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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-16 · Heft 42 (16.10.1896) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 42 (16.10.1896)
Date
1896-10-16
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Jahres 1848. Er trat als Arzt in das badische Revolutionsheer ehi Als er nach dem unglücklichen Ende dieser Episode wieder seine wissenischastliche Laufbahn aufnehmen wollte und sich bei der Universität Göttingen zur Privatdozentur meldete, da verweigerte ihm die han^ noversche Regierung den Eintritt in den Lehrkörper dieser berühmtes Hochschule, im Hinblick auf seine revolutionäre Vergangenheit. Jn-- zwischen war der schweizerische Studienrath auf den hochbegabten jungen Forscher aufmerksam geworden, und er übertrug ihm die Professur für vergleichende. Anatomie ander Berner Hochschule, an welcher er von 1854 bis 1863 lehrte.^ In diese Zeit fallen Schiffs aufsehenerregende Arbeiten aus dem Gebiete der Nerven-und Muskelphysiologie und seine klassischen Untersuchungen über die Zuckerbildung in der Leber. Als dann später der Lehrstuhl der Physiologie in'Florenz besetzt werdest sollte, da wurde der deutsche Gelehrte in.die Medicäerstadt berufen, wo er bis zum Jahre 1876 seines Amtes, waltete. Er gehörte zu den gefeiertsten Lehrern der Physiologie in Italien. Schließlich folgte er einery sehr ehrenvollen Rufe an die Genfer Hochschule, der er bis zu seinem Lebensende angehörte. Mit Moleschott und Valentin trug Schiff am meisten dazu bei, die neue exakte Forschungsmethode, welche hauptsächlich durch Johannes Müller ausgebildet worden war, auf die schweizerischen und italienischen Hochschulen zu übertragen. Wenn er auch durch die äußeren Verhältnisse gezwungen war, dem Vaterlande den Rücken zu kehren, so hat er dennoch an seinem Theile dazu beigetragen, den deutschen Namen im Auslande, namentlich in Italien, zu hohen Ehren zu bringen. Bis in sein Greisenalter hinein — Schiff ist 73 Jahre alt geworden — hat er sich die freiheitlichen Gesinnungen seiner Jugend treu erhalten. Er war ein Mensch, das heißt ein Kämpfer sein. Rußland. W. St. Petersburg, 5. Oktober. Der hier erscheinende panslavistische „Swet" des bekannten Oberst Komarow bringt folgende Meldung: Bei einem in Simferopol lebenden Juden ist sein im Alter von anderthalb Jahren stehender Sohn an einem Augenleiden erkrankt, welches trotz sorgfältiger ärztlicher Behandlung zu einer völligen Erblindung zu führen drohte. Der Vater wandte sich nun schriftlich an den bekannten Pater Johann in Kronstadt und ersuchte ihn, für seinen Sohn zu beten. Der wunderthätige Geistliche, welcher seinerzeit auch an das Krankenlager des verstorbenen Kaisers AlexanderIII. gerufen wurde, that nun das Schuldige, und der Knabe genas. Bald darauf, am 19. August d. I., schrieb Pater Johann an den'Simferopoler Juden folgenden Brief: „Abram Bvrißowitsch! Ich beantworte hiermit Deinen Brief, in welchem Du mich aufforderst, für Dein krankes Söhnchen David zu beten. Ich achte den jüdischen Stamm, weil zu demselben Abraham, Isaak, Jakob, Moses, David und viele Gottesmänner gehören, ebenso achte ich auch Dich, der Du an unser Aller Gott glaubst und einen christlichen Geistlichen aufforderst, für Dein Kind zu beten. Ich flehe zu Gott, vor welchem ich diese, Zeilen schreibe, möge! er Dein krankes Kindchen seines Namens wegen heilen und Dir sowie Deiner Frau Trost spenden. Gelobt sei sein heiliger Name in alle Ewigkeit." Protojerei (Probst) der Kathedrale zu Kronstadt Johann Sergiew. Von Nah und Fern. — Herr Dr. L. Maretzki hier hat den Titel Sanitätsrath erhalten. - Herr Kommerzienrath Julius Jsaac ist in den Vorstand der Berliner Sportpark-Gesellschaft gewählt worden. — Das S. Davidsche Ehepaar, Grenadierstr. 34 wohnhaft, feiert am 31. d. M. das seltene Fest der Diamant-Hochzeit. Trotz ihrer 85 resp 84 Jahre ist das Jubelpaar noch rüstig und geistig frisch. — Zu den philharmonischen Konzerten, die Felix Weingartner in Bremen im Künstlerverein veranstaltet, hat der dortige Oberkantor und Lehrer Prinz die ehrenvolle Einladung erhalten, die Heldentenorpartien zu übernehmen. - Der König!. Kreisschulinspektor, Pfarrer Evers aus Werth, überreichte am 5. d. M. in Gegenwart des Herrn Bürgermeisters Geller, des Ortsschulinspektors Herrn Pfarrers Quade und des jüdischen Gemeindevorstandes dem jüdischen Lehrer Jsaac Spier in Bocholt aus Anlaß seines Austritts aus dem Schuldienste den ihm vom Kaiser verliehenen Adler des König!. Preußischen Hausordens von Hohenzollern. — Der Parteitag der deutsch-sozialen Partei in Halle berieth einen Antrag, die Fraktion möge im Reichstage den Antrag auf Erlaß eines Verbots der Judeneinwanderung erneuern. Abg. Liebermann v. Sonnenberg erklärte, ein dahingehender Antrag liege dem Reichstage bereits vor und werde nach dem Wiederzusammentritt des Reichstages! zur Verhandlung "gelangen. — Die Strafkammer des Landgerichts Münster i. W. verurtheilte wegen Sittlichkeitsverbrechens in sieben Fällen (§ 176 Nr. 3 Str.-G.-B.), den Schriftsteller F. Kayser zu zwei Jahren Gefängniß. Kayser war der Begründer und langjährige Redakteur der inzwischen an Abonnentenmangel gestorbenen antisemitischen „Westfälischen Reform" in Dortmund. Später gab er dann in Münster ein womöglich noch rabiateres antisemitisches Blatt, die „Deutschen Worte", heraus. — In Ausführung der Legate der Eheleute Michel Weil hat das israelitische Konsistorium des Unter- Elsaß beschlossennachstehende fünf Tugendpreise auszutheilen: 200 M. an Frau Wittwe Jakob Strauß zu Weitersweiler; 200 M. an Herrn Salomon Mach, Vorsänger zu Merzweiler; 200 M. an Herrn Benjamin Wolf, Vorsitzender der Societe mutuelle zu Mülhausen; 100 M. an Frau Wittwe Marchand zu Metz; 100 Mark an Frau Wittwe Jablonska zu Schalbach. — Frau Baronin Hirsch hat der von einem Brandunglück betroffenen jüdischen Gemeinde in Podwoloczyska eine Spende von 3000 Frcs. übersandt. — Der Komponist der poesitzvollen Oper „Das Heimchen am Herd", Karl Goldmark,.hat vom Kaiser Franz Joseph das Ritterkreuz des Leopold-Ordens erhalten. Es ist dies eine der höchsten Auszeichnungen, die in Oesterreich an Künstler und Gelehrte verliehen wird. — Der Bajaer Gutsbesitzer Samuel Fischer hat sein Haus im Werthe von hunterttausend Gulden auf die Bajaer israelitische Gemeinde grundbuchlich zu dem Zwecke übertragen, daß aus dem Erträgnisse ein Altersversorgungshaus errichtet werde. — Daß auch die französischen Juden sich an den Festen für den Zaren betheiligt haben, ist selbstverständlich. Am Dienstag fand im Tempel der Ru6 de la Victoire ein feierlicher Gottesdienst statt, bei dem der Großrabbiner von Frankreich die Festrede hielt. Herr Zadoc Kahn war auch zu dem großen Empfang des Zaren im Elysee eingeladen und wurde dem russischen Kaiser vorgestellt, der ihm die Hand reichte. — Auf die Adresse der Anglo Jewish Association hat der junge SchahvonPersien durch seinen englischen Geschäftsträger ein herzliches Dankschreiben erlassen, in dem er erklärte, daß „er das Glück und die Wohlfahrt aller seiner Unterthanen, ohne Unterschied der Rasse und des Glaubens, zu befördern wünsche". — Das Gerichtstribunal in Rom hat entschieden, daß die Synagogen im alten Ghetto, die bei der allgemeinen Demolirung niedergerissen werden sollten, unveräußerliches Eigenthum der jüdischen Gemeinde seien, und daher die Stadt kein Recht habe, dieselben zu expropriiren. — Am 4. d. M. wurde in London die neue „spanische und portugiesische Synagoge" feierlich eingeweiht. Rev. Dr. Gaster hielt die Festpredigt. — Das Gesuch des Oberhauptes der Karaiten um Zulassung karäischer Mädchen zu den Vorlesungen des weiblichen medizinischen Instituts ist laut einem Odessaer Blatt vom Minister der Volksaufklärung abschlägig beschieden worden. — Der Schlächtermeister I. G. Nathan in Randers hat den Titel Kammerrath erhalten. — Aus Athen wird gemeldet: Die Muselmanen in Heraclion schändeten und zerstörten am Sonntag die christlichen und jüdischen Friedhöfe; 67 von 68 Grabdenkmälern wurden zerschlagen, die Gebeine umhergeworfen. Die Konsuln besuchten zusammen den Schauplatz, um Vorstellungen wegen der Schändlichkeiten zu machen. — Aus Sachem (Hauran) schreibt man: Unter der Leitung des Rechtsanwalts Rosenberg aus New-Iork geht man hier eifrig an die Arbeit, um die Vorbereitungen für die amerikanisch-jüdische Kolonie in Angriff zu nehmen; es sind bereits auch eine Anzahl rumänischer Juden als Vorläufer einer größeren Bewegung hier eingetroffen. — In Belvedere, einem Vororte von San Francisco, wird eine interkonfessionelle Andachtsstätte errichtet werden. Die jüdischen und christlichen Bewohner sind nicht stark genug, sich selbständige Bethäuser zu erhalten. Das Gebäude ist so ausgestattet, daß es den religiösen Gefühlen beider Konfessionen nicht widerspricht. Es wird auch kein Funktionär angestellt werden, sondern „Minister", Priester nnd Rabbiner werden eingeladen werden, ihre Glaubensgenossen zu erbauen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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