Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
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511 als selbständige Nation zu existiren, und vom Judenthume losgelöst war, das heißt von der'Sekte, die das von den Assyrern und Chaldäern vernichtete Volk überlebte, konnte ein Werk von dieser Geistesfreiheit nicht mehr entstehen. Dazu erhob man sich erst wieder, als in den letzten Jahrhunderten Israels sich im Kohelet ein halb blasirter, halb epikuräischer Aufruhrgeist regte, gleichzeitig gegen die herrschende Ungerechtigkeit wie gegen die religiöse Askese. Das Buch Hiob bezieht sich wahrscheinlich auf einen Zustand, der nicht weit entfernt von der alten patriarchalischen Zeit des Nomadenzustandes liegt, wo der Besitzer von großen Heerden, der reiche und glückliche Mann derjenige war, der sich durch Seelenadel auszeichnete. Sobald die Civilisation in die. Stämme eindrang, hörte nothwendigerweise diese Harmonie auf, manch reicher Mann war ein Räuber und Verbrecher. Früher gab es keine eigentlichen Armen. Höchstens unter den Umherstreifern aus fremden Stämmen, die von der geordneten Bevölkerung gering geschätzt wurden und die Hiob als Leute bezeichnet, „deren Vätern ich den Platz unter meinen Schafhunden verweigert hätte, die mit Geschrei, wie Diebe, aus der Menschen Mitte ausgestoßen sind, die die Wüste benagen und die alten Stätten der Einöde und der Wildniß". Nun sah man überall Arme, und bisweilen trat dieser übermächtige Umschlag in Verhältnisien und Schicksalen ein, von denen die Geschichte Hiobs eine Uebertreibung und Systematisirung darstellt. Damals war es, daß Mann für Mann auf jede Weise die Schwierigkeit zu lösen versuchte. Hiob klagt, daß ihm das Leben geschenkt wurde und daß Gott, der durch seine Unschuld nicht gerührt wird, den Verbrecher herrschen und falsche Richter urtheilen läßt: Ja, ich bin unschuldig. Wenig kehrt mich das Leben, Ich begehre keines Lebens mehr. Alles nutzt gleich wenig. Darum Hab' ich gesagt: Er läßt Beide sterben, den Gerechten und den Gottlosen. O, daß er mich wenigstens mit einem Schlage niederwerfe! Aber er spottet der Qualmen der Unschuldigen. Das Land hat er in die Hände der Gottlosen gegeben, Er verhüllt das Antlitz der Richter. — Ist er es nicht, wer sollte es anders sein? In bilderreichen Worten hat er schon früher über seine hartherzigen Freunde geklagt: Meine Brüder sind treulos wie ein Bach gewesen. Wie ein Bach, der bald schwillt und bald schwindet. Der Eisstücke vorwärts rollt Und steigt, wenn der Schnee ihn anfüllt. Zur Zeit der Trockenheit versiegt er. Bei der ersten Hitze verschwindet er vom Ort. Um seinetwillen müssen Karawanen vom Wege abbiegen. In die Wüstenöde ziehen und dort zu Grunde gehen. Die Karawanen von Themar zählten auf ihn. Die Reisenden von Saba hatten auf ihn gehofft. Sie wurden beschämt durch ihr Vertrauen, Als sie sich näherten, standen sie verwirrt. So habt ihr mich getäuscht. Beim Anblick meines Unglücks seid ihr geflohen. Und mit stets neuen Wendungen variirt Hiob dieselbe Klage über Gottes Strenge als eines Strafrichters, der keine Gründe angiebt: Sag' mir die Anzahl meiner Verbrechen, Lehr' mich mein Unglück erkennen. Warum verbirgst du dein Antlitz, Warum behandelst du mich als Feind? Willst du ein fliegendes Blatt erschrecken. Willst du einen dürren Halm verfolgen? Ich werde wie ein morscher Baum verzehrt, Wie ein Kleid, das die Motten zerfressen. Der Mensch, vom Weibe geboren. Lebt kurze Zeit und ist voll Unruh', Geht auf wie eine Blume und fällt ab. Flieht wie ein Schatten und währet nicht. Und solch' ein Wesen bewachest du, Und zwingst es zum Richtgange gegen dich! Zu diesem Bilde kehrt Hiob immer wieder zurück: ein Verfahren, das im Voraus verloren ist. So weiterhin in der Dichtung: Merk', es ist Gott, der mir Unrecht thut Und mich mit einem Strick umfängt. Ich wehre mich gegen Gewalt — Niemand antwortet. Ich rufe — Niemand zeigt mir Gerechtigkeit. Er hat meinen Weg mit einer unübersteigbaren Hecke umgeben. Er hat Finsterniß über alle meine Pfade gebreitet. Er hat mich meiner Ehren beraubt. Den Kranz von meiner Stirn gerissen. An anderer Stelle richtet Hiob den Blick nach außen, und dann gelten seine Klagen hauptsächlich dem Glücke der Bösen, der Angst und der Furcht, die sie verbreiten, und dem Ansehen, dessen sie sich bis zum Grabesrande, ja über den Tod hinaus erfreuen: Warum leben die Gottlosen? Werden alt und wachsen an Kraft? Ihr Geschlecht gedeiht um sie her. Ihre Nachkommen sind mannigfach bei ihnen. Ihr Haus hat Frieden vor der Furcht, Gottes Ruthe trifft sie nicht. Wer wirft dem Bösen sein Verfahren vor? Wem giebt er Entgelt für das, was er gethan? Man trägt ihn mit Ehren zu Grabe, Und man hält Wache an seiner Grabstätte. Wiederum wendet sich die Vorstellung zu Gott M dem unsichtbaren Richter, zurück, und Hiob klagt bitter, daß der Herr als Richter unerforschlich, unfindbar ist: O, daß ich wüßte, wo ich ihn fände! Wenn ich zu seinem Throne gelangen könnte! Ich wollte meine Sache vor ihm führen. Ich würde meinen Mund mit Beweisgründen füllen. Ich würde erfahren, welche Gründe er mir entgegenstellen kann. Ich würde sehen, was er mir antworten kann. Würde er mit aller Macht mich bekämpfen? Nein, er würde mir sein Ohr leihen! So würde er sehen, daß ein Unschuldiger seine Sache führt. Und ich würde für immer von meinem Richter freigesprochen. Aber geh' ich nach Osten, so ist er nicht da. Kehr' ich nach Westen mich um, so find' ich ihn auch nicht. Uebt er im Norden seine Macht? Ich sehe ihn nicht. . Ist er im Süden verborgen? Ich spüre ihn nicht. Und in einer Wendung, die der berühmten Klage vorgreift über . „den Hohn der Gewaltthäter und den Druck der Hoffart" u. s. w. in Hamlets Monolog und in dem Shakespeare'schen Sonett, das