wissen bereits zu melden, daß gegen das Urtheil in dem Ritualmordprozesse Sedlatzek die Revision angemeldet sei. Es werde besonders darauf Gewicht gelegt werden, daß der Revisionssenat die bisherige Judikatur des Reichsgerichts umgestoßen hat, ohne einen Beschluß der vereinigten Strafsenate herbeizuführen. — Die diamantene Hochzeit feierte in Stendal der Rentier Bamberg mit seiner Gattin. Oberbürgermeister Werner überreichte den greisen Eheleuten die vom Kaiser verliehene Jubiläumsmedaille. Im Namen der israelischen Gemeinde brachte der Vorsteher derselben, Bankier Meyer, der mit einer Deputation erschien, Segenswünsche dar.. Der Jubelbräutigam ist. 91, die Jubelbraut 80 Jahre. Beide erfreuen sich noch großer Rüstigkeit. — Herr Dr. Werner, Oberlehrer an der Wöhlerschule (Realgymnasium) in Frankfurt a. Main ist zum Professor ernannt worden. — Die Zahl der Juden im Herzogthum Meiningen beläuft sich nach der letzten Volkszählung auf 1487. Meiningen rangirt an erster Stelle, es folgen Hildburghausen und Themar. — Die „Libre Parole" in Paris kündigt das demnächstige Erscheinen einer antisemitischen Fahne an. Sie soll bestehen aus der Tricolore mit einer Garbe, und Kornblumen nebst dem Wahlspruch „Frankreich den Franzosen". — Bei den Wahlen zum Zentral-Konststorium in Paris wurde im ersten Wahlgang kein Resultat erzielt, da nicht die genügende Stimmenanzahl vorhanden war. In PariZ haben von 3043. Wählern nur 459 gewählt, in der Provinz von 477 Wählern 215. Die meisten Stimmen erhielten Baron Gustav Rothschild, Advokat N. Leven, Ernst Mayer und General Söe. Am 25. d. M. findet deshalb eine nochmalige Wahl statt. — In Paris wurde eine Kreditbank zum Zweck der Unterstützung der jüdischen Kolonisten und Handwerker in Syrien und Palästina begründet. Diese Bank wird Anleihen auf bewegliche und unbewegliche Güter begeben. Den Vorstand bilden die Herren: Bankier S. Cohn, I. H. Schames und S. Altmann in Paris. Dr. H. Hildesheimer und Dr. Heinrich Meyer Cohn in Berlin. — In London ist der Erzbischof von Canterbury Dr. Benson gestorben. Derselbe war ein warmer Freund der Juden und ist bei dem bekannten Meeting in Guildhall am 10. Dezember 1890 sehr energisch gegen die Verfolgungen in Rußland ausgetreten. — In London ist am 7. d Mts. der gelehrte Jsaac Hirschensohn aus Pinsk im 47. Lebensjahre gestorben. Derselbe war ein gelehrter Talmudist, dessen Scholien zum Talmud und Kommentare zum Schulchan Aruch großen Werth haben. Er hat auch in Jerusalem eine Zeitschrift „Beth Jacob" herausgegeben. — Der Erzbischof von Warschau Mr. Flavian, war während seiner Inspektionsreise, welche er soeben in den Gemeinden des Gouvernements Kalisch unternommen hat, der Gegenstand zahlreicher Ovationen von seiten der jüdischen Bevölkerung. In Kalo überreichten die Juden eine in hebräischer Schrift auf, Seide geschriebene und reich gebundene Bibel. Der Kirchenfürst sagte den jüdischen Delegirten, welche ihn willkommen hießen : „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihren Empfang. Die Bibel hier ist uns ebenso heilig wie Ihnen; aus dieser gemeinsamen Quelle schöpfen Christen und Juden ihre geistige Nahrung. Ich weiß, daß Ihre gegenwärtige Lage eine äußerst klägliche ist, ich wünsche für Sie bessere Zeiten. Möge unser gemeinsamer Gott Sie segnen, möge er Ihren Kummer lindern und Ihnen ein weniger mühseliges Leben bescheeren!" — Die Karäer in der Krim haben die Absicht, dem Zaren Alexander III., der auch Tschufut-Kaleh besucht hat, ein Denkmal zu errichten. — Auf der allrussischen Ausstellung inNischni-Nowgorod haben die kaiserliche Medaille erhalten: I. K. Poznansky in Lodz, die Alexandrow'sche Zuckerfabrik in Odessa, Em. Weinstein & Söhne in Odessa. Die goldene Medaille haben 17, die silberne Medaille 28, die bronzene 47, lobende Anerkennung 30 erhalten. Ein Diplom II. Klasse hat die Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland, ein Diplom III. Klasse die Handwerkerwaisenanstalt in Minsk und ein Diplom IV. Klasse die jüdischen Handwerkerschulen in Warschau, Minsk, Ostrom erhalten. — Wir haben kürzlich über eine verheerende Feuersbrunst berichtet, welche im Judenviertel von Fez gewüthet hat. Die Blätter aus /Tanger enthalten noch folgende Details: Das Feuer entstand in der vergangenen Woche während des Laubhüttenfestes, um welche Zeit im engen Ghetto (Mellah) von Fez Hunderte von aus Zweigen und Laub errichtete Hütten dicht neben einander stehen. Eine dieser Hütten gerieth nun in Brand, und das Feuer theilte sich nun auch den aus Holz erbauten Dächern der Wohnhäuser mit. Der Sultan hatte wohl 200 Askaris (Soldaten) zum Löschen ins Judenviertel geschickt, die meisten derselben mußten jedoch zur Ueberwachung des in der Nähe stehenden Pulverthurmes verwendet werden, sonst wäre eine furchtbare Katastrophe erfolgt. 500 Häuser liegen nun in Asche. Zwei Frauen find verbrannt, 80 Personen liegen an Brandwunden darnieder, Druck und Verlag von R u 0 v l f M o s s e in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in-Berlin:

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