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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-23 · Heft 43 (23.10.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 43 (23.10.1896)
Date
1896-10-23
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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r^y£~\:y-: v. WMMWEAVW«« 60. Lahrgang. «r. 43. Stalin, 23. Oktober 1896. Weitage zur „Allgemeinen JeiLung öes IuöenLHums". Korrespondenten und Nachrichten. Drutschlan-. 81. Berlin, 20. Oktober. Sitzung der Repräfentanten- Versammlung am 18. Oktober 1896. Der Sitzungs-Saal bot dieses Mal ein verändertes Bild insofern, als man, um die akustischen Verhältnisse zu verbessern, eine Umstellung der Sitze der Repräsentanten wie des Vorstands vorgenommen hat. Es steht, also zu hoffen, daß man jetzt besser hören wird, möchte man nur auch immer Besseres hören! Nach Verlesung des Protokolls der letzten Sitzung genehmigt die Versammlung die Annahme der Erbschaft des in Wiesbaden verstorbenen Rentiers Felix Blumenthal, sowie einer Reihe von Legaten, welche auf Grund des gleichen Testaments den Wohlthätigkeitsinstituten Zufällen. Die Summe von 150 000 Mark ist für den Neubau, bezw. eine Erweiterung des Krankenhauses bestimmt; bis zu jenem Zeitpunkte sollen die Zinsen bedürftigen Kranken und Rekonvaleszenten zufallen. 30 000 Mark sollen der Armenkommission zufallen, die Zinsen sollen in Summen von nicht unter 100 Mark an verschämte Arme vertheilt werden. 3000 Mark sind zur Instandhaltung der Gräber des Testators und seiner Angehörigen bestimmt, 20 000 Mark für die von Herrn Moritz Manheimer begründete Altersversorgungs-Anstalt. Eine Resolution, betreffend ein Ersuchen an den Vorstand, die oben erwähnten 150000 Mark zum Bau einer gynäkologischen Abtheilung im Krankenhause zu verwenden, wird zurückgezogen. Ein weiteres Legat in Höhe von 6000 Mark Seitens des verstorbenen Herrn Adolph Rieß in Dessau wird ebenfalls angenommen. Die Zinsen sind für die Unterhaltung der Grabstätten des Gebers, sowie seiner Eltern und Großeltern bestimmt, ferner für das Hospital und die Armenkommission. Die auf den Grundstücken Rosen - straße2und Gr oße Hamburgerstraße 26 ruhenden Meyerbeer'schen Hypotheken von 48 000 bezw. 52 000 Mark werden auf weitere fünf bis zehn Jahre zu einem Zinsfüße von 3l/2 pCt. (bisher 3^ pCt.) verlängert.' Zur Anschaffung der inneren Einrichtung des Hospitals werden als Zuschuß 5000 Mark bewilligt; 7000 Mark sind durch freiwillige Gaben bereits gedeckt. Es folgt hiernach die Dechargirung einiger Berwaltungsberichte. Der Rechnungsabschluß des jüdischen Krankenhauses schließt mit einem Minderverbrauch von 3350 Mark. Am 1. April waren 130 Kranke vorhanden. Während des Jahres wurden ausgenommen 1407, entlassen 589, verstorben sind 171. Von den aufgenommenen 1547 Personen wurden mehr als die Hälfte (55 pCt.) unentgeltlich behandelt und verpflegt. Die Verpflegungskosten betrugen 1896 1,17, im Jahre 1895 aber 1,20 Mark per Kops. Die Mortalitätsziffer betrug in der inneren Abtheilung l3Vs pCt., in der äußeren Abtheilung 8Vs pCt. Das Vermögen der Anstalt beläuft 'sich zur Zeit auf 1 193 006 Mark, das bedeutet gegen das Vorjahr eine Vermehrung um 25 287 Mark. — Die Centralstelle für die Wohlthätigkeits-Einrichtungen der jüdischen Gemeinde schließt ihre Jahresrechnung gleichfalls mit einer Minderausgabe von 786,20 Mark ab. Schließlich bewilligt die Versammlung auf Antrag des Stadtraths Dr. Weigert die Summe von 1999,50 Mark für Reparaturen von Grabsteinen. Damit schließt um 12 Uhr die öffentliche und diesmal sehr ruhig verlaufene Sitzung. exv Berlin, 19. Oktober. Durch eine entsetzliche Blutthat hat unsere Gemeinde gestern eines ihrer besten und geachtetsten Mitglieder verloren. Einer der hervorragendsten deutschen Juristen, der Rechtsanwalt und Notar Justizrath Meyer Levy, Vorsitzender des Berliner Anwaltsvereins, ist in der sechsten Morgenstunde in seinem Bette ermordet worden. Vier junge Männer im Alter bis zu 20 Jahren hatten die Absicht, in der im Hause Mohrenstraße 53 befindlichen Wohnung einen Einbruchsdiebstahl zu verüben, in der sie große Geldsummen vermutheten. ' Sie schlichen sich am Sonntag Morgen gegen sechs Uhr in das Haus ein, und zwei von ihnen gelangten durch ein Flurfenster auf eine an der Hofseite am zweiten Stockwerk' entlang laufende Galerie, von der sie Zutritt zu der Wohnung des Justizraths fanden. Die zu der Galerie führenden Thüren waren nicht verschlossen, auch die Thür des Schlafzimmers des Levyschen Ehepaares stand offen. Justizrath Levy und seine Gattin lagen in festem Schlafe, als die Verbrecher eindrangen. Einer von ihnen versetzte dem alten Herrn mit einem Dolchmesser mehrere Stiche; dieser stieß einen Schrei aus, und seine Gattin erwachte. Bevor sie noch die entsetzliche Situation überschauen, konnte, hatte der Mörder sich auch ihr zugewandt und sie durch zwei Stiche, die indeß nicht gefährlich sind, verletzt. Die Hilferufe der alten Dame alarmirten die Hausbewohner, und die Mörder ergriffen die Flucht. Sie entkamen mit ihren beiden Genossen, die im Hause Wache gestanden hatten. Justizrath Levy ist kurze Zeit nach dem Ueberfall seinen Verletzungen erlegen. Justizrath Meyer Levywurde geboren am 17. Januar 1833 in Wollstein. Am 18. Juni 1862 vermählte er sich mit Rosa Hirschberg. Justizrath Levy hatte eine sehr bedeutende Praxis und erfreute sich in den Kreisen seiner Standesgenossen der größten Beliebtheit. Seine angesehene Stellung in den hiesigen juristischen Kreisen läßt sich wohl am besten daraus beurtheilen, daß er Mitglied des Vorstandes der Anwaltskammer war. Seinen juristischen Scharfsinn hat Justizrath Levy nicht allein in der Ausübung seiner ausgedehnten Praxis bethätigt, sondern auch in verschiedenen schriftstellerischen Arbeiten, von denen namentlich der gemeinschaftlich mit dem Geheimen Justizrath Dr. B. von Wilmowski verfaßte Kommentar zur Deutschen Civilprozeßordnung die Anerkennung der Fachkreise fand. In Gemeinschaft mit Dr. von Wilmowski bearbeitete Levy ferner die Handausgabe der Civilprozeßordnung und die Ausführungsgesetze zum Gerichtsverfassungsgesetz und zur Civilprozeßordnung. Bei dem jüngsten Anwaltstage in Berlin begrüßte Justizrath Levy die aus allen Gauen des Reiches erschienenen Gäste und erregte die Aufmerksamkeit weiterer juristischer Kreise durch seinen Vortrag über den Parteieid an Stelle des Zeugeneides. Aber Justizrath Levy war auch ein guter Jude, der stets energisch für die Rechte seiner Glaubensgenossen eintrat. Schon im Jahre 1867 schrieb er eine Broschüre: „Der Staat und die Juden im Norddeutschen Bunde", die allgemeines Aufsehen erregte. Im selben Jahre zog er nach Berlin, und hier war er jahrelang stellvertretendes Mitglied des Repräsentantenkollegiums. Auch in dem Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe war er eines der hervorragendsten Mitglieder, und oft hat er in den letzten Jahren seine Stimme erhoben, wo es galt, für die Rechte der Juden einzutreten. Der Verlust eines solchen Mannes, doppelt empfindlich in einer so traurigen Zeit, wird durch eine solche entsetzliche Katastrophe um so schmerzlicher empfunden werden und eine tiefe Lücke zurücklassen. Außerdem hat unsere Gemeinde noch zwei andere Verluste in dieser Woche zu beklagen. Zwei Männer, die in der Uebung von Liebeswerken ihre. Lebensaufgabe gesehen, sind dahingeschieden; der eine im besten Mannesalter, der andere im Greisenalter. Rudolf Demuth, der im 57. Lebensjahre gestorben, wurde am 17. d. Mts. beerdigt. Er war lange Jahre Rendant der Gesellschaft Nagine Reim und Verwalter vieler wohlthätiger Stiftungen. Rabbiner Dr. Weiffe hob in seiner Grabrede die besondere Hingabe und Pflichttreue des Dahingegangenen in seinen Ehrenämtern rühmend hervor. — Adolf Eis eck starb im 74. Lebensjahre und wurde gleichfalls am 17. d. Mts. in Weißensee beerdigt. Er war Mitglied des Vorstandes des Brüdervereins und lange Jahre hindurch ein eifriges Mitglied der Armenkommisston der jüdischen Gemeinde. Während seines ganzen Lebens legte er für wohlthätige Bestrebungen stets ein warmes Interesse an den Tag. Das Andenken aller dieser Männer möge zum Segen sein! 22 Berlin, 21. Oktcber. Die Saison der Litteraturvereine hat begonnen. Hier eröffnete gestern Herr Rektor Dr. S. Adler den Cyklus der öffentlichen Vorlesungen mit einem sehr interessanten Bortrage: „Vor achthundert Jahren", in dem er die Leiden der Juden während der Kreuzzüge schilderte. Das zahlreich versammelte Auditorium

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