Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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werden müssen, da er zweifellos das Bewußtsein von dem beschimpfenden Charakter seiner nicht gegen die Rasse, sondern gegen die Religionsgesellschaft gerichteten Angriffe gehabt habe. Was das Strafmaß anlange, so habe der Gerichtshof erwogen, daß überall, wo der Weg der Beschimpfung und Verhetzung gewählt werde, eine scharfe Strafe am Platze sei. Es ist wohl nicht nöthig, ausdrücklich hervorzuheben, von welcher prinzipiellen Bedeutung dieses Urtheil sei. Es ist nunmehr ein Rechtsboden gewonnen worden, wo eine der nichtswürdigsten Verleumdungen, die bisher ungestraft gegen eine Religion und deren gesammte Bekenner von jedem Antisemiten ausgesprengt und, — da gewisse Leute leider nie „alle" werden, — geglaubt werden konnte, ihre gerechte Strafe finden wird. Das ist das wichtigste Moment dieses Prozesses, auf dessen Einzelheiten wir noch zurückzukommen gedenken. "chr" Nie Woche. Berlin, 21. Oktober. n der antisemitischen Presse wird jetzt, wo die Frage der Ehr enger ichte für Aerzte auf dem Tapet ist, gegen die jüdischen Aerzte eine nichtswürdige Hetze getrieben, die vor allein in der lügenhaften Behauptung gipfelt, daß die nreiste Opposition gegen staatliche Ehrengerichte von den Juden allsginge. Ein Blatt berichtete, daß sämmtliche Aerztekammern mit Ausnahme der Posen scheu sich für die Einführung staatlicher Ehrengerichte für Aerzte erklärt haben, und fügt hinzu: „Wir haben schm: mehrfach darauf hingewiesen, daß die Gegnerschaft gegen die staatlichen Ehrengerichte im Wesentlichen von jüdischen Aerzten gebildet und geleitet wird." Abgesehen davon, daß fast alle Aerztekammern den Entwurf mit so viel Aenderuugen versehen haben, das; der Minister, wie die Blätter melden, den so veränderten Entwurf für unannehmbar erklärte, beruht jener dreiste Versuch, für die Ablehnung in der Posenschen Aerztekammer die jüdischen Aerzte verantwortlich zu machen, auf ganz willkürlicher Erfindung. Denn, wie aus der öffentlichen Abstimmung über die Einführung der Ehrengerichte in der betreffenden Sitzung (am 11. Mai d. I.) hervorgeht, nahmen zwölf Mitglieder der Kammer an dieser Abstimmung Theil. Von diesen zwölf waren zehn Christen (acht evangelisch, zwei katholisch) und nur zwei Juden. Die Entscheidung gegen die Ehrengerichte fiel mit sieben gegen fünf Stimmen, und zwar stimmte ein jüdisches Mitglied mit der Majorität, das zweite mit der Minorität! — Im Uebrigen bemerkt auch die „Vassische Zeitung", daß der Entwurf solchen Zwecken dienen würde, gegen die die Juden ein Recht hätten, sich zu wehren, da er „das gesammte politische, konfessionelle und private Verhalten des Arztes zum Gegenstand eines ehrengerichtlichen Verfahrens machen und stets in zweiter Instanz üoit Vertrauensmännern aburtheilen lasten kann, und nicht einmal eine Standesordnung, sondern lediglich die individuellen Anschauungen dieser Vertrauensmänner werden für die Beurtheilung der Strafbarkeit jenes Verhaltens maßgebend sein." — * Die Verwüstungen jüdischer Friedhöfe werden muthig fortgesetzt, ohne daß man von einer exemplarischen Bestrafung der Grabschänder irgendwo etwas gehört hätte. Heute berichtet man uns aus Prenzlau, daß in der Nacht zum 17. d. Mts. von ruchloser Hand auf dem jüdischen Friedhofe daselbst eine Anzahl Grabsteine gewaltsam umgerissen worden sind-. Die Synagogengemeinde hat eine Be- 507 - lohnung für die Entdeckung des Thäters ausgesetzt. Auf den Gräbern ' der Todten reifen eben die Früchte, die die Lebenden in Vereinen und Versammlungen ausgesäet haben. * Soeben ist das dritte Heft der Mittheilungen aus dein Verbände der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur in Deutschland.erschienen. Die Zahl der Vereine ist von 55 im vorigen Jahre, von denen 3 aus Mangel an geistigem Material eingegangen sind, auf 66 gestiegen. Die Mitgliederzahl beträgt 6831. Der geschäftsführende Ausschuß war und ist bemüht, auf der von ihm einmal betretenen Bahn fortzufahren. Der von ihm durch Schrift und Wort unausgesetzt betriebenen Agitation ist es auch zuzuschreiben, daß schon in allernächster Zeit in verschiedenen Gemeinden des deutschen Vaterlandes neue Vereine der Konstituirung entgegensehen. Der Bericht über die litterarische Thätigkeit der Vereine im Winterhalbjahr 1895/1896 ist im hohen Grade interessant; er legt ein glänzendes Zeugniß für die Lebensfähigkeit dieser Vereine . ab. Rabbiner, Aerzte, Juristen, Schriftsteller und gebildete Kaufleuie sind unter den Vortragenden vertreten, denen allen das eine Ziel vorschwebte, die große Masse unserer Glaubensgenossen aus ihrem lethargischen Geisteszustände aufzurütteln und ihr Achtung . vor unserer Geschichte und Litteratur einzuflößen. Auch die allerkleinsten Vereine waren bestrebt, die in ihrer Mitte vorhandenen geistigen Kräfte zu verwerthen. Sie wandten sich häufig behufs Beschaffung des wissenschafllichen Materials zu Vorträgen an das Sekretariat, das die Vereine nach dieser wie nach jeder anderen Richtung hin zu fördern suchte. In vielen Vereinen sind Bibliotheken und Lesehallen entstanden, und es ist erfreulich, konstatiren zu dürfen, daß die meisten Vereine bereits ansehnliche Bibliotheken besitzen, die, was die Hauptsache ist, von den Mitgliedern stark benutzt werden. Der Verband war bemüht, die Vereine auch in dieser Beziehung nach Kräften zu fördern, und kündigt schon jetzt die Versendung weiterer Publikationen an. Mit Recht heißt es in dem uns vorliegenden Bericht: „Der Verband würde wesentlich mehr leisten, wenn die viel gepriesene jüdische Einigkeit nicht blos in der Phantasie unserer Feinde existirte." Mögen die Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur, welche in vielen jüdischen Gemeinden, wie aus dem Bericht zu ersehen ist, bereits eine segensreiche Wirkung erzielt haben, auch ferner ihrer hohen Aufgabe gerecht werden! * Die Zustände in Oesterreich werden immer weniger verständlich. Man vergleiche zum Exempel die beiden folgenden Mittheilungen. Einem hiesigen Blatte wird aus Wien geschrieben: „Die antisemitischen Parteien des Abgeordnetenhauses haben die Erklärung abgegeben, daß sie dem Zustandekommen des Staatsvoranschlages keine Hindernisse in den Weg legen werden. Diese Erklärung und die Haltung der Luegerpartei gegen die Deutschnationalen schärferer und schärfster Tonart — sowie die Jnterpellationsbeantwortung in Sachen des Salzburger Katholikentages sind Zeichen einer Annäherung zwischen dem Grafen Badeni und den Antisemiten, welche auch dem Fernstehenden auffallen müssen. Aber es giebt mehr Zeichen. Es ist kürzlich hier eine antisemitische Zeitung auf eine ebenso plötzliche als auffällige Art von scharfer Opposition zu stiller wohlwollender Duldung übergesprungen, daß man Grund genug gehabt hat, den Spuren dieser Sinnesänderung nachzugehen. In Wien geht das Gerücht, daß diese dem Untergang nahe Zeitung durch Mittel aus den geheimen Negierungsfonds vor dem Untergang bewahrt sei, und Dr. Lueger stand zu dieser Zeitung in einem nahen Verhältnis Beziehungen zwischen Badeni und Lueger bestehen, das ist sicher. Ihre Früchte aber wird man noch vor der Jahres-