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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-23 · Heft 43 (23.10.1896) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 43 (23.10.1896)
Date
1896-10-23
Page
Seite 512 (sequence 8)
Language
German
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512 diesem entspricht, bricht Hiob in. Klagen über alles herrschende Unrecht aus : Warum herrscht Gott nicht so über die Zeiten, Daß seine Diener den Tag seiner Gerechtigkeit sehen? Indessen ziehen die Bösen die.Grenzen Und lassen geraubte Heerden weiden. Sie treiben der Waisen Esel vor sich Und nehmen den Ochsen der Wittwen zum Pfand. Drängen die Armen vom Wege, Zwingen die Schwachen, sich zu verbergen. Ihre Opfer sind wie Wildesel in der Wüste, Am Morgen gehen sie aus und suchen Nahrung. Die Wüste giebt ihnen Speise für die Kinder. Sie verbringen die Nächte ohne Kleidung, Sie haben keine Decke gegen die Kälte. Sie werden vom Regen der Berge durchnäßt. Ohne Schutz drücken sie sich wider die Felsen. Sie müssen Oel pressen in ihrer Plünderer Behausung, Und während sie Wein kelternleiden sie Durst. Aus den Städten erhebt sich der Seufzer der Sterbenden, Der Verwundeten Seele ruft nach Rache — Und Gott richtet all das Unwürdige nicht. So klagt auch der 73. Psalm, der ungefähr zu der gleichen ' Zeit geschrieben wurde. Ich sah das Glück der Gottlosen. Sie sind frei von Qualen bis zu ihrem Tode, Und ihr Leib ist gemästet. Sie gerathen nicht in Elend Und werden nicht wie Andere geplagt. Darum wurde Hochmuth ihr Halsschmuck, Gewalt die Tracht, worin sie sich kleideten u. s. w. Doch das Interesse weilt nicht bei der Klage über das Glück der Gottlosen, -- sondern bei den Folgerungen, die daraus gezogen werden, den Zweifeln und den Fragen, die zum Himmel aufsteigen und die in Augenblicken zum Aufruhr gegen Jehova führen. Hierin hat Hiob innerhalb der griechischen Welt des Alterthums nur ein Gegenstück: Prometheus. Prometheus ist der Titan, der die Sterblichen bedauert, mit der' Gerechtigkeit Gottes gegen sie unzufrieden ist und ihnen zur Linderung ihrer Roth die Gabe des Feuers schenkt. Zur Strafe wird er gebunden, , gemartert, au den Felsen geschmiedet, der mit ihm in den Abgrund sinkt, bis Herakles ihm nach Jahrtausenden Erlösung bringt-. Offenbar hat sowohl in Prometheus als in Hiob ein Zweifelgeist gekeimt, der durch die Religiosität Griechenlands niedergeschlagen wurde, wie der Zweifelgeist Hiobs durch die Palästinas. Man findet im Prometheus des Aeschylos die gleiche schwache, in Unterwerfung vor Zeus geknickte Sympathie für den Titanen, wie man sie im Buche Hiob für die Vorwürfe und Klagen des Helden findet. Griechenland beschwichtigte seine Zweifel und inneren Kämpfe wegen der Frage der gerechten Weltenleukung mit der gleichen Grundidee seiner Philosophie, seinem Streben nach vernünftiger Einsicht in das Wesen und die Gesetze der Natur. Renan hat richtig empfunden, daß selbst die ältesten griechischen Denker, ein Thales, ein Heraklit, über die naiven Fragen gelacht haben würden, durch welche man im Hiob des Menschen Hang zur Erfassung der Welten-, gesetzt zum Schweigen bringen zu können glaubt. Israel bekämpfte das Problem mit hartnäckigem Festhalten an der Idee seiner ältesten Propheten, mit dem Gedanken an eine stets steigende Gerechtigkeit auf Erden, mit der Vorstellung einer anhaltenden Arbeit zur Herbeiführung des Gottes-Reiches, das Jesaias und Micha beschrieben. > - - Jesaias hat eine Zukunft des Friedens geahnt, -Micha eine Zukunft der gegenseitigen Duldsamkeit. > Jesaias hat geglaubt, daß es seines Volkes Bestimmung sei, den allgemeinen Friedenszustand herbeizuführen. Er sagt: „Es wird einmal im Laufe der Tage kommen, daß das Haus Jehovas, sich wie ein Berg über den Gipfel der Berge erheben wird, hoch über die Höhen, und alle Volksstämme werden herbeiströmen. Und zahlreiche Völker werden kommen und sagen: Laßt uns nach dem Berge Jehovas ziehen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns seine Wege lehre und wir auf seinen Steigen wandeln. . . Und Jehova wird unter den Völkern richten und ihr Gewalthaber sein. Aus ihren Schwertern werden, sie Pflugscharen schmieden, aus ihren Spießen werden sie Sensen machen. Die Völker werden nicht mehr das Schwert gegen einanber aufheben und werden nicht mehr im Kriege sich üben." - Es scheint sogar, als habe Jesaias diese Worte nach einem noch' älteren Propheten angeführt. Doch noch merkwürdiger ist eine Aeußerung von Micha, die nicht nur eine Zukunft des Friedens ahnt und hofft, sondern eine solche, wo die Religionen die Völker nicht mehr scheiden. Man denke sich, was das sagen will, daß in dem achten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ein Mann ohne äußeres Ansehen sich erhoben hat, der fast mit gleichen Worten die Zukunftsvision, die wir bei Jesaias fanden, ausgesprochen hat und den Worten von den Nationen, die ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden werden und ihre Spieße zu Sensen, noch dieses zugefügt hat: „Und sie werden wohnen, ein Jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum, und Keiner stört sie; denn Jehova, der Allmächtige, hat gesagt: Und alle Völker werden wandeln im Namen ihres Gottes, aber wir werden wandeln im Namen des Herrn, unseres Gottes, immer und ewiglich." Diese Ahnungen und die entsprechenden Bestrebungen sind die Versuche, die das Volk Israel, 700 Jahre vor Christi Geburt, -im Hiob zur Durchhauung des Knotens gemacht hat. FEUILLETON Das Tagebuch eines Abtrünnigen. -Von I. Z an g will. Autoristrte Uebersetzung von Frau Dr. I. Wedell. (Fortsetzung.) ^aulzu Gefallen schlürfte ich etwas Thee aus meinem Glas und sagte während dessen so gleichgiltig, wie es mir möglich war: „Aber was erbittert Dich eigentlich so gegen die Juden „Und was macht Dich so plötzlich zu ihrem Vertheidiger?" frug er zurück? „Wann habe ich sie vertheidigt?" „Verzeih," sagte er. „Natürlich hätte ich wissen müssen, daß Du nur des Prinzips halber für sie eintrittst. Aber ich gestehe zu,

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