Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- Seite 504 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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504 geschickt, um die Sache zu hintertreibeu. Und dies ist ihnen auch gelungen. Meiu karäischer Gewährsmanu war übrigens in jeder. Beziehung freisinnig. Er war eigentlich nur noch im Prinzip Karäer, sonst hielt er, wie er mir wiederholt versicherte, weder die Sabbathnoch die Speisegesetze. Im klebrigen war er ein sehr angesehener Mann. Ueberall traf er Bekannte, und viele Leute ans dem Schisse sprachen ihn an. Ich habe seiner Unterhaltung ans einer fast dreitägigen Fahrt manche angenehme und anregendeStunde zndanken gehabfl Von den anderen Passagieren des Dampfers war eigentlich keiner besonders interessant, höchstens ein alter russischer General, der sehr geschwätzig, fast mit Jedem eine Unterhaltung anzuknüpfem suchte. Eine reizende Episode in der Monotonie des Schiffslebens, war für mich die Plauderei, die ich Abends beim Thee in dem eleganten Speisesalon des Dampfers mit anhörte. Es war ein Dialog zwischen dem. alten General und dem Kapitän des Schiffes, dev/ ein echter Seemann, ernst, gemessen und sehr wortkarg war. Die Unterhaltung drehte sich um die immer thenerer werdenden Lebensrnittel und Wohnungspreise in Städten und Badeorten. Ich gebe den Schluß des Dialogs wörtlich wieder. General: Ja, in Jalta bekommt man jetzt keine Wohnung während der Saison unter 3—400 Nribel, tvährend man vor einigen Jahren kaum den vierten Theil zu bezahlen brauchte. An all dem sind aber die Juden Schuld. Kapitän: In Jalta dürfen ja gar keine Inden wohnen. General: Was Sie nicht sagen! Kapitän: Exzellenz, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß in Jalta kein Jude wohnen oder auch um zur Kur sich aushalten darf. Generäl: A wse taki! (d. h. Trotzdem!) Dieses Trotzdem war wirklich unbezahlbar. Es bildet ja auch, das Hauptargnment bei allen Angriffen der Antisemiten gegen die Inden. Also wenn auch die Juden in Jalta nicht wohnen dürfen, so sind sie trotzdem an der Bertheuerrmg der Wohnungspreise schuld. Inzwischen war Enpatoria in Sicht gekommen, das karäische Nom. Es ist eine ans flacher, sandiger Landzunge, gelegene Stadt, und man sagt, daß dort der jetzt heiter lächelnde Pontns bei rauher See ätißerst ungastlich sein könne. Da der Dampfer hier nur auf wenige Stunden anlegte, so konnte ich die für die Geschichte des Karäcrthums so wichtige Stadt nur flüchtig besichtigen. In der jüdischeil Litteraturgeschichte ist Enpatoria unter seinem neurussischen Namen Koslow sehr bekannt. Bon hier ging die Renaissance des Karäerthnms in den dreißiger Jahren ans. Es wurde damals eine Buchdruckerei hier errichtet, aus welcher die hervorragendsten religionsphilosophischen lind dogmatischen Werke des Karäerthnms hervorgingen. Enpatoria ist auch heute wieder der Mittelpunkt des ganzen karäischen Lebens. Die Stadt zählt unter 16 000 Einwohnern über 3000 Karäer und etwa 400 rabbinische Jtiden. Die Karäer besitzen zwei Synagogen, die Rabbaniten eine. Auf dem Boulevard, dicht am Meere, kann man Abends Käräer und Inden friedlich neben, einander spazieren gehen sehen, aber ohne daß einer den anderen anspräche oder auch nur begrüßte. Die Synagogen waren zur Zeit des Abendgebetes dicht gefüllt. Mein Abschied von den Karäern hinterließ mir eine frelindlichere Erinnerung als der ganze Verkehr mit ihnell. Es war ilach Beendigung des Gottesdienstes. Der alte Chacham verließ als der Letzte das Bethaus. Ich wartete vor dein Thor auf ihn und sprach ihn mit einer hebräischen Begrüßungsformel ail. Er antwortete überrascht und bewegt: Unsere Unterhaltung war leider nur eine kurze, aber sie machte auf mich einen tiefen Eindruck. Auf meine Frage: „Wäre es nicht möglich, daß die feilldlichen Brüder sich wieder, einmal vereinigten?" antwortete er mit zitternder Stimme in. Anlehnung an einen bekannten. Schriftvers: „Wer gäbe, daß das ganze Volk. Israel Propheten wären und in Eintracht lebten!" Heber Enpatoria ging die Sonne unter, als der Dampfer den. Hafen verließ. Sie warf ihre letzten Strahlen auf die große Synagoge der Karäer. In dieser merkwürdigen Abendbelenchtung schien das Schicksal jener versprengten Reste des israelitischen Stammes sich wiederznspiegeln. Auch ihre Lebenssonne neig^ sich dem Untergänge zu, und die traurige Gewißheit, daß ihnen kein neuer Morgen tagen wird, umwebt sie selbst, ihre Geschichte, ihre Geschicke, ihre Führer ltnb ihre Institutionen mit einem wehmüthigen Schimnler der Verklärung. Im Mondschein auf den Flutheu des gewaltigen Meeres läßt sich gut träumen. Und so dachte ich noch lange über das Schicksal dieser Sekte nach, die ein merkwürdiges Geschick aus dem fernen Osten hierher an die Gestade des kimmerischen Bosporus verschlagen und die sich hier unter den seltsamsten Bedingungen im Gewoge der Völker und im Gewirr der Sprachen intakt erhalten haben bis auf diesen Tag, vielleicht auch noch weiter sich erhalten werden Jahrhunderte, lang. Mindestens versicherte mir das als seine Ueberzeugung ein Karäer, der in Enpatoria das Schiff bestiegen hatte, als wir in Od e ss a angelangt waren und freundlichen Abschied von einander nahmen. Ueber das jüdische Odessa kann ich leider nicht viel sagen. Gerade weil so viel darüber zu sagen wäre, thut mir dies doppelt leid. Aber die Hitze war in den Tagen, wo ich dort weilte,, eine so fürchterliche, daß man am Tage gar nicht ausgehen konnte. Der Wärmemesser zeigte auf 95 Grad Fahrenheit im Schatten, und viele Leute wurden auf der Straße vom Hitzschlag getroffen. Da tvar es wirklich nicht möglich, wie ich es mir vorgenommen, die Gemeindeinstitutionen kennen zu lernen. Am Abend erst war es überhaupt möglich, auszugehen, und mein erster Bestich galt auch zur Zeit des Abendgebetes den Synagogen der Rabbaniten und Karäer. Während erstere trotz der Sommerhitze gut besucht waren, fanden sich in der letzten frmm fünf Personen zum Gebet ein. In Odessa herrscht ein reges jüdisches Leben, und namentlich die zionistische Idee hat dort, von wo der sel. Dr. Pinsker die ersten Anregungen hierzu gegeben, viele Anhänger. Leider hat die große Gemeinde keinen Rabbiner — und doch wäre gerade hier ein gebildeter und fortschrittlich gesinnter Rabbiner ganz besonders am Platze. Gegenüber dem Gewimmel in dem von Inden bevölkerten Viertel Odessas nimmt sich die Ruhe in dem unseren Glaubensgenossen angewiesenen Straßen des heiligen Kiew sonderbar aus. Gleichwohl begegnet man auch hier auf Schritt und Tritt Inden. Ja, auf dem Kreschtschatik, der vornehmsten Straße, die den Mittelpunkt des Lebens und Verkehrs bildet, sind sehr viele Läoen an dem Sonnabend, wo ich dort war, geschloffen gewesen. Wie bekannt, dürfen in Kiew keine Juden tvohnen. Aber, es heißt, daß doch mehr als 10 000 sich dort aushalten. Wie das möglich ist? Es würde zu weit führen, diese Frage hier zu beantworten. Die Antwort hängt ja auch eng mit der ganzen sozialen Lage der Juden in Rußland zusammen. Und um über diese zu schreiben, muß man. eine genauere Kenntniß von Land unb Leuten haben, als sie ein sechswöchentlicher Aufenthalt bieten kann. Was ich gesehen und erlebt, was ich gehört und gelesen, alles bestärkt mich in der Ueberzeugung, daß die. Lage der Juden in Rußland zu einer Entscheidung drängt. Wie diese Entscheidung aber ausfallen wird? Nun, schlimmer, als bisher kann sich diese Lage nicht gestalten. Es kann also nur besser werden, und sehnsuchtsvoll richten sich Millionen Augen zu den ewigen Höhen mit der bangen Frage: Meajin jabo esri? .. G. K. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.