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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-16 · Heft 42 (16.10.1896) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 42 (16.10.1896)
Date
1896-10-16
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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503 aus und band die Sträuße. Die Sukkah selbst war ein Verschlag auf dem Dachboden mit einer Vorrichtung, die es erlaubte, einen Theil des Daches zu öffnen, ein Holzgitter war als Decke angebracht; darüber war Stroh gebreitet, welches die eigentliche Sukkah symbolisirte. Von dieser Decke hingen aus buntem Papier gefertigte Ketten, Stränge von Hagebutten und mit Schaumgold überzogene Aepfel, Birnen und Nüsse herab. Mordche ließ sich nicht stören. „Gesegnet sei Dein Kommen," rief er dem Eintretenden entgegegen, „setz Dich, Awrom, kommst Du vielleicht mir helfen?" „Nein, Vater," war die Antwort. „Ich würde es kaum noch treffen. Auch, denke ich, Du bist schon zum Guten alt genug, um Dich vom Geschäft zurückzuziehen." „Was fällt Dir da ein?" rief Mordche. „Ich nehme es mit Euch Jungen noch auf. Wir haben gelernt in unseren jungen Jahren, sechs Meilen im Lag neben dem beladenen Wagen zu Fuß zu gehen, und zwar bei dem schlechtesten Wetter, damit es die Pferde leichter haben. Wir sind mit einem Pack auf dem Rücken zn Fuß mach Brünn gegangen, nur um den Zwanziger zu ersparen, den wir dem Frächter zu zahlen gehabt hätten. Dabei haben wir von Käse und Brod gelebt. Das macht den Menschen stark. Ihr müßt hellte cutf. der Bahn oder in einem gedeckten Wagen fahren und in der Garküche essen, sonst, glaubt Ihr, könnt Ihr nicht existiren. das macht Euch schwach." „Nu, Vater!" meinte Awrom, „ich will gewiß, daß Du hundert Jahr leben soüst, aber Du könntest jetzt Dein Leben ruhig genießen und brailchtest Dich nicht mehr zil plagen." „Mein Kind, das geht nicht," erwiederte Mordche ruhig, aber bestimmt. „Ich wüßte nicht, was ich mit der Zeit anfangell soll, wenn ich kein Geschäft habe, und wenn ich auch weiß, daß Du es gerne thust, will ich doch von keinen, Kind leben, so lange mir Gott Kraft giebt, zu arbeiten." „Vaterleben," fiel jetzt Awrom ein, „Du mußt es mir zu Liebe thun. Sie haben mich jetzt in Kohol gewählt, und cs paßt nicht, daß ich soll über Dich zu befehlen haben oder daß Dir Jemand soll harte Reden geben, während ich dabei sitze. Du hast lange genug gebient lind darfst jetzt verlangen, daß sie Dir ein Ruhegehalt geben, und das soll entschieden werden, ehe ich in Kohol eintrete. Man soll nicht sagen, ich will mein Amt benütze», um meinen Vater 311 versorgen." „Kindleben!" sagte Mordche mit weicher Stimme. „Siebenundvierzig Jahre habe ich in Schlll geklopft, habe die Schul allsgekehrt, habe die Lichter angezündet, die Thorarollen angezogen und alles gethan, wie es sich gehört. Von der jungen Welt weiß ja Keiner, wie nlan das zu machen hat. Sag' Du, wer wird wissen, wann man soll Reb Koppels und wann Reb Salmes Sefer herausnehmen, wann Reb Jekefs Porancheß an die Reihe fonnnt, an welchem Tage Reb Bärs Jahrzeit ist, wann man soll eine Oellampe, wann eine Kerze anzünden? Und ich soll es ruhig zusehen, wie die Khille zu Grnilde geht!" „Gerad lungekehrt, Vater, so lange Du da bist, bis hlindert Jahr, kannst Du einen Anderen abrichten, denn Keiner weiß das so gut wie Du. Dann thue mir den Gefallen. Laß mich auch das Verdienst haben, daß ich meiilen Vater ehren kailn. Mir thlit es wehe, wenn ich mir beute, Der und Jener giebt Dir einen Zwanziger und verlangt, daß Dll dafür ihm einen Diener abgeben sollst, oder tritt auf bei Kohol, um Dich herliilterzumachen, weil er fünf Gulden ein Jahr an Steuern bezahlt. Ich will aber von dem alleil ilicht sprechen. Ich bitte Dich: Thue mir den Gefallen." Mordche lächelte. „Hast Du die Geschichte von dem Maggid schon gehört?" sagte er. Awrom blieb stumm, obwohl er die Geschichte sehr gut kanilte, beim wenn er seine Aussichten nicht gänzlich ruiniren wollte, mußte er sie noch einmal über sich ergehen lassen. „Vor Zeiten," begann Mordche, „wie ich noch ein kleilles Kind war, war der reichste Mann in unserer Khille ein gewiffer Nathanel Regensburg. Weißt Du, wo jetzt Loser Mosche Chaims wohnt. Dort war sein Haus, aber es war damals ganz anders gebaut. Dort, wo jetzt die Thür ist, da war ein Fenster, und hiileingegangen ist mall . . ., aber was liegt darail? Kurz, der Nathauel war sehr yvich, hat aber nicht gerne gegeben. War einmal ein wandernder Prediger im Orte, der hat am Schabbes „gedarschent", Alles hat gesagt: Ein Gotteswuilder! Sonntag ist er herumgegaligen in die Häuser, seine Gaben abzusammeln. So kommt er auch zu Reb Nathanel. Wie er hineinkomint, sagt Reb Nathailel: „Hört an, Rebbe, ich will Elich eine schöne Gabe reichen, welln Ihr mir auf der Stelle ein „gleiches" Wörtel sagt." - Mein lieber Rebbe besinnt sich nicht lange und sagt: „Baalboßleben, seid mochel und steigt mir auf den Buckel." Sagt Nathanel ganz überrascht: „Ist das gleich?" Sagt der Rebbe: „Ich Hab' doch nicht gesagt, es muß gleich sein." Du verstehst doch, was ich meine, Awrom?" „Ja, Vaterleben," sagte der Angeredete heiter, „es muß nicht gleich sein." (Fortsetzung folgt.) Uon der Meise. Mm^uch meine Rückreise auf den», schwarzell Meere war vom schönsten Wetter begleitet. Alls kimmerischer Nacht rangen ü wir uns zu herrlichstem Sonnenschein empor. Der erste Bekannte, der mir am frühen Morgen auf bei» Schiffe entgegentrat, war mein Zeitungshändler aus Odessa, der in aller Geinüthlichkeit seine Tefillin legte. Er war inzwischen in Batum gewesen und sprach von dieser Reise, wie wir etwa von einem Ausflüge nach Potsdam zu reben pflegen. Außerdem war noch ein karäischer Cigarettenfabrikant M. ans Aluschta anwesend, mit dem eine Unterhaltung möglich war, da er französisch und sogar etwas deutsch sprach. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß die Cigarettenfabrikation in ganz Südrußland fast ausschließlich in den Händen der Karäer ist. Herr M. war schon recht stark von der modernen Kuttlir iusizirt. Er glaubte nicht mehr an die Märchen von Firkuwitsch und Genossen; desto größeren Werth legte er aber auf die moralische Solidität und bürgerliche Zuverlässigkeit der Karäer in der Gegenwart. Selbst das Rechenexempel. das ich ihm vorhielt, nach welchem die Karäer innerhalb einer bestimnlten Zeit nothwendig untergehen müssen, schreckte ihn nicht. Er sprach sogar nicht ohne Bewegung von der Möglichkeit einer Vereinigung der Karäer mit den rabbinischen Juden; ja, wenn ich seinen Mittheilnngen glauben darf, besteht innerhalb der Karäer-Gemeinde selbst eine moderne Strölnung. die nach dieser Richtung sich entwickelt. Mein Zeituugshändler, der, soweit er nicht frivole französische Romane oder antisemitische russische Zeitungen verkaufen mußte, lebhaften Antheil an unserer Unterhaltung nahm, verhielt sich diesen Anschauungen gegenüber allerdings äußerst skeptisch. Er erzählte mir später, daß unter den Karäern der Krim vor einigen Jahren eine furchtbare Aufregung darüber geherrscht habe, daß einer der reichsten von ihnen in Odessa seine Tochter mit einem rabbinischen Juden verheirathen wollte; ja, es I wurde sogar eine Deputation der angesehensten Männer nach Odessa

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