Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 509 (sequence 5)
- Language
- German
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der Begründung des Verbandes war die Erörterung dieses meines Antrages nicht angängig, ich will daher heute auf denselben wieder zurückkommen. In einem früheren Aufsätze habe ich über die Schwierigkeit dieser Frage auch geschrieben. In den vornehmsten größeren Gemeinden haben in der Regel nursolche jüdische Schulväter am „grünen Tische" zu reden, die ihre Kinder in höhere Schulen schicken und daher für die jüdische Volksschule gar nicht oder sehr wenig Interesse zeigen; anderseits würden dieselben befürchten, daß durch die Neuorganisation jüdischer Schulen ihnen Mehrausgaben erwachsen, obwohl diese Befürchtung durch das Schulentlastungsgesetz hinfällig wird. Andere werden wieder bemerken, daß in den meisten kleineren und Mittelgemeinden jüdische Kinder aus sechs- und mehrklassigen Schulen in ein-, zwei-, höchstens dreiklassige Schulsysteme kommen und dort nicht so viel lernen würden. Wollte man dem nun aus dem Wege gehen, die Kinder in den. sogenannten Simultanschulen belassen und nur verlangen, jüdische Lehrkräfte prozentualiter anzustellen, so würde man bei den maßgebenden Behörden auf Widerstand stoßen, wie die Verfügung für die Berliner Gemeindeschulen zur Genüge beweist. Was thun? Ich bin von jeher Freund der Simultanschule und würde den Tag mit Freuden begrüßen, an welchem alle konfessionellen Schulfragen aufhören. Die gegenwärtige Zeit fordert aber energisch die phantastischen Schultränmer auf, zu erwachen und mit den bestehenden Verhältnissen zu rechnen. Diese sind für uns jüdische Lehrer höchst traurige. Die Mehrzahl derselben muß in kleinen Orten ihr ganzes Leben zubringen, wo sie keine Gelegenheit hat, die Schwingen des Geistes zu regen. Und wenn sich auch hier und da ein Lehrer aufrafft, Mittelschullehrer- oder Rektoratsprüfung zu bestehen, wozu frommt das, welchen Praktischen Werth bieten sie dem jüdischen Lehrer? Wer müht sich heutzutage ab, ohne einen Erfolg seiner jahrelangen Arbeit zu erringen? Wo finden jüdische Mittelschullehrer und Rektoren als solche Anstellung? Die wenigen höheren jüdischen Privatschulen der großen Städte haben von akademischen Lehrern ein derartiges Angebot, daß der seminaristisch gebildete Lehrer unmöglich Berücksichtigung findet, ganz gleichgültig, ob die methodische Geschicklichkeit dieser Konkurrenten mit derjenigen der Volksschullehrer 311 wetteifern im Stande ist. Würden aber die großen Städte mehrere mehrklassige jüdische Volksschulen einrichten, so würden sich die jüdischen Lehrer freudigst der Mittelschullehrer- und Rektorenprüfung widmen, und dann hätten die Gemeinden oder Behörden es in der Hand, geeignete Bewerber zu wählen. Von den Gemeinden ist in dieser brennenden Frage nichts zu erwarten, darum nmß der Verband diese Sache in die Hand nehmen. Alle anderen Fragen müssen vor dieser zurücktreten; es darf nicht eher gerastet werden, bis . wir unser Ziel erreicht haben. An der Hand des jüngsten Jahrbuches des Gemeiudebundes habe ich eine Statistik der jüdischen Gemeinden Preußens aufgestellt, in welchen keine öffentlichen jüdischen Volksschulen, aber mindestens 40 jüdische Schulkinder sind. Die Ziffern hinter den Namen geben die Anzahl der Familien an. Man rechnet gewöhnlich im Durchschnitt soviel Kinder wie Familien angegeben . sind, gewiß die denkbar niedrigste Zahl, da auf jede Familie nur ein Kind gerechnet wird. Ich rechne ein Drittel von der Kinderzahl ab, die höhere Schulen besuchen, denn an den Mittel- und Bürgerschulen sollen eben jüdische Lehrer, Mittelschullehrer und Rektoren lmterrichten. Nach den Provinzen geordnet, ergiebt sich folgende Statistik. 1. Ostpreußen: Allenstein 80, Königsberg 1264, Ortelsburg 67, Osterode 58, Insterburg 64, Tilsit 122, also 6 Gemeinden mit ca. 1100 Schulkindern, die 27 Lehrer erfordern. 2. Westpreußen: Bereut 85, Danzig 700, Dirschau 70, Elbing 120, Marienburg 46, Culm 131, Graudenz 185, Könitz 78, Marienwerder 40, Schwetz 93, Thorn 240, 11 Gemeinden mit ca. 800 Kindern und 20 Lehrern. 3. Brandenburg: s) Berlin 17 200, mit 7465 Kindern und 186 Lehrern, b) Potsdam 125, Prenzlau 104, Spandau 70, Cottbus 70, Frankfurt 200, Landsberg 160- 6 Gemeinden mit 486 Schulkindern, und ca. 12 Lehrern. 4. Pommern: Stargard 150, Stettin 600, Bütow 100, Colberg 106, Lauenburg 95, Schivelbein 70, Stolp 180, 7 Gemeinden, 870 Kinder, ca. 20 Lehrer. 5. Posen: Meseritz 80, Neutomifchel 45, Pieschen 140, Posen 1300, Rayntsch 170, Schroda 50, Bromberg 360, 7 Gemeinden, 1425 Kinder, 36 Lehrer. 6. Schlesien: Breslau 3550, Brieg 68, Glatz 47, Oels 50, Schweidnitz 60, Glogau 220, Görlitz 226, Hirschberg. 103, Liegnitz 150, Gleiwitz 350, Kattowitz 400, Nicolai 108, Oppeln 150, Ratibor 300, Rybnik 70, Tarnowitz 204. 17 Gemeinden, 4038 Kinder, ca. 100 Lehrer. 7. Sachsen: Magdeburg 450, Halle 185, Erfurt 145, Nordhausen 100, 4 Gemeinden, ca. 600 Kinder und 15 Lehrer. 8. Schleswig-Holstein: Kiel 80, 2 Lehrer. 9. Hannover: Hannover 612, Göttingen 140, Harburg 50, 3 .Gemeinden, 670 Kinder, 16 Lehrer. 10. Westfalen: Münster 132, Bielefeld 160, Minden 60, Paderborn 76, Arnsberg 75, 5 Gemeinden, 340 Kinder, ca. 8 Lehrer. 11. Hessen-Nassau: Kassel 530, Fulda 120, Gelnhausen 70, Hanau 125, Schlüchtern 75, Frankfurt a. M. 3700, Homburg 90, Wiesbaden 430, 8 Gemeinden, 3440 Kinder, ca..86 Lehrer. 12. Rheinprovinz: Koblenz 130, Kreuznach 118, Barmen 130, Düsseldorf 475, Elberfeld 350, Mülheim 106, Bonn 160, Köln 1600, Saarbrücken 94, 9 Gemeinden, 2140 Kinder, ca. 53 Lehrer. 13. Bremen: 98, 60 Kinder, 2 Lehrer. 14. Hamburg: 3370. 2250 Kinder und ca. 56 Lehrer. Zusammen fehlen also in Preußen 639 jüdische Lehrkräfte. — Wenn ich 40 Kinder auf eine Lehrkraft rechne, so ist das wohl nicht zu niedrig gegriffen, denn, nach dem Zedlitz'schen Entwurf konnten schon bei 15 Kindern konfessionelle Schulen auf Wunsch der betreffenden Gemeinden eingerichtet werden. Man wird nun fragen, wo sollen, die 639 jüdischen Lehrer Herkommen? Da siebt es schnell Antwort. Erstlich wird die Legion von seminaristisch gebildeten Lehrern, die gegenwärtig eine unsichere Stelle als Kantor, Religions-, Haus- oder Privatlehrer bekleiden, es 'mit Freuden begrüßen, eine wenn auch besser dotirte, aber von der Gunst der Gemeinde abhängige Stelle gegen eine definitive Anstellung einzutauschen. Dann müßten in Preußen etwa noch 5 jüdische Lehrerseminare, aber von Staatswegen eingerichtet werden, da die bestehenden nur halbamtlich sind. Wie in Preußen, so müßte in den anderen deutschen Staaten in den einzelnen Landtagen dieser Schulfrage näher getreten werden. Eine Antwort wird der Verband doch seitens des zu interpellirenden Kultusministers im Landtage erhalten. Deswegen wäre es gut, wenn der Verband schon für die nächste Herbstsession des Landtages einem Abgeordneten, der freudig für die Schule eintritt, das gesammte Material übergeben würde, um aus dem Munde des Ministers zu erfahren, wie eventuell die Staatsregiernng dieser gerechten Forderung jüdischer Lehrer gegenüberstehe. Wollen wir endlich eine bessere Zeit für den jüdischen Lehrerstand erreichen, so muß die Frage „Konfessionelle jüdische Volksschulen" vom Verbände, dem Vertreter jüdischer Lehrer und deren Interessen, behandelt und zielbewußt gefördert werden. Vertrauen wir. dem gerechten Sinne unserer Regierung, die sicherlich unsere bescheidenen Wünsche in wohlwollende Erwägung ziehen und nach erfolgter Prüfung zu unserm Besten entscheiden wird. Sorgen wir alle aber,daß es für diejüdischeVolksschule Tag bleibe.