Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- Seite 500 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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500 Loos des Menschen, der lebt, ohne es zu wünschen, und der, wenn das Unglück ihn betroffen hat, in Sehnsucht nach dem Tode, als dem Erlöser, verschmachten muß. Seine drei Freunde, welche die herrschende und bisher unbestrittene Anschauungsweise vertreten, empören sich über die vermeintliche Selbstgerechtigkeit Hiobs und suchen den Grund seines Unglückes in Uebertretungen und Versehen, die er bewußt oder unbewußt begangen hat. Hiob antwortet Jedem einzeln, weist ihren Argwohn zurück, setzt seine Klagen über das Elend des Erdenleben^ fort, fleht uni Gottes Barmherzigkeit, behauptet, daß Gottes Strenge in gleichem Grade den Unschuldigen, wie den Schuldigen treffe, und beklagt sich, daß Gott ihn so schwer straft, ohne ihn den Grund ahnen zu lassen. Die Freunde nennen ihn dieser kühnen Ausdrücke wegen gottlos. Da offenbart sich Jehova in einem Ungewitter, tadelt Hiob, weil er sich in seiner menschlichen Ohnmacht und seinem unzulängliche^ Fassungsvermögen zu einer Art Angeber des Herrn aller Wesen aufgeworfen hat, verweist auch den Freunden die unverständige Rede und bezwingt in mächtiger Ueberlegcnheit den Hochmuth und die Schwachheit des Menschen. Nun giebt Gott dem gedemüthigten Hiob all das Verlorene zweifach wieder, statt der sieben Söhne 14, statt der 3000 Kameele 6000. Und Hiob lebt noch 140 Jahre und stirbt zuletzt des Lebens satt. — Mit anderen Worten: Wenn Jehova seine treuen Diener leiden läßt, so geschieht es. weil er sie erprobt, und sie empfangen Ersatz und Vergütung hier auf Erden. Sie sterben ganz gewiß, aber der Tod ist nur, wenn er zu früh kommt, ein Uebel. Erst mehr als ein halbes Jahrhundert später, ein Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, als Israel von zahlreichen und fürchterlichen Martern gepeinigt wurde, giebt es diese eigentümliche Anschauungsweise auf und klammert sich an die Lehre von der Auferstehung des Leibes und vom tausendjährigen Reich. Tausend Jahre glücklichen Lebens in einem Jerusalem, das die Hauptstadt der Welt geworden ist, ist die höchste Belohnung, die Israel sich für einen Blutzeugen vorstellen kann. Zum Glauben an die eigentliche Unsterblichkeit hat sich das alte Israel nie aufgeschwungen. Sie würde nach seiner Vorstellung den tiefen, grenzenlosen Unterschied zwischen Gott und Menschen ausgelöscht haben. Obgleich das Buch Hiob sich ohne den Prolog und Epilog, den man jetzt findet, nicht verstehen läßt, ist es ungewiß, ob der. Prolog und der Epilog von der gleichen Hand stammen, wie die Gespräche. Selbst davon abgesehen, daß der Name Gottes im Prosarahmen verschieden ist, steht. letzterer außerdem in auffallendschlechter Uebereinstimmung mit der versisizirten Dichtung. Der, Dialog läßt sich geradezu niemals auf die Verhältnisse ein, die der . Prosarahmen mittheilt. , Ein Hauptpunkt in der Geschichte des Hiob ist seine Krankheit. Aber von Hiob und seinen Freunden wird nur selten darauf hingedeutet, und. man findet kaum irgend eine Anspielung auf ihre^ besondere Natur. Im Epilog ist sie dann vollständig vergessen; Hiob sollte ja genesen; aber nun ist gar nicht mehr die Rede von irgend : einer Krankheit. Ein zweiter Hauptpunkt des Rahmens ist Hiobs Verlust seiner Kinder. Aber weder die Freunde, noch er selbst scheinen von diesem; Verluste zu wissen (5, 25. 14, 21. 19, 17): Eliphas sagt zu Hiob: , Lehne Dich nicht gegen Gottes Züchtigung auf, und Du wirst sehen, daß Deine Nachkommen sich vermehren. — Hiob klagt darüber, wie. Gott den Menschen vernichtet und plagt. Seine Kinder kommen zu Ehren, und er weiß es nicht. — Ja, weiterhin spricht er sogar nicht; allgemein, sondern persönlich über Kinder: Meine Athem ist meinem Weibe zuwider, und meine Kinder haben Abscheu vor mir. Es ist überhaupt nicht leicht, sich eine Vorstellung von der Lage des Hiob nach seinem Unglück zu bilden. Im Kapitel 16, 8 wird erzählt, daß er von Feinden verfolgt ist, darauf findet man aber sonst gar keine Hindeutung: „Mein Feind stiert mich an, lacht über mi^ schlägt mich schändlich auf meine Backen, ja, die Feinde sammeln sich, in Maffen gegen mich. Gott hat mich den Ungerechten übergeben und in der Gottlosen Hände kommen lassen." — Die Ausdrücke sind hier zu stark, um den tadelnden Freunden gelten zu können. Weiterhin wird wieder gesprochen, als ob Hiob noch reich sei : „Entferne die Ungerechtigkeit aus deinen Zelten, wirf dein Silber auf die Erde und das Gold Ophirs zwischen die Steine des Baches. Laß' den Allmächtigen dein Schatz sein —" eine seltsame Ermahnung, die Eliphas dem armen Hiob giebt. Es sind auch noch andere Selbstwidersprüche vorhanden. Während im Allgemeinen vorausgesetzt wird, daß Hiob und seine Familie in Zelten wohnen, wie die Araber des Ostens, fallen hier häufig Aeußerungen, die darauf hindeuten, daß sie in einer Stadt in Häusern sich aufhielten. Es scheint, als habe der Dichter inzwischen den Zustand vergessen, in den er seine Person versetzt hat, und jenen vor Augen gehabt, der zu seiner Zeit allgemein war. Soviel ist sicher, daß die sieben Kapitel, in denen Hiobs vierter Freund. Elihu redend eingeftthrt wird, unechte sind, viel später eingeschaltete von einem Verfaffer, den die kühne Sprache des Buches erschreckt hat. Diese Elihu-Einlage ist schwach, enthält nur Wiederholungen oder abstrakte Erwägungen. Elihu ist außerdem im Prolog nicht erwähnt, und nachdem er gesprochen hat, richtet Jehova das Wort nicht an ifjij, sondern an Hiob, was die Einschaltung deutlich verräth. Sei es, daß die Widersprüche, die man findet, durch den Schaden verschuldet sind, den das Werk inzwischen im Laufe der Jahrhunderte erlitten hat, oder daß der Rahmen wirklich einen anderen Verfasser hat, als das Werk selbst, so zeigt sich seine Genialität doch darin, daß der Epilog gerade nur als Schluß und Nachschrift steht, jedoch keineswegs die Geister bannt, die der Dichter heraufbeschworen hat, und keineswegs die Gedanken und Zweifel zum Verstummen bringt, die in der Dichtung frei ausgesprochen sind. Das Buch Hiob bezeichnet einen Höhepunkt der Gedankenfreiheit in dem alten Israel. —n--H ,,-——-----1 l—I |-' 1UMSQM11KK3 J FEUILLETON | -II—H I--■«!'-1 -1 IIWniUUimlllöQ I—— Das Tagebuch eines Abtrünnigen. Von I. Zangrvill. Autorifirte Ueberfetzung von Frau Dr. I. Wedell. f (Fortsetzung.) auls Stimme unterbrach meine Betrachtungen. „Es muß eigentlich Sensation machen. Ich habe eine ganze Reihe neuer Argumente gesammelt, theils textliche, theils historische, um zu beweisen, daß es absolut feinen anderen locus standi als den der orthodoxen Kirche giebt." „In der That," murmelte ich, „und was ist die orthodoxe Kirche?" Paul starrte mich verwundert an.