Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- Seite 499 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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499 bei nit§ der Fall wäre, und sie zur Sanktion einem Fürsten zu empfehlen, aus dessen hohem Rechtssinn schon vor Jahren die Beschränkung der Rechte ganzer Klassen von Unterthanen aus Ursache ihres Religionsbekenntnisses abhanden gewiesen worden ist, dazu müssen höchst gewichtige, zwingende Gründe und bewiesene Thatsachen vorliegen, was jedoch nicht der Fall ist." Das Kollegium lehnte deshalb nach vierzehntägigen Verhandlungen (14. März bis 2. April) den vorgelegten Gesetzentwurf ab, „da keine Veranlassung vorliege, die Veränderung der bestehenden Gesetze vor der Hand in Antrag zu bringen." Die Juden des Fürstenthums, welche von den Vorgängen unterrichtet waren, athmeten, obwohl sie das feste Vertrauen zu der Gerechtigkeit ihres Landesfürsten nicht verloren hatten, doch erleichtert auf, als sie von dem Resultate Kenntniß erhielten. Fischer kam nie mehr auf einen ähnlichen Antrag zurück. Es ist jedoch eine bittere Ironie des Schicksals, daß er, welcher in den Inden, wenn auch nicht verhaßte Feinde, so aber doch unglückliche Fremdlinge — von gleichberechtigten Staatsbürgern ist nicht die Rede — erblicken und ihnen, den Wehrlosen, das Aufenthaltsrecht beschränken wollte, später einst selbst, nachdem er voll seiner Höhe gestürzt war, eine Zeit lang als unglücklicher Fremdling, jeden Augenblick eines Ausweisungsbefehles gewärtig, von Stadt zu Stadt und von Land zu Land umherirren mußte. Vielleicht ist ihm im Greisenalter, nachdem er die Bitterkeiten der Verfolgung und Verbannung gekostet, die Erkenntniß gekommen, daß er auch den Juden gegenüber gefehlt, geirrt. Das Buch Hiob. Bon Georg Brandes. m. (cpl^zir sind unter des Königs Hiskia (Ezechias) Regierung, ungefähr 720 Jahre v. Chr. Es ist die Zeit des Jesaias und des Micha. Das Heer der Assyrer hat (721) das Reich Israel zerstört. Samaria ist erobert, die Einwohner sind in das größere (wenn auch kleine) Reich fortgeführt. Hiskia ist der Gefahr entgangen, das Reich Juda wird von der Pest befreit, die in Aegypten das assyrische Heer befällt, und die Männer des Hiskia befassen sich mit großen Litteraturarbeiten. Wahrscheinlich ist dies der Zeitpunkt, wo die älteren und nun verlorenen Bücher Jaschar und das Buch über Jehovas Kriege zerstückelt und bearbeitet wurden. Positiv wissen wir, daß damals die letzten Theile der Wortsprüche gesammelt wurden, diejenigen, die ausdrücklich benannt werden: „gesammelt von den Männern des Königs Hiskia". In diesen Stücken (Lamuel, Agur, Jthiel) liegt eine Art fremder, weltlicher Kultur, obglüch Gott hier Jehova genannt wird. Hier ist eine Art Kompromiß zwischen dem Jehovaglauben und dem gemeinsamen Weisheitsschatz der umwohnenden Völker eiugegangen. Es gab Nachbarstämme, außerhalb Palästinas wohnend, die an der gemeinsamen semitischen Lebensphilosophie theilnahmen. Solche waren die Beni-Kedem, d. h. die Söhne des Ostens, dieselben, die später Sarazenen genannt werden und die zur Zeit der Kreuzzüge unter Säladin kämpfen. Sie sind es, die wir im Buche Hiob auftreten sehen. Sie gehören zum Stamme Edom. Sie, die in Thema» und um Theman herum wohnten, waren ihrer weisen Männer wegen berühmt, fie werden in vielen Stellen der Bibel erwähnt. So heißt e§ bet Irremia (49, 7): Ist denn keine Weisheit zu Theman? Ist denn kein Rath mehr bei den Klugen? Die Personen, die int Buche Hldb auftreten, sind wohl keine Juden. Der Schauplatz ist nicht Palästina. Daß man nicht irgend eine Hindeutung auf die sogenannte mosaische Gesetzgebung findet, bedeutet nichts. Man findet auch keine in den Wortsprüchen, im Buch der Richter und in der Geschichte der eAen Könige. Aber man findet hier keine Anspielung auf den jüdischen Kultus oder auf den besonderen Glauben der Juden. Ja, Jehovas Name kommt in dem Dialoge ganz und gar nicht vor, sondern nur in dem Rahmen, der keineswegs bestimmt auf die gleiche Zeit zurückgeführt werden, kann. Aber wenn der Inhalt des Buches auch nichts besonders Israelitisches an sich trägt, so ist es doch unzweifelhaft von einem Hebräer in hebräischer Sprache geschrieben und ist mit Recht immer a,ls ein bedeutsames Denkmal der hebräischen Litteratur betrachtet worden. Sein Verfasser, Israels größter, tragischer Dichter, muß bei dem Umstürze, der dem Reiche Israel ein Ende machte, aus seinem Vaterlande vertrieben worden und umher gewandert sein, Aegypten und Arabien gründlich gesehen, Aufenthalt und Rast bei den Beduinen gefunden und in ihren Zelten wie Einer ihresgleichen gelebt haben. Die Frage, die im Buche Hiob behandelt wird, ist die Frage, welche die Kernfrage des Judenthums bildet: Wie geht es zu, daß unter des gerechten Gottes Herrschaft der Böse häufig vom Glück begünstigt, während der Gerechte nicht minder häufig von unverschuldetem Unglück betroffen wird?. Das ist die Grundfrage für den Israeliten. Der Kampf gegen diesen Zweifel ist die ganze innere Geschichte des Judaismus. Während andere Stämme und andere Religionen von Anfang an die Frage umgehen, indem sie von einer persönlichen Unsterblichkeit der einzelnen Menschen träumen, sieht Israel ein, daß Belohnung und Strafe jenseits des Grabes ein leeres, unwirkliches Gut ist. Innerhalb der Grenzen des wirklichen Lebens will Israel vas Gleichgewicht der höchsten Gerechtigkeit finden. Das ist Israels (ethischer) Glückseligkeitstraum. So gestellt, war die Frage ihrem Wesen nach unlösbar, weil hie Voraussetzung, von der sie ausgegangen, diese war, nämlich, daß das Erdenleben von einer Macht gelenkt wird, die mit bebestimmtem Bewußtsein eine strenge Gerechtigkeit wider jedes einzelne ytenschliche Jndividrulm durchführt. Ist dies der Fall, so ist Schuld und Züchtigung ein- und dasselbe. Es heißt in Hosen: Wer Wind säet, erntet Sturm; wer. Ungerechtigkeit pflügt, erntet Uebelthat. — Das war die Lösung des Problems, welche das Volksbewußtsein forderte. Die Propheten suchten der Schwierigkeit abzuhelfen, indem sie nur eine summarische Gerechtigkeit für den Stamm oder das Volk verlangten. Der Verfasser des Buches Hiob hält sich an den einzelnen Menschen und ringt mit dem Problein: wie die Pflichterfüllung sich zur Weltordnung verhält, wie das, was geschieht , sich mit Gottes Fürsorge und seiner Größe vereinen läßt. — Darauf ein Gedankenstrich, der sich nicht zu Ende führen läßt. Das Geniale im Buche Hiob ist, daß es diesen Gedankenstrich in einem Stil von unvergleichlicher Größe entwickelt. Ein reicher und vortrefflicher Mann wird von zahlreichen Unglücksschlägen betroffen, in einer Art von systematischer Verfolgung, die Jehovas vorgefaßtem Beschluß beigelegt wird. Er empört sich nicht über sein eigenes Geschick, sondern verwünscht das