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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-23 · Heft 43 (23.10.1896) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 43 (23.10.1896)
Date
1896-10-23
Page
Seite 510 (sequence 6)
Language
German
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510 Christus und Mnstan. gj ■ Wien, Mitte Oktober. M^n Nr. 39 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" habe über den zwischen Antisemiten und Sozialdemokraten wüthenden Kampf „um die fünfte Kurie" Bericht erstattet. Aber nicht die Sozialdemokratie allein ist es, welche die eben erst etablirte Herrschaft des Antisemitismus in Oesterreich ernstlich gefährdet. Es hat sich ihr ein innerer, weit gefährlicherer Feind zugesellt, — der Gegensatz im treibenden Motive. Für uns Juden mag dieser Gegensatz im ersten Gefühle der über uns verhängten Leiden gleichgiltig sein, — für den Antisemitismus selbst als politische Bewegung und politische Macht ist er es nicht, ist er eine verderbliche Wurzelkraukheit der allerschlimmsten Art. Es giebt eigentlich viele Schattiruugen innerhalb des Antisemitismus, von der schwärzesten Nuance der Kircheufreunde angefangen bis einerseits zur rothesten der Hetzkapläne und andererseits zur grünsten der Christenthumhasser. Aber im Ganzen und Großen, und namentlich hinsichtlich der Parteinahme im wirklichen Bruderkriege, giebt es zwei Lager. Das eine umfaßt Alle, die unter dem Schlagworte „christlich-sozial" in den Kampf ziehen, mögen es nun die mehr „christlichen" oder die mehr „sozialen" fein. Auf der anderen Seite stehen die „Deutsch-Nationalen" verschiedener Stärkegrade. Daß es auch Leute giebt, die zwischen den beiden Lagern hin- und herschwanken oder auch direkt unter die Unrechte Fahne gerathen sind, ist selbstverständlich. Es sind die allerunleidlichsten der ganzen, gewiß nicht sehr sympathischen Gesellschaft. Die „Christlich-Sozialen" tragen ihren Namen wie lueus a non lucendo. Christus und das Christenthum haben mit ihren Bestrebungen wahrlich nichts zu thun. Sie sind nämlich ganz und gar nicht mit den. deutschen Evangelisch-Sozialen oder den englischen Christlich-Sozialen zu verwechseln, deren Ideale wirklich dem sozialsittlichen Jdeenkreise des in den Bahnen der großen jüdischen Propheten sich bewegenden christlichen Neligionsstifters entstammen. Ihr Christus ist nicht der Sohn Gottes, nicht der große hebräische Ethiker, auch nicht etwa ein idealisirter, prometheischer Arier; nein, er schrumpft in ihren Worten und Thaten zu einem mittelalterlichen Zuuftphilister zusammen. Ihr Christenthum ist nicht die Tochter des Judenthums, nicht die Religion der Liebe, nicht einmal die Weltmacht der Kirche; es ist eine Art nützlicher Versicherungsgesellschaft gegen alle unbequemen Konkurrenz im Handel und Wandel. Noch ungerechtfertigter wird ihr Name „Christlichsoziale" dadurch, daß sie ihn abwechselnd mit dem anderen: „Antisemiten" gebrauchen. Der zweite schlägt dem ersten ins Gesicht. Diese Koppelung ist ebenso ein Unsinn, als wenn sie sich „Semitisch-Sozial" und gleichzeitig „Antichristen" nennen würden. Aus der Verworrenheit des Programms und der Bornirtheit der Ziele folgt, daß nur ungebildete Spießbürger daran Gefallen finden, oder — schlaue Spekulanten, die aus der Dummheit der Menge Nutzen ziehen wollen. Damit fiiib die Typen der Parteigänger und Parteiführer gegeben: Wiener Wähler als Heerde und Dr. L ue ger als Hirte. Damit ist auch die Methode, die Taktik gezeichnet: Rohe Hetze, Gesinnungs-Protzenthum, Partei-Uebermuth, Personen-Anbetung, ungezügeltes Streberthum. Von Würde und Ernst keine Spur. Hoch über den „Christlich - Sozialen" stehen die „Deutschnationalen" (nicht jene eingerechnet, welche nur diesen Namen tragen, aber nach Programm und Art zu den „Christlich-Sozialen" gehören). War bei Jenen „Christus" nur eine Maske oder bestenfalls ein froinmer Selbstbetrug, so ist hier „Wuotan" ein ernstes Wollen und das letzte Glied in einer langen Reihe logischer Konsequenzen. Sie sind noch nicht Alle bei „Wuotan" angelangt, und die Meisten werden's Wohl auch nie, aber es ist von großer Wichtigkeit, daß die Führer der Partei so weit gekonunen sind. Von Dühring'schen Grundsätzen ausgehend, erkennen sie im Christenthum das gehaßte Judenthum wieder und sinnen auf seine Ausmerzung aus dem germanischen Volksleben. Zu diesem Zwecke tragen sie sich ganz ernstlich mit dem Gedanken, das alte deutsche Heidenthum, in modernisirter Gestalt vielleicht, wieder einzuführen. Es klingt unglaublich, ist aber wahr, daß sie „deutsche Religiousbücher" (sie!) verbreiteil und in ihren Zeitschriften die römischen Monatsnamen, zuweilen auch schon die christliche Zeitrechnung abgeschafft haben, um sie durch altdeutsche Monatsnamen, beziehungsweise durch eine Aera vom Erscheinen der Germanen in der Weltgeschichte zu. ersetzen. Aus diesem unmöglichen Programm, das an Julian Apostatas Beginnen erinnert, und dieser Zielrichtung nach rückwärts statt nach vorwärts ergiebt sich wieder ein bestimmter Typus für Anhänger und Führer: Doktoren, Studenten, Lehrer als Truppe und Georg Schönerer als General. In diesem Lager würden verfeinerte Bosheit, lächerlicher Gesinnungspathos, uferloser Fanatismus, kindische Eitelkeit und Heroen-Kultus herrschen, aber auch Rückgrat und eine gewisse Ehrlichkeit nicht mangeln. Es bliebe nur noch die Frage zu erörtern, welche dieser beiden Richtungen den Juden gefährlicher ist. Meines Erachtens die Deutsch - nationale. Dieses Urtheil wird nicht durch das starke Wiederhervortreten .der Schönerer - Partei, — so daß mau von Schönerer redivivus sprechen könnte, — veranlaßt, sondern durch zwei Erwägungen. Einerseits ist der aufrichtige anhaltende Fanatismus bedrohlicher als der affektirte eines Komödianten oder der verflackernde eines Strohkopfes. Andererseits ist der christlich-soziale Antisemitismus blos auf Schemen der Vergangenheit oder absterbender Gegenwart gebaut, während der deutsch-nationale allerdings auch am Alterthum klebt, aber infolge der höheren Intelligenz und der modernen Bildung seiner Parteigänger Aussicht hat, über das Wuotanthum hinaus zu kommen. Dann doch aber auch über den Judenpuukt — wird man mir antworten. Das ist eben die Frage. In Bezug auf die Juden entwickeln sich die Gehirne verteufelt langsam. Und so können unsere deutsch-nationalen Antisemiten noch sehr gefährlich werden. VienneusiL. Aas Buch Histk. Von Georg Brandes. IV. fer .Dichter steht gegenüber jener Grundfrage: Wo und wie herrscht die Gerechtigkeit? Hiob verneint, daß dieselbe in dem Stamme und in der Familie befriedigt wird. Der böse Mann stirbt im Wohlleben und merkt nichts von der möglichen Geringschätzung, die seinen Sohn trifft. Und Hiob verzweifelt über das Elend der Menschen, über die Gleichgiltigkeit des Himmels, über die grausame, unbestrafte Ungerechtigkeit der Bösen, über das klägliche Mißgeschick der Armen und über Gottes Unerforschlichkeit, wenn er am heißesten gesucht wird. Am Schluß des Buches findet man die übliche und bekannte Harmonie; aber in der Mitte des Werkes werden Fragen gestellt und Klagen mit einer Leidenschaft ausgedrückt, deren Flamme der Schluß nicht verlöscht. Und daß das Buch nicht ohne Weiteres lehrt, fonbern erörtert und zweifelt, ist mit ein Zeugniß seines hohen Alters. Als das alte Israel aufgehört hatte,

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