Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Westfalens in -Dortmund abgehaltenen Versammlung interpellirt. Der Interpellation lag der Bericht eines süddeutschen orthodoxen Blattes zu Grunde, welchen man bis dahin umsomehr als maßgebend betrachten mußte, als er unwidersprochen geblieben und in ganz Westfalen als Flugblatt verbreitet worden war. Begründet wurde die Interpellation mit dem Hinweis darauf, daß durch die angeblichen Aeußerungen des Herrn Dr. David, in welchen die westfälische Judenhcit als eine ständige Gefahr für die Nachbarprovinz bezeichnet worden war, sehr viele Mitglieder der westfälischen Verbandsgemeinden, die zugleich Mitglieder des Düsseldorfer Vereins sind, verletzt worden seien. Es müsse als die Interessen des Vereins schädigend bezeichnet werden, wenn ein Vorstandsmitglied desselben bei zahlreichen Mitgliedern innerhalb einer ganzen Provinz durch solche Angriffe Mißstimmung und Erregung Hervorrufe. Die Antwort des Herrn Dr. David auf diese Darlegungen war indessen eine derartige, daß durch dieselbe völlige Klarheit geschaffen wurde. Er desavouirte nämlich den Bericht des genannten Blattes vollständig und betonte ausdrücklich, daß er die ihm darin zugeschriebenen Aeußerungen nicht gemacht habe; gerade er habe vielmehr zur Toleranz gegen Andersdenkende ermahnt, die gegentheilige Behauptung sei eine Unwahrheit. Auch erklärte Herr Dr. David ausdrücklich, daß er den Ton, der theilweise in jener Dortmunder Pfingstmontagsversammlung geherrscht habe, durchaus mißbillige. Der Interpellant und die westfälischen Theilnehmer der Generalversammlung waren natürlich durch diese Erklärung vollständig befriedigt. Der ganze Vorgang hat insoweit eine besondere Bedeutung, als er aufs Neue zeigt, daß die anständigen Elemente der jüdischen Orthodoxie nichts gemein haben wollen mit jenem verhetzenden Treiben. Herr Dr. David ist der zweite uns bekannte Orthodoxe, der sich öffentlich gegen den Ton verwahrt, der von einem Theil der jüdischen Orthodoxie gegen die westfälischen Juden beliebt wird. Der erste war Herr Lehrer Salomon aus Iserlohn, der auf dem diesjährigen Hagener Verbandstage seinem Bedauern über den gegen den westfälischen Gemeindeverband angeschlagenen Ton öffentlih Ausdruck gab. Schließlich sei noch bemerkt — es ist das für die Beurtheilung der ganzen Interpellation von Wichtigkeit —, daß, abgesehen von der Rheinprovinz, welche die' größte Mitgliederzahl aufweist, die Gemeinden des westfälischen Verbandes bei dem Düss ldorfer Verein stärker betheiligt sind, als jede andere preußische Provinz und jeder der außerpreußischen deutschen Staaten, wie aus dem Mitgliederverzeichniß hervorgeht. Oesterreich-Ungarn. O Wien, 12. Oktober. Im Gemeind erathe fanden am 9. d. bei Berathung der Vorschläge gegen die Fleischtheuerung große Skandale statt. Gregorig brachte heftige Beschimpfungen gegen die Juden vor und rief dann der liberalen Minderheit zu, sie habe alles Schamgefühl verloren. Die Liberalen verlangten den Ordnungsruf gegen Gregorig- Bürgermeister Strohbach erwiederte, das sei die persönliche Meinung Gregorigs, und die Bevölkerung theile dieselbe. Diesen Worten folgte stürmischer Lärm bei den Liberalen. Dr. Mittler rief, er gebe seiner persönlichen Meinung dahin Ausdruck, daß die gegenwärtige Mehrheit des Gemeinderathes Schamgefühl nie besessen habe. Diese Aeußerung rief unbeschreiblichen Tumult hervor. Die Antisemiten umringten Mittler mit erhobenen Fäusten; jeden Augenblick drohte ein Handgemenge. Hierauf erhob sich der Gemeinderath Dr. Nader und sagte: Als deutscher Mann fühle er sich in seiner Ehre verletzt; wäre Mittler kein Jude, würde er ihn vor die Klinge fordern. Es folgte erneuter Tumult mit Schimpfworten gegen die Liberalen. Der Gemeinderath Tomanek erklärte ebenfalls, er würde, da er Reserveoffizier sei, Mittler fordern, wäre dieser nicht Jude. Erst nach geraumer Zeit konnte die Berathung fortgesetzt werden. Wie wird das wohl enden? — Der Prokurist der Porzellanfabrik Josef Mazel in Neustadtl, August Urban, wurde wegen Defraudation verhaftet. Die Unterschlagung soll mehrere Tausend Gulden betragen. Urban, einer der Hauptmacher der deutschvolklichen Partei Neustadtls, ist in Wort und Schrift gegen die jüdische Korruption aufgetreten. Er wurde erst kürzlich vom Kreisgerichte Reichenberg wegen Verbreitung verbotener antisemitischer Druckschriften zu einer Geldstrafe verurtheilt. — Zur Wahrung der Einheitlichkeit der Wahlaktion haben unsere beiden großen Vereine, denen speziell die Wahrung des jüdischen Standpunktes und der allgemeinen jüdischen Interessen anvertraut ist, der „Politische Volksverein" und die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union", in richtiger Erkenntniß der öffentlichen Nothwendigkeit gemeinsam das „Wahlkomitee für die Kultusgemeindewahlen in Wien" bestellt, welche das Centrum der gesummten Wahlbewegung zu bilden berufen ist. Den dreißig Mitgliedern^ welche die Konstituirung Vornahmen, folgen nunmehr im Wege der Kooptation zahlreiche weitere Mitglieder aus allen Wählerkreisen, sowie auch eine spezielle Abordnung aller größeren Tempelvereine, deren singuläre Interessen gleichfalls im großen Wahlkomitee und bei Beurtheilung der Kandidaturen zur Geltung kommen sollen. An die Mpitze sind als Präsidenten mittelst Akklamation berufen worden die .Herren Dr. Grünfeld und Dr. Fialla; die weitere Bildung des Büreäus und des Exekutioausschusses erfolgt in der nächsten Sitzung aus der gesammten Mitgliedschaft des Komitees. — Der Kaiser hat dem außerordentlichen Professor für Entwickelungsgeschichte au der Universität, Dr. Samuel Schenk, den Titel und Charakter eines ordentlichen Professors verliehen. — In Proßnitz ist am 4. d. M. der Kantor der 'dortigen israelitischen Kultusgemeinde, Herr H. Epstein, im Alter von 436 Jahren plötzlich gestorben. Der Dahingeschiedene, welcher durch volle 43 Jahre in Proßnitz wirkte, erfreute sich allseits größter Werthschätzung und Beliebtheit. — Hier ist der General-Konsul von Monaco, Herr Adolf Springer, im 60. Lebensjahre gestorben. /X Budapest, 5. Oktober. Vor dem hiesigen Strafgerichte wurde heute ein interessanter Preßprozeß durchgeführt. Angeklagt erschienen ^der 22 jährige, wegen Preßvergehens bereits einmal verurtheilte Journalist Gelsei-Biro, und zwar wegen eines im März veröffentlichten Hetzartikels gegen die Juden, der in einem obskuren Wochenblatts erschienen war. Die Anklage wurde von der Ober- Staatsanwaltschaft auf Grund des § 172 des Strafgesetzbuches wegen Aufreizung gegen eine Religions-Gesellschaft erhoben. Die Verhandlung fand unter dem Vorsitze des Gerichtshof-Präsidenten Zsicvay statt; auch wohnte derselben der neuernannte Ober-Staatsanwalt Eugen Hannerswerg ' bei. Die Anklage vertrat der Staatsanwalts - Substitut Dr. Franz Goch Der Angeklagte wurde von dem Katecheten Julius Markos vertheidigt. Er bekannte sich als Verfasser des Artikels, womit das Beweisverführen geschlossen war. Der öffentliche Ankläger, Tr. Goch, verwies in seiner Anklage-Rede darauf, daß die katholische Religion Ächtung vor der Gerechtigkeit, ferner Freiheit der Menschen gebiete Und überdies auch noch die Liebe zum Nebenmenschen predige. Der Angeklagte, der sich zu dieser Religion bekennt, predige aber in unsinnigster Weise den Haß gegen die Angehörigen eines andern Bekenntnisses; er hetze gegen die Juden, denen er ihre guten Rechte nehmen wolle. Der öffentliche Ankläger macht darauf aufmerksam, daß, wenn man aus sogenannten politischen Gesichtspunkten gegen die " Anhänger einer anderen Konfession in der Zeitung hetze, dann auch unmittelbar das Volk gegen gewisse Klassen der Bevölkerung aufgehetzt werden könnte, was die Sicherheit der Person und des Eigenthums aller Staatsbürger gefährden würde. Den Angeklagten bezeichnet der Staatsanwalt als einen an Jahren und Bildung ganz unreifen Jungen, bei dem nur die Vermessenheit groß sei und der, kaum daß er wegen Hetzereien verurtheilt worden, sich zu neuen Uebertretungen des ‘ Gesetzes hinreißen ließ. Ein solcher Mensch verdiene keine Nachsicht, ' sondern strenge Bestrafung, wie er (Staatsanwalt) es auch von dem ‘ Wahrspruche der Geschwornen erwarte. Die Geschwornen bejahten die Schuldfrage auf Aufreizung gegen eine Religions - Genossenschaft mit acht gegen vier Stimmen, worauf der Gerichtshof den Angeklagten zu ' zwei Monaten Staatsgefängniß und zwanzig Gulden Geldstrafe ' verurtheilte. Der Verurtheilte blieb gegen Gutstellung auf freiem Fuß. Schweiz. Genf, im Oktober. Der ausgezeichnete Physiologe Professor Dr. Moritz Schiff, dessen Tod wir bereits gemeldet, war ein Frankfurter von Geburt. Seine Studienzeit siel in die ersten vierziger Jahre, also in die Epoche der großen grundlegenden Entdeckungen Johannes ' Müllers in Berlin und Magendies in Paris. Schiff war ein Zögling ’ des berühmten Senkenbergischen Instituts; hier erhielt er seine zoologische ' Ausbildung, die er später in Paris vervollständigte. Magendies Einfluß bestimmte den jungen geistvollen Gelehrten, sich ausschließlich mit physiologischen Arbeiten zu beschäftigen. Den ruhigen Gang seiner wissenschaftlichen Untersuchungen unterbrachen die politischen Stürme des