Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-16 · Heft 42 (16.10.1896) · p. Seite 502

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 42 (16.10.1896)
Date
1896-10-16
Page
Seite 502 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228191--53184-3258849
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

502 nach Hanse kamen, in der Stadt hatten rastreu lassen, ließ man sich» jetzt ungeniert den Raseur ins Haus koiinnen. Hätte man früher nur auf Reisen oder heimlich sich den Genuß von Wein bei Richtjuden erlaubt, so ging man jetzt ruhig ins Gasthaus und trank dort sein Glas Wein, als ob das nie verboten gewesen wäre; einzelne verwegene Neuerer wagten sogar dort zu essen und am Sabbath eine Cigarre zu rauchen. Der Ritus der Synagoge blieb wohl ziemlich unverändert, aber das private Verhalten der Individuen gestaltete sich dafür desto freier. Während früher Jeder, dem es seine Zeitz erlaubte, und besonders die älteren Gemeindeinitglieder, die sich inß' Privatleben zurückgezogen hatten, täglich die Synagoge besuchten,- fehlte es jetzt mitunter an dem nöthigen Minjan?) Die Weiberschul blieb an Wochentagen ganz geschlossen, und selbst bei solchen außerordentlicheil Gelegenheiten, wie all ben Bußetagen, wo sie frühergefüllt war, war sie jetzt mir spärlich besucht. Nur einige dev älteren Frauen trugen am Versöhnungstage die weißen Kleider wld Hauben, alich die Männer, welche an diesem Tage ihre Sterbehemdes anlegten, wurden spärlich, und die Altersgrenze rückte immer weiter hinauf. Am neunteil Ab?) saßen Viele nicht mehr auf dem umgestürzten Ständer und legten ihre Stiefel nicht ab; die jungen' Kohanim, die sich mancher Sünden gegen das Cerenionialgesetz bewußt waren, gingen nicht mehr zum Duchan, um den Segen zn sprechen; manche junge Leute hatten es niemals gethan, während früher jeder Barmizwajunge darin unterrichtet worden war. Der Tällis, welcher den Beter von den Schultern an ganz einhüllte, wurde zusammengerollt, und die Frommen, welche ihn über ben Kopf zogen, waren ausgestorben. Die Selichos, welche früher nach Mitterilacht begonnen hatten, wurden auf eine immer spätere Stlmde verlegt. Das Schulklopfen und Schlllrufen, sowie das Versteigern von syuagogalen Ehren hatte aufgehört. So war denn unser, Mordche um einen Theil seiner Amtspflichten gekoinmen, was ihm' sehr wehe that, denn besonders das Schutklopfen war sein StoU gewesen, aber dafür hatte er mit dem Tode des alten Schammes! einzelne vornehmere Pflichten überilommen, er durfte die Thorarollen anziehen, die für gewisse Festtage bestimmten Vorhänge vor dev Bundeslade aufhängen, den Chanukaleuchter vorbereitell, auf einer Tafel mit beweglichen Ziffern die Preise für die syuagogalen Ehren anzeigen, wie es seit Aufhören des lauten Versteigerns Mode geworden war. ja sogar, wenn der Kantor, dem im Bewußtsein seiner priesterlicken Würde der Syuagogenbesuch au Wochentagen eine Selbstherabwürdiguug schicil, abweseild war, das Abendgebet sprechen/ Das Alles konnte ihn freilich über den Verlust des Amtes;- mit dem er sich den Himmel erlaufen wollte, nicht trösten. Am jedem Freitag, welln er in feiner Stube Sabbath machte lind die weiße Tischdecke aus der altmodischen Konuliode nahm, wo ec seine Wäsche verwahrt hatte, warf er einen Blick auf die Schublade, in. welcher der Kittel und die Haube verwahrt lagen, die er nur am- Nelljahrstage unb am Versöhnungstage anzog. Daneben lag dev abgenutzte Hammer und ein Fragment eines alten Strumpfes mit zwei Gutdell in kleiner Münze. Man sollte „über hundert Jahr" alles in Ordnung finden. Wie war es doch sonst anders gewesen,, wenn er seine Tischdecke aufgelegt und die zwei blankgeputzteiv Messingleuchter mit den Oeltigeln darauf gestellt und die Weinflasche mit dem Glase für ben Kiddusch vorbereitet hatte, ganz so,., wie es seine Channe, im Gan - Eden ruht sie, zu thun pflegte. Da hing der Hammer an dem Nagel neben dem Bette, damit man ihn Sonntag früh gleich zur Hand habe. „So wußte doch der Mensch, daß es Sabbath sei, und Niemand hat sich vor Christen geschämt, und Niemand hat sich gefürchtet, obwohl wir keine Freiheiten gehabt haben. Ich will meinen Mund nicht zu Bösem aufthnn, aber ob Er, gelobt sei sein Name, das ruhig zusehen wird, weiß ich nicht." Inzwischen war eine gewaltige Aenderung in Mordches Lebeit eingetreten. Awrom hatte rasche Fortschritte gemacht. In dem verarmten Orte war es ihm merkwürdigerweise -geglückt, zu einer gewisten Wohlhabenheit zu gelangen. Er hatte seinen Laden int modernen Stile eingerichtet; auf den verschiedenen Fächern waren Etiquetten aufgeklebt, Flaschen und Krüge standen in Reih' und Glied wie in einer Apotheke, und in der Kulturgeschichte des, Ortes hat'ec sich dadurch ein unsterbliches Verdienst erworben, daß er das erste Schaufenster arrangirte, welches nach dem einstimmigen Urtheil aller Nichtkonkurrenten in Paris nicht schöner sein konnte. Es war auch wirklich nichts Kleines. In der Mitte eine Pyramide ans Seife, auf der einen Seite eine Flasche mit Soda, auf der anderen eine gleiche mit Uttramaciu. Auf verschiedenen Stellagen Porzellan- Pfeifen, Federmesser, Brieftaschen, Sicheln und Cigarrentaschen, Baumwollenzeuge und Schleifsteine, ja sogar, was Manchen unerhört schien, eine Pistole. >, „Hab' ich auch inein Lebetag nicht gehört," sagte der pietistische Selig Löb, „daß ein Jüd soll mit Schießgewehren handeln.- Das ist ein Schritt mehr zur Kesireh."*) „Hochinuth kommt vor dem Fall," meinte Elijeh, ein durch Awroms Unternehmungsgeist bedrängter Konkurrent. „Mit solchen Auslagen hat 'sich schon Mancher eingelegt. Ich gönne ihm alles Gute, obwohl er mich zu Grunde richten will, aber ich meine, ich werde es noch erleben, daß Awrom wird froh sein, wenn man ihn zum Schammeß machen wird." Alle diese Kritiken konnten aber nicht verhindern, daß Awrom trotz der zunehmenden Veränderung des Ortes prosperirte, und die Anerkennung blieb nicht aus. Er wurde in den Vorstand gewählt, eine Karriere, welche der Napoleons gleich kam, wenn mau sie nach dem Neide der kleinen Leute und dem. Verdrusse der Patrizier messen wollte. Noch am Abend der Wahl, die an den Halbfeiertagen des Laubhüttenfestes stattfand, ging Awrom zu seinem Vater, der bei einem Stümpfchen Licht m der Sukkah saß, um mit dürren Palmblättern die Weideusträuße zu flechten, welche man am nächsten Morgen, am letzten Tage des Sukkothfeftes, in die Synagoge mitnahm, um sie nach Schluß des Gottesdienstes mit aller Macht gegen die Ständer zu schlagen, daß die Blätter abfielen. Dieser Gebrauch, welcher besonders von den Jungen mit großer Gewissenhaftigkeit befolgt wurde, wird von den Kabbalisten den Propheten in die Schuhe geschoben. Er soll dazu helfen, die „fünf Mächte" zu lindern und sie dem Menschen zu verleihen, weshalb auch der Strauß aus fünf Zweigen bestehen muß. Was man sich unter diesen fünf Mächten vorzustellen. hat, wißen wir. freilich nicht. Mordche hätte uns am wenigsten darüber belehren können, obwohl er sehr gewissenhaft dafür sorgte, daß jedes Mitglied der Gemeinde mit den: nöthigen Radau-Instrument ausgerüstet sei. Er ging selbst in den Busch am Ufer des Baches, schnitt sorgfältig die Zweige ab, holte den vom vorigen Jahre aufbewahrten dürren Palmenzweig, spaltete sparsam die Blätter und band die kleinen Zweige so fest, daß sie noch zusammenhielten, wenn alle Blätter abgeklopft waren. So wie.Mordche traf das Keiner. Wahrscheinlich waren ihm zum Lohne für sein fromines Thun die „fünf. Gewuroth" verliehen worden. So saß er denn in seiner Sukkah beim. Stümpfchen des Jom- Kippurlichts, wählte die in einer Schüssel Wassers liegenden Zweige i) Zehn Beter. Tag der Zerstörung Jerusalems. 0 Abfall.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.