Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228191--53188-3258853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
aus. Nachdem noch launige Tafellieder gesungen, erklärte der Entrepreneur des Festes, daß er für sämmtliche Herren eine Ueberraschung habe, und forderte alle Theilnehmer auf, ihm zu folgen. Die Herren, voran der Jubi'ar, wurden eine Treppe höher geführt, die Pforten des oberen Saales öffneten sich, und in strahlender Helle bot sich dem Auge der Ueberraschten eine imposante Tafelrunde, an welcher 45 Frauen und Töchter der Herren in eleganten Toiletten ebenfalls bereits soupict hatten, ohne daß auch nur einer der Theilnehmer eine Ahnung von der Anwesenheit seiner Frau oder Tochter hatte. Frau Friedeberger, die sich ebenfalls großer Beliebtheit erfreut, in der Mitte, vor ihr eine herrliche Damengabe als Andenken an Potsdam. Auch hier waren viele Toaste, der erste von Frau Tr. Cohn-Philipsohn gehalten worden. Nach einer Ansprache an den überraschten Jubilar und an die übrigen Ueberraschten, vereinigten sich Herren und Damen zum fröhlichen Zusammensein. X Bromberg, im Oktober. Am 1. Oktober fand zur Entlassung des Lehrers Stillmann, der in den wohlverdienten Ruhestand nach 50 Jahren tritt, in dem schön dekorirten Klassenzimmer der jüdischen Schule zu Nakel ein feierlicher Akt statt; an demselben nahmen außer den Schülern, der Schul - und Gemeindevorstand theil. Bei dieser Gelegenheit wurde Herrn Stillmann durch den Kreisschul-Inspektor Sachse, als königlichen Kommissar, als Anerkennung seiner Verdienste um die Schule „Der Hausorden von Hohenzollern" verliehen mit der Zahl „50". — In der letzten Repräsentanten- und Schulvorstandssitzung soll beschlossen worden sein, die zweiklassige Volksschule in eine einklassige umzuwandeln. Ebenso scheint man in mehreren Städten der Provinz die Absicht zu haben, einklassige Volksschulen nach Pensionirung der Inhaber dieser Stellen zu errichten. jv Löbau, Wcstpr., 11. Oktober. Unsere Gemeinde hat einen empfindlichen Verlust durch die Berufung des Lehrers Rofenthal nach Czarnikau erlitten. Derselbe hat sechs Jahre hindurch mit Treue und Umsicht seines Amtes als Religionslehrer und Gemeindcsekretär neben seiner Stellung als Sladtschullehrer gewaltet. Seine von ihm selbst beantragte Versetzung gab der Gemeinde Veranlassung, noch in den letzten Septembertagen bei der königlichen Regierung vorstellig zu werden, Herrn Lehrer Rosenthal uns weiter hie.r belassen zu wollen. Leider waren diese Bemühungen erfolglos, weil höheren Ortes die Besetzung der Stelle für Czarnikau bereits verfügt war. Wir beklagen diesen Verlust um so schmerzlicher, weil Herr Rofenthal während seiner hiesigen Wirksamkeit nicht nur seinen Berufspflichten zu allen Zeiten nach besten Kräften oblag. Sein Name ist auch mit allen neuen Schöpfungen innerhalb der Gemeinde aufs Engste verknüpft, wie er überhaupt mit warmem Herzen Freud und Leid mit allen Gemeindemitgliedern getheilt hat. So war er Mitbegründer des Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur, Mitbegründer und thätiges Mitglied unseres Veerdigungsvereins. In richtiger Würdigung seiner fruchtbaren Wirksamkeit bereiteten die Mitglieder Herrn Rosenthal am letzten Sonnabend eine ehrenvolle Äbschiedsfeier. — Den Reigen der Toaste eröffnete der Vorsteher des hiesigen Litteratur-Vereins und Repräsentanten-Vorsitzender Herr Sanitätsrath Dr. Wolff. In warmen, von Herzen kommenden Worten gab er dem Schmerze über das Scheiden des Herrn Rosenthal Ausdruck und brachte den Dank der Gemeinde dar. Ihm reihte sich der Vorsteher Herr Michaelis mit warmen Worten der Anerkennung an. Der Vorsitzende des Becrdigungsvereins, Herr Herzfeld, gedachte der Verdienste des Scheidenden.in diesem Verein, und endlich hob Herr Kaufmann Badt seine Friedfertigkeit hervor. Allen dankte Herr Rosenthal in herzlichen Worten, in welchen er besonders betonte, wie schwer ihm das Scheiden aus theuren, ihm lieb gewordenen Kreisen werde. Möge Herr Rosenthal in seinem neuen Wirkungskreise ebenso viel Liebe und Treue ernten, wie er bei uns zurückläßt jl. Breslau, 10. Oktober. Am hiesigen jüdisch-theologischen Seminar führt für das am 1. Oktober beginnende Studienjahr Herr Dr. M. Brann den Vorsitz im Lehrerkollegium. Die Vorlesungen für das Wintersemester nehmen am 6. d. M. ihren Anfang. Es werden lesen: 1. Herr Seminar-Rabbiner Dr. Lewy: Talmud stalarisch, Gittin (Forts.), 6 Stunden (für Abth. I.); Talmud kursorisch, Menachoth (Forts.), 2 Stunden (für Abth. I), Schulchan-Aruch Jore-Dea (Forts.), 4 Std. 2. Herr Dr. Brann: Pentateuch mit Raschi, 2 Stunden (für Abth. II), Pentateuch mit Iben Esra und Nachmanides, 2 Stunden (für Abth. I), Erste Propheten, 1 Std. (für Abth. II), letzte Propheten, Ezechiel l Forts.), 2 Std. Exegetische Uebungen, 1 Std. Litterarische Geschichte der Juden in Deutschland und Frankreich von 1100—1250, 2 Std; Geschichte der exegetischen Litteratur (Forts.), 1 Std. Repetitorium von der mäkkabäischen Erhebung bis zum Abschluß des Talmuds, 1 Std. Historische Uebungen, Lektüre der Chronik Schebet Jehuda, 1 Std Schulchan-Aruch Orach- Chajjim (für Abth. II), 2 Std. 3. Herr Dr. Horovitz: Wissenschaftliche Grammatik der hebräischen Sprache, 2 Std., Talmud statarisch Ketuboth (Forts), 6 Std. (für Abth. II), Talmud kursorisch Peßachim (Forts.), 2 Std. (für Abth. II.), das religionsphilosophische System Jeh. Ha-Levis und Lektüre des Kusari, 2 Std., Theorie der Homiletik und homiletische Uebungen, 3 Stunden. — Der hiesige Verein für jüdische Geschichte und Litteratur beginnt im Laufe dieses Monats seine öffentliche Thätigkeit. Ich erlaube mir, Ihren geschätzten Lesern demnächst Näheres hierüber zu berichten. st. Ans der Provinz Hannover, 12. Oktober. Wie von glaubhafter Seite mir mitgetheilt wird, beabsichtigt die Centralleitung der Argentinischen Kolonisation, die jüdische Ackerbauschule in Ahlem, Provinz Hannover, deren vornehmlicher Zweck es ist, befähigte junge Leute israelitischen Glaubens durch theoretischen und praktischen Unterricht der Landwirthschaft zuzuführen bezw. sie zu selbstthätigen Landwirthen auszubilden, zu erwerben. Die von Petersburg aus mit der Leitung der einzig in ihrer Art dastehenden Anstalt gepflogenen Unterhandlungen sind so weit gediehen, daß sich gegen Ende dieses Monats der Rechtsanwalt Plotke und der Sekretär des verstorbenen Baron Hirsch, Dr. Sommerfeld, nach Ahlem begeben werden, um das Weitere daselbst zu regeln Wie verlautet, beabsichtigt man die Anlagen dermaßen zu erweitern, daß fortan auch einer entsprechenden Zahl russischer Schüler Aufnahme gewährt werden kann. Ebenso soll der Lehrplan eine wesentliche Erweiterung erfahren. Die hohe Bedeutung der Ahlemer israelitischen Ackerbauschule ist bereits von hervorragenden Männern wiederholt anerkannt worden, und erst kürzlich hat ein bekannter Nationalökonom das Institut als eine Musteranstalt bezeichnet und neu entstehenden als Vorbild empfohlen. W. Dortmund, 5. Oktober. Der Verein zur Förderung und Verbreitung des Handwerks unter den Juden hielt hier gestern Nachmittag im Hotel „Zum Römischen Kaiser" seine Generalversammlung ab, welche recht gut besucht war. Der Verein, mit seinem Sitze in Düsseldorf, hat es sich zur Aufgabe gestellt, jüdische Knaben dem Handwerke zuzuführen, ihre Ausbildung zu überwachen und bei Unbemittelten die Kosten der Ausbildung der Lehrlinge zu tragen. Zur Zeit hat er unter seiner Obhut 112 Lehrlinge, welche sich auf alle Handwerke vertheilen. Die Abtheilung Düsseldorf hat seit 1890 53 Zöglinge entlassen, wovon nur 3 nachweislich ihrem Berufe wieder, untreu geworden. Die Abtheilung Köln entließ 34 Zöglinge, die noch theils als Meister, theils als Gehilfen in ihrem Handwerke thätig sind. Der Jahresbericht bezeichnet dieses Resultat als ein sehr gutes und hält es für geeignet, das noch immer, sogar bei wohlgesinnten Glaubensgenossen, bestehende Vorurtheil: die zum Handwerk erzogenen Knaben wendeten sich leicht wieder von demselben ab — zu beseitigen. Zwar dürften die Vereine ihre Thätigkeit nicht als bloße Unterstützungssache betrachten und den Eltern die Auswahl der Meister und Beaufsichtigung der Fortbildung ihrer Kinder überlassen, sondern müßten selbst die geeigneten Meister suchen und die ganze Erziehung der Knaben übernehmen, wie es in den vom Verein errichteten Lehrlings Heimen geschehe, dann würden sie bei den Knaben erzielen: Berufsfreudigkeit, Berufsstolz, Berufstreue. Leider war der Verein wegen Mangel an Mitteln bei Anmeldungen von Knaben gezwungen, zurückhaltend zu sein und manches Gesuch abschläglich - zu bescheiden. Es wird die Hoffnung ausgesprochen, daß die so viel gerühmte jüdische Wohlthätigkeit sich nicht nur im Geben äußern, wodurch vielleicht manche Arme und Träge von der Arbeit abgehalten würden, sondern mehr erzieherisch wirken wolle im Sinne des Vereins. — Der Kassenbericht weist bei einer Einnahme von 13 814 M. doch noch einen Fehlbetrag von 4648,69 M. auf. — Aus den Verhandlungen verdient eine Erörterung besonders hervorgehoben zu werden, die auch weitere Kreise interessiren dürfte. Am Schluffe der Tagesordnung wurde nämlich das Mitglied des Vorstandes, Herr Rabbiner Dr. David aus Düsseldorf, wegen seines Verhaltens in der am Pfingstmontag dieses Jahres gegen den Verband der Synagogen-Gemeinden