Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 508 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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508 wende sehen können. Die Art und Weise, wie Dr. Lueger seinen Vorgesetzten Bürgermeister selbst in offener Gemeinderathssitzung dirigirt und zurechtweist, zeigt an, daß er die Maske nicht mehr lange Vorhalten will; es wird ihm schon zu heiß darunter. Nun, er wird bald Luft haben. Badeni weiß gute Dienste zu belohnen. Die ungarischen Millenniumsfestlichkeiten sind bald zu Ende, der Ausgleich ist vorläufig gescheitert, man hat also keine Rücksichten mehr zu nehmen, sondern lediglich die Konstituante des neuen ungarischen Reichsrathes am 20. November äb^ zuwarten. Gleich nachher wird der todte Mann im Rathhause, Herr Strobach, demissioniren, und das Christangebinde, das Graf Badeni seinem „bewährten Freunde" Dr. Lueger höchst eigenhändig an den Weihnachtsbaum binden wird, ist die goldene Kette. Ich erfahre aus bester Quelle, daß Dr. Lueger noch vor Weihnachten Bürgermeister sein wird. Um diesen Preis treten die Christlichsozialen in die Regierungsmehrheit ein." ' Damit vergleiche man nun die folgende Mittheilung eines' anderen Blattes aus Görz: „Auf seiner Inspektionsreise durch Kärnten, Krain und das Küstenland kam vor einigen Tagen der Ministerpräsident Graf Badeni auch hierher. Eine Deputation unserer Gemeinde, bestehend aus dem Präses unseres Kultusoorstandes und unserem Rabbiner, machte dem hohen Staatsmanns ihre Aufwartung. In seinem Gespräche kam der Ministerpräsident auch auf den jetzt grassirenden Antisemitismus zu sprechen, und gab er dabei gleich der Hoffnung Ausdruck, daß diese fluchwürdige Seuche bald auch aus Oesterreichs Gauen verschwunden fein werde." Wo ist ein Graf Oerindur, der feinen Kollegen Badeni „zu erklären" bereit wäre? * Wie man aus Petersburg berichtet, hat der Zar zur Feier der Geburt der Großfürstin Olga eine Schule, "die unter dem Patronat der Kaiserin stehen soll, errichtet. Der russische Regierungsbote hat die Statuten der Schule veröffentlicht, von welchen einige ganz besondere Bedeutung für unsere russischen Glaubensgenossen haben. So lautet § 1: Kinder beiderlei Geschlechtes werden ausgenommen ohne Unterschied des Glaubens. Ferner § 16: Kinder eines nichtorthodoxen Bekenntnisses sollen Religionsunterricht durch Vertreter ihrer Religion erhalten. Und endlich § 81: Kinder eines nichtorthodoxen Bekenntnisies sollen ihre religiösen Pflichten in Uebereinstimmung mit den Vorschriften ihres besonderen Glaubens erfüllen. Dieses erhabene Beispiel religiöser Toleranz sollte im ganzen Lande nachgeahmt werden. Dann stände es anders um die Juden in Rußland. Die jüdische Kolonisationsgesellschaft für Argentinien hat in der vergangenen Woche in Paris ihre Neuorganisation auf Grund eingehender Berathungen durchgeführt. Die Administration besteht jetzt nach dem Tode des Barons Hirsch ans den Herren: Zadoc Kahn, H. Goldschmidt, Narcisse Leven. S. Reinach in Paris, Claude Montefiore, Alfred L. Cohen und H. G. Lousada in London, Generalkonsul Franz Philippson in Brüssel, Dr. Edmund Lachmann in Berlin und Rechtsanwalt Plotke jn Frankfurt a. M. Die koustituirende Versammlung fand am letzten Dienstag im Palais der Baronin Hirsch in Paris in Gegenwart der ständigen Sekretäre der Stiftung, der Herren Dr. Schwarzfeld, Sonnenfeld und Adler statt. Der -Hauptsitz der Gesellschaft wird fortan Paris sein. Es soll übrigens nicht unerwähnt bleiben, daß zum ersten Male. auch die Kolonien in Palästina aus dem- Hirsch - Fonds mit einem Beitrag von 160 000 Mark bedacht worden sind. Zugleich fand in Paris in den Räumen des Konsistoriums eine Sitzung des russischen Central - Allswanderungskomitees statt, der die Herren Baron Günzburg, Staatsrath L. von Poljakoff und L. Brodsky beiwohnten, und in der Bericht über die Situation in Rußland, über die Aussichten der Auswanderung und auch über die Lage in Argentinien durch Direktor David Feinberg abgestattet wurde. Diesem Bericht zufolge entwickelt sich das Kolonisationswerk daselbst immer besser und die gegentheiligen Nachrichten verschiedener Blätter beruhen auf falschen Informationen. ■ Wir hoffen, daß jetzt, nachdem die Kolonisationsgesellschaft auf neuer Basis sich konstituirt hat, das große Werk auch in der That große Fortschritte machen wird. ' ' ■ \ Konfesfionell-südische Volksschulen. Von Max Cohn, Lehrer in Wreschen. f er „Verband der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche", der Traum jüdischer Schulmänner seit Jahrzehnten, ist Dank der Einmüthigkeit der Provinziallehrervereine in. dieser Frage ins Leben gerufen. Vor seiner Begründung habe ich ihm in diesem Blatte unter der Marke: „Welches ist die vornehmste Aufgabe des „Deutsch-israelitischen Lehrerbundes" einen Willkommengruß in seine Wiege gelegte Heute, da er bereits zu wirkeil augefangen, wenn auch noch in Kinderschuhen, möchte ich mit ihm über mein Lieblingsthema, „über konfessionell-jüdische Volksschulen" plauderil. Vorweg muß ich erst um Entschuldiguvg nachsuchen, daß ich dein großen Verbände eine Direktive für einen Theil seines Wirkens gebe; es schwebte mir jenes.klassische Wort vor: „Immer strebe zum Ganzen." Meine Arbeit soll keineswegs eine Belehrung, sondern nur eine Anregung sein, die mir so wichtig erscheint, daß, wenn sie sich je realisiren sollte, ich darill erst die Krönung unseres Verbandes erblicken würde. — Auf der letzten Provinzial-Lchrerversammlung in Posen entrollte Schreiber dieses ein Bild von den geradezu trostlosen Aussichten des jüdischen Lehrerstandes. Ein Blick in das Jahrbuch des Gemeindebundes beweist uits erstens, wie viel jüdische Gemeindeil überhaupt keine jüdischen Lehrkräfte habet:, und zweitens, wie die konfessionelljüdischen Volksschulen immer mehr entgehen, weil der „Zug nach dem Westeil", das Bestreben, nach größeren Plätzen zu ziehen, die Gemeinden Jahr für Jahr zurückgehen läßt, so daß die Lehrerstellen in solchen Gemeinden theils reduzirt, theils überhaupt aufgehoben werden, und ist letzteres für viele Gemeinden nur eine Frage der Zeit. Der aufmerksame Beobachter dieser Zustände, der für jüdische Lehrerfragen ein wachsames Auge und ein warmes Herz hat, fragt da mit Recht besorgt: Was soll'aus unseren jüdischen Volksschulen werden? Redner richtete nun, anscheinend unter allgemeiner Zustimmung, an die zwei Delegirten, die nach Berlin gingen, den Appell, den deutsch-israelitischen Gemeindebund, die Centralstelle aller jüdischen Fragen, zu ersuchen, mit Hilfe des neu zu gründenden Lehrerbulldes dieser Frage näher zu treten. Der Antragsteller dachte sich die Ausführung dieses Planes folgendermaßen: Der Gemeindebund oder"'der Verband möge eine Statistik aufstellen, in welchen jüdischen Geiileinden nlindestens 40 schlllpflichtige Kinder sind, aber nach denl Prozentsatz der Schulväter keine jüdischen Schulen und Lehrkräfte vorhanden sind. — Dann möchten die betreffenden Ge- «meillden aufgefordert werden, mit allen gesetzlichen Mitteln dahin zu strebell, daß sie für ihre Kinder jüdische Volksschulen, organisirt nach der Größe der Gemeinde, erhalten, oder nach dem Prozentsätze der die sogenannten Simultanschulen besuchenden jüdischen Schulkinder und vor allem nach dem Prozentsätze der Schulbeiträge jüdischer Schulväter die Anstellung von jüdischen Lehrkräften nachsuchen. Bei