Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- Seite 501 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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501 „Ich meine/' fügte ich hastig hinzu, „Deine Ansicht über die orthodoxe Kirche." „Meine Auffassung?" sagte Paul. „Ich setze voraus, Du willst wissen, wie ich die in unseren Ceremonien und unserem Ritual enthaltene Idee vertheidigte?" Und bevor ich es hindern konnte, gab er mir die Argumente an, die ich leicht hätte entkräften können, wenn ich nicht an andere Dinge gedacht hätte: Mein armer Knabe! So hat diese schwere Materie vom Sakrament und Abendmahl Dir qualvolle Tage und schlaflose Nächte bereitet, während mich ein Skrupel, daß ich eine Konfession des Christenthums der anderen vorgezogen hatte, niemals vorher geplagt hatte. Ab und zu billigte ich eins von Pauls Argumenten, wenn ich an seinem Ton errieth, daß es am Platze sei. Aber als er einen Panegyrikus anstimmte, konnte ich mich nicht enthalten zu bemerken, daß es ein bloßer „Zufall" sei, daß unser Land überhaupt „orthodox" geworden. „Stelle Dir vor," sagte ich, „daß Wladimir, als er seine berühmte Wahl unter den Glaubensbekenntnissen der Welt traf, den Judaismus erwählt hätte? Es hing ja alles von seiner Laune ab." „Vater", rief Paul in schmerzlichem Ton. „Sei kein Gotteslästerer! Wladimir war von Gott iuspirirt worden, sein Land mit dem wahren Glauben zu beglücken. Gerade darin lag die Weisheit der Vorsehung, daß sie solche große Resultate durch einen Einzelnen erzielen ließ. Es ist unmöglich, daß Gott ihm erlaubt haben sollte, sein Ohr den ungläubigen Israeliten 511 leihen, die am Leben geblieben, um gleichsam als Band zur Vergangenheit wie als lebender Beweis der Unfruchtbarkeit der Seele, die die lebendigen Wasser verleugnet, zu dienen. Die Millionen des heiligen Rußlands sollten die halsstarrige Ketzerei der Juden, den Unglauben als Glauben aunehmen? Der Gedanke allein macht das Blut erstarren! Nein, dann würde jeder wahre Russe verdienen, in Schmutz, Unredlichkeit und Betrügerei 311 versinken, wie jeder Jude!" „Nicht wie jeder Jude, Paul!" erwiederte ich. „Nein, vielleicht nicht jeder Jude in Schmutz", gestand er mit sarkastischem Lachen zu, „denn zu viele von den Schuften haben ihre Nester sehr behaglich ausgepolstert. Die NaskolnikO) sogar sind erträglicher, und viele von ihnen sind gar nicht einmal Juden. Die russische Presse ist von diesen Burschen vergiftet, welche ehrlichen Christen das Brod vom Munde nehmen und sogar Leitartikel für religiöse Zeitschriften schreiben." „Glaube mir, Väterchen, diese jüdischen Skribenten, die ihre Flaggenstange überall aufpflanzen, haben mir manchen Kopfschmerz, manche Enttäuschung bereitet." Mir wollte dieses Gefühl als Pauls nicht würdig erscheinen, obgleich es eine Fülle von Licht auf den Kampf warf, mit dessen Details er mich niemals behelligt hatte. Ich fing an, meine Weisheit, einen so unpraktischen Jüngling so früh in den Kampf des Lebens geschickt zu haben, um sich seinen Weg selbst zu bahnen, zu bezweifeln. Aber wie hätte ich voraussehen können, daß er Journnalist werden würde, daß er bei jedem Anlaß von irgend einem schlauen Hebräer übertrumpft werden würde mtb daß sich seine Aversion gegen die Rasse richten würde. „Aber sicherlich," sagte ich nach einigem Stillschweigen, „sind unsere slavischen Journalisten ebenso wenig Christen." „Gewiß nicht," gab er traurig zu. „Die Universitäten haben viel Schuld daran. Anstatt scharf jedes lasterhafte Buch, welches die großen sozialen und religiösen Ideale, zu deren Träger Gott Rußland ausersehen hat, untergräbt, auszuschließen, duldet man, daß die Werke von Spencer und Taiue, von Karl Marx und Turgenjew und die der anderen litterarischen Antichristen den Glauben bis ins innerste Mark vergiften. Nur der Censor prüft oberflächlich die äntirussifchen Bücher. Aber eine Reaktion muß kommen! Eine Reaktion," fügte er feierlich hinzu, „zu welcher mein Werk durch Gottes Gnade beitragen wird." Ich hätte über meinen eigenen Sohn lachen mögen, wenn mir das Weinen nicht näher gestanden hätte. Pauls Pietismus ärgerte rküch zum ersten Mal. Kam es daher, daß meine Hinneigung zu Reiner Vergangenheit stärker als vorher geworden war, oder war es, weil Pauls Beschränktheit sich nie vorher so offenkundig gezeigt hatte? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich sehr böse auf ihn war. „Weshalb glaubst Du an eine Reaktion?" frug ich ihn. „Christus ist nie lange ohne Zeugen," antwortete er sententiös. „Und schon mehren sich die Anzeichen, daß das Glanbensbekenntniß der Materialisten die Seele nicht befriedigt. Sieh auf unseren Tolstoi, der zum Christenthum zurückkehrt, nachdem er die bunten Festplätze der Wissenschaft und des Lebens durchstreift hat, es ist wahr, sein Christenthum hat er sich nach seiner eigenen Weise gemodelt, und noch großen geistigen Hochniuth hat er zu überwinden, aber er ist auf dem rechten Weg zu der Quelle des Lebens. Doch, Väterchen. Du bist gar nicht Du selbst heut Morgen," fuhr er fort, seine Hand auf meine heiße Stirn legend. „Du bist nicht wohl." Er küßte mich. „Ich will Dir noch ein Glas Thee geben." sagte er und drehte den Hahn des Samovars mit einer Miene auf, die zeigte, daß er von der Sache nicht mehr reden wolle. (Forts, folgt.) Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. Elftes Kapitel. Die erste Stufenleiter.' f ie Wandlung in den Verhältnissen der Kehilla schritt stetig fort. Die Wohlhabenderen wanderten immer häufiger aus, um sich in den großen Städten oder auch in kleinen Orten, welche früher den Juden verschlossen gewesen waren, niederzulassen. Junge Leute wählten lieber Dörfer zu ihrem Wohnsitze, wo ihnen eine freiere Thätigkeit sich eröffuete, als daß sie in der überfüllten Judengasse die ohnehin zu große Zahl der Dorfgeher und Marktfahrer vermehrt hätten. Aeltere Leute zogen häufig zu ihren Kindern, die sich in einer Stadt niedergelassen hatten, und mit jedem Todesfall wuchs das Gefühl, daß wieder ein Zweig an dem Stamme abgestorben sei, für den man keinen jungen Nachwuchs erwarten könne. Die Einnahmen der Gemeinde gingen immer mehr zurück, Rabbiner und Kantor klagten, daß die „Regolim" 0 immer kleiner wurden; Synagogensitze, die früher fabelhafte Preise eingebracht hatten, waren nicht mehr verkäuflich; Häuser in der Judengasse, die früher als Paläste gegolten hatten, verfielen, weil die Eigenthümer, die in der Stadt wohnten, so geringe Miethen erzielten, daß sie sie lieber zu Grunde gehen ließen. Alles ging zurück, nur die Zahl der Bettler .nahm zu. Die armseligsten Existenzen, die theils von Almosen, theils von dem Lohne für kleine Hilfeleistungen in wohlhabenden Häusern lebten, blieben an der Scholle haften. Die Reform des religiösen Lebens schritt auch unaufhaltsam fort. Während früher die heimlichen Sünder sich, ehe sie am Freitag 0 Eine russische Sekte. y Festgeschenke.