Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-16 · Heft 42 (16.10.1896) · p. Seite 496

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 42 (16.10.1896)
Date
1896-10-16
Page
Seite 496 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228191--53178-3258843
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

496 für Bazsine- "In der modernen. Gesellschaft trägt jedes Individuum die Verantwortlichkeit für seine Thaten und Handlungen. Deshalb /wollen wir/-auch -nicht einmal untersuchen ob Dreyfnß schuldiger- .oder unschüldigerweise verurtheilt worden ist. Die Richter haben -ihn verurtheilt, folglich wird der Beweis für den Verrath erbracht -worden 'sein./. Kann er sich einmal — wie man behaupten will — /von.'der Beschuldigung reinwaschen, dann ist es umso besser — für .ihn, und wir-.können dann nur den Umstand beklagen, daß man auf so leichtsinnige Weise einen Menschen seiner Ehre und sozialen Stellung berauben konnte. Anders aber verhält es sich, wenn man in Dreyfuß das Judenthum treffen nntz dieses für Jenen verantwortlich machen will. Dann freilich ist es:die Aufgabe jedes ehrenhaften Israeliten, energisch Protest einzulegen," selbst-wenn man es Radauhälsen gegenüber,"wie es gewöhnlich Antisemiten sind, unter der Würde findet. Leider haben die französischen Juden in diesem Falle eher zu wenig als zu viel gethcin. Diese. ihre Passivität kann, gewisse Tendenzblätter in ihrem wüsten Treiben nur ennuthigen und sie, so oft sich die Gelegenheit bietet, zu Wiederholungen von Zumuthungen führen, die sie uns nicht oft genug aufburden können. Schon vor zwei Jahren nämlich hatten die Antisemiten- und klerikale Presse den Versuch gemacht, die französische Judenheit für den Hochverrath des Exkapitäns verantwortlich zu machen. Doch war der Versuch mißlungen. - Es fehlte .das materielle Substrat. Das Judenthum war zu vagu'e, zu undefinirbar und somit unanfechtbar. Deshalb mußte sich die Tendenzpresse auf Allgemeines -beschränken. Sie konnte die Gehässigkeit schüren, böses Blut machen, Hetzen. Substantiell war nichts zu machen. .Da wurde eine Flucht- -geschichte ausgeheckt und gewisse jüdische Persönlichkeiten an die an-- -gebliche Evasion geknüpft. Es tmtrbe nicht mehr vom Jndenthnm - als etwas Vagstem, Undesinirbarem, Haltlosem gesprochen. 'Man -wetterte gegen ein jüdisches Jluchtsrindikat. Das Großrabbinat, - Parlamentarier, jüdische Redakteure (Weyl vom Journal des Debats) waren in dieses „Hochverrathssyndikat" verwickelt. Die ganze Geschichte wurde zwar vom Ministerium für Handel und. Kolonien dementirt. Es ward sogar von der Teudenzpresse allmälig zugegeben, daß der Berräther noch auf der Teuselsinsel (Ile du diable) sich befindet. Aber was glücklicherweise nicht geschehen war, konnte geschehen. Und die Eventualiät nahm aktuelle Formen, Fleisch und Gestalt an. Man erfuhr, daß Dreysuß 7—800 Francs monatlich erhielt. Für Nahrung, Bücher und Revuen, sagte der Minister — Dreyfuß ist bekanntlich reich —, behufs Bestechung seiner Wärter vom „Judensyndikat" geschickt, schwören die Antisemiten. Dian erfuhr ferner, daß die Gattin des Verurtheilten das Ministerium um die Erlaubniß angegangen hatte, das schreckliche Loos ihres Mannes auf der Teuselsinsel theilen zu dürfen — das Gesetz erlaubt.dies ausdrücklich den Deportirten —, und der Antisemitismus sah in diesem Umstande die nahende Entführung durch die Frau in Uebereinstimmung mit dem Jndensyndikat, das zu diesem Behufe ein englisches Boot und englische Matrosen bereit hielt. Mehr als dies. Man wollte wissen, daß der jüdische Abgeordnete und Millionär Reinach vor etlichen Jahren den General Miribel mit einer Interpellation bedroht hatte, weil dieser den Kapitän trotz seiner ausgezeichneten Studien in das Geniekorps nicht aufnehmen wollte. Dieser Umstand, selbst wenn er wahr gewesen wäre, will zwar nichts sagen, allein für die Antisemiten . ist er ausschlaggebend. Man sah überall Komplizen. Dreysuß war der Sündenbock, die wirklichen Berräther am Vaterland waren die Hauptvertreter des Judenthums: die Reinachs, Weyls u. s. w. Sonderbar oder vielmehr sehr natürlich ist es, daß, wenn' man der. klerikal-antisemitischen Presse auf den Leib ruckt und von ihr Beweise fordert, sie mit leeren Ausflüchten antwortet : sie vermuthe, sie kombinire, sie könne sich dies nicht anders erklären. Als Herr Reinach auf die freche Beschuldigung des „Eclair" diesen durch ein offenes Schreiben aufforderte, den Beweis zu erbringen, so erwiederte dies durch — Stillschweigen. Und merkwürdigerweise auch die „Libre Parole" scheint sich erschöpft zu haben. Zwar droht sie mit einer Fortsetzung der Affaire „Dreyfuß- Judensyndikat" nach den Festlichkeiten und nach der Abreise des Zaren, aber wir wissen, was dieser Aufschub bedeuten soll. Die Argumente waren zu dumm, zu lächerlich, und selbst in dieser dummen Lächerlichkeit hat sie nichts mehr zu bieten. Sie will ruhen während der Festlichkeiten; nun, requiescat in paee. .' . Ein anderer Fall, den die Antisemiten hieraufzubauschen und für den sie ganz Israel verantwortlich zu machen suchten, war der der Waldhüter des Barons Henri von Rothschild, die in einem nächtlichen Kampf mit aggressiven Wilderern einen derselben erschossen hatten. Natürlich war der Mörder nicht der christliche Waldhüter, der in der Nothwehr gehandelt hatte, sondern der deutsche Jndenbaron, und die „Libre Parole" schrie aus Leibeskräften: Tod den Massacreurs! Nun denke man sich die Wuth Drumonts und seiner Gesellen bei dem Verlesen des die Waldhüter Rothschilds freisprechenden Verdikts. Daß die Magistratur verjudct ist, daß die Geschworenen bestochen waren, das ist ja selbstredend. Aber Drumont hatte trotzdem noch eine Entschuldigung für Magistrat und Geschworene: sie fühlten, daß der wirkliche Mörder, der Jude Rothschild, nicht auf der Anklagebank saß? In der That, selbst in seinen Beschuldigungen kann Drumont generös sein! Ich mag diesen unerquicklichen Artikel nicht schließen, ohne auch für uns Erfreuliches zu berühren. Es ist dies die ideale Seite der russischen in Paris weilenden Juden, über die ausführlich zu sprechen ich mir für später Vorbehalte. Ich will hier nur vorübergehend eines Künstlervereins Erwähnung thun, den ein begabter Glaubensgenosse. der Bildhauer Michel Kaplan, ins Leben gerufen hat, und der junge Künstler, die nach Paris behufs Vervollkommnung ihrer Studien kommen, nach Kräften unterstützen soll. Es ist dies ein Beweis mehr, wie sehr trotz Roth und Elend, trotz schmählicher Verfolgung der russische Jude ein wahres Kind seines Volkes geblieben, das sein höchstes Ziel in der Liebe für alles Gute uud Edle, in Kunst und Wissenschaft sucht. Daß Herr Kaplan diesem Verein russischer Künstler ein interkonfessionelles Gepräge verliehen hat, kann uns nur freuen. Nicht uns wird man den Vorwurf der Intoleranz ‘ machen können. w. Zur Iudenemanzipation im Fürstenthum Birkensetd. Nach amtlichen Quellen von Dr. Loevy, großherzoglicher Landrabbiner in Birkenfeld. ielfach haben auch die Bekenner des Judenthums Gottes Schutz nicht nur vor ihren Feinden, sondern selbst vor ihren Freunden anrufeil müssen. Der christliche Bekehrungseifer, welcher unzählige Scheiterhaufen ihnen angezündet hat, ist — von niedrigen Leidenschaften, wie Habsucht. Rachsucht rc., denen er häufig nur als Maske diente, ganz abgesehen — nicht immer aus selbstsüchtigem Fanatismus hervorgegangen, sondern oft genug aus dem wirklich ehrlich gemeinten Streben, den zur Hölle

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.