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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-16 · Heft 42 (16.10.1896) · p. Seite 495

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 42 (16.10.1896)
Date
1896-10-16
Page
Seite 495 (sequence 3)
Language
German
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495 seit den frühesten Tagen die Geschichte seines Lebens ausgezeichnet habe. Diese Autobiographie, die einen Zeitraum von fast nenn Jahrzehntes umfaßt, liefert einen interessanten Beitrag zur Kultur- und Geistesgeschichte deS Jndenthums in Deutschland, und es wäre zu wünschen, daß der Verfasser sich entschließe» sie dem Druck zu übergeben. Benedikt Levi, einer allbekannten Rabbiner-Familie entstammend, wurde am 14. Oktober 1806 als der Sohn des Rabbiners Samuel Wolf Levi zu Worms geboren Sein Vater gehörte zu den wenigen Rabbinern des vorigen Jahrhunderts, die mit großem rabbinischen Wissen humanistische Bildung und beste gesellschaftliche Formen verbanden. Als die Franzosen 1793 das linke Rheinufer überschritten, flüchtete er, in der Besorgniß, als einer der Notablen der Stadt nach Frankreich als Geisel geführt zu werden, in Begleitung anderer Bürger nach Frankfurt a. M. Dort fand er elf Monate lang ein Asyl, bis in Worms Ruhe und Ordnung zurückgekehrt waren. Samuel Levi war der französischen Sprache vollkommen mächtig. In seinem Hause pflegten sich längere Zeit Bürgermeister und Gemeinderath von Worms zu versammeln, wo dann der Rabbiner die neuesten.Nachrichten aus Pariser Zeitungen seinen Zuhörern ins Deutsche übertrug. 1807 wurde Samuel Levi in den Sanhedrin zu Paris berufen, dem er ein volles Jahr anwohnte. 1808 erhielt er das Großrabbinat zu Mainz, das er bis zu seinem Tode 1813 verwaltete. Kurz vor seinem Hingang hatte ihn der Kaiser Napoleon in längerer Audienz empfangen. Der junge Benedikt — so schreibt man der Frankfurter Ztg — genoß m Mainz den ersten Schulunterricht. Dort sah er 1812 Napoleon auf seinem Zuge nach Rußland über die große Bleiche ziehen. Sein Lehrer, Eisik Schwalje, hob ihn in die Höhe und rief: „Sprich den Segen!" So schreibt die jüdische Lehre beim Anblick eines gekrönten Hauptes vor. Nach vierzigjähriger glücklicher Regierung war Ludwig I. von Hessen gestorben. Sein Sohn Ludwig II. bereiste bei seinem Regierungsantritt die Provinz Oberhessen. In Gießen empfing er den Rabbiner Levi und die Gemeindevorsteher Bock und Hirschhorn in Audienz. Levi überreichte dem Großherzog ein Huldigungsgedicht, an dessen Spitze das Motto stand: „Und David, der Sohn Jsai, herrschte über ganz Israel. Und die Zeit, da er über Israel gebot, war vierzig Jahre. Und er starb in hohem Greifenalter, satt an Jahren, Reichthum und Ehre. Und es regierte Salomo, sein Sohn, an seiner Stelle." (1 Buch der Chronik Kap. 29. V. 26.) Diese sinnige Beziehung auf seines Vaters gesegnete Regierungszeit und .auf ihn selbst qls dessen Nachfolger gefiel dem Großherzog sowohl, daß er die Widmung bei der Hoftafel von Hand zu Hand gehen ließ und wiederholt seinen Beifall darüber äußerte. 1832 führte Levi die anmuthige Henriette Mayer aus Mannheim als Gattin in sein Haus. Diese gemüthreiche und geistig hochstehende Frau war bis zu ihrem frühen Hinscheiden (>842) eine der anziehendsten Erscheinungen der Gießener Gesellschaft.- Die Besten bewarben sich um ihre Freundschaft. Sie war eine ausgezeichnete Klavierspielerin, und ohne Zweifel hat ihr Sohn Hermann, der gewesene Generalmusikdirektor in München, seine musikalische Begabung von ihr empfangen. 1842 raffte eine tückische Krankheit sie hinweg. Der erste Stadtpfarrer, Kirchenrath Dr. Engel, hielt ihr die Grabrede, und der Universitätsprofessor Schaefer widmete ihr in der Didaskalia einen warm empfundenen Nachruf. Während der Winter des Lebens Flocke um Flocke auf das Haupt des würdigen Mannes streute, erlebte sein Herz die Freude, seinen Sohn Hermann, den genialen Dirigenten, Sprosse um Sprosse an der Ruhmesleiter emporklimmen zu sehen. 1882 wohnte er der Aufführung des „Parsifal" unter seines Sohnes Leitung in Bayreuth bei. Richard Wagner, der ihn aufs Herzlichste begrüßte und bewirthete. fragte ihn scherzend: „Wie sind Sie mit Ihrem ungeratheNen Sohn zufrieden?" „So ziemlich," antwortete Dr. Levi. „Ihr Hermann," sagte darauf Richard Wagner, „müßteals mein alter ego eigentlich den Namen Wagner führen!" * Durch die Zeitungen ging eine Nachricht, im juristischen Assessorexamen sei eine Neuerung dahin eingeführt, daß in die den Examinatoren hingelegten Zettel der Stand des Vaters des Examinanden und die Religion ausgenommen würden. Die Nachricht entbehrt, der „N^ A. Z." zufolge, jeder Begründung. * - Der Antisemitismus der deutschen Studentenschaft treibt immer merkwürdigere Blüthen. So hat der sogenannte allgemeine Deputirteukonvent (D. A. C.) von 49 deutschen Burschenschaften, d. h. solcher Studentenverbindungen, die sich Burschenschafter nennen, aber bereits längst jede Fühlung mit dem echten burschenschaftlichen Geiste aufgegeben haben, in einer Resolution ihren Verbindungen empfohlen, keine Juden mehr aufzunehmen. Dieser Beschluß hat, wie vorauszusehen war, die Gemüther in große Gährung versetzt, Mnd namentlich viele alte Herren — nicht blos die jüdischen — mit großem Unwillen erfüllt. Dies trat auch in einer sehr besuchten Versammlung alter Herren von der alten Breslauer Burschenschaft der Raczek hervor, von denen einige sich bereits während der Ferien an die aktive Verbindung gewandt hatten mit der Anfrage, wie sich dieselbe zu den Beschlüssen des Eisenacher v. A. C. verhalten wolle. Die Antwort ging etwa dahin, daß die Burschenschaft der Raczeks sich dagegen verwahre, antisemitisch zu sein, daß sie aber durch die Zeitströmung genöthigt sei, jüdischen Studenten die Aufnahme in die Burschenschaft zu versagen. Ob dieser Antwort ein allgemeines Schütteln des Kopfes. Es wurde geltend gemacht, daß es niemals Aufgabe der Burschenschaft gewesen sei, der Zeitströmung zu folgen, vielmehr sei gerade das Gegentheil ans der Entwickelung der Burschenschaft nachzuweisen. Nach längerer, sehr lebhafter Diskussion einigte sich die Versammlung, in welcher Männer von. über 100 Semestern anwesend waren, über eine nochmalige schriftliche Vorstellung an die aktive Verbindung, auf die Zurücknahme des verhängnißvollen Eisenacher Beschlusses hinzuwirken, der mit den Grundsätzen und Traditionen der Burschenschaft in unvereinbarem Widerspruch stehe. Die aktive Verbindung wurde auch nachdrücklich auf die unausbleiblichen Konsequenzen aufmerksam gemacht, die sich aus dem -Inkrafttreten eines solchen Beschlusses für die einzelnen Verbindungen ergeben würden. — Wie ferner mitgetheilt wird, haben die alten Herren der Burschenschaft Francouia in Bonn eine energische Vorstellung an die aktive Verbindung gerichtet, welche ihrerseits beschlossen hat, dem Beschlüsse des Eisenacher D. A. C. feine Folge .zu leisten. Pariser Briefe. Von O. Neuschotz de Jassy. Paris, im Oktober. ine zur Neige der Sauregurkenzeit von einem englischen Matrosen importirte Wildente genügte, um. die französische Presse wochenlang in Athem zu halten und gewisse Sensationsblättchen, die von wieder zu dementirenden Gerüchten vegetiren, außer Athem zu bringen. Es ist dies der Fall Dreyfuß. ' Die Angelegenheit den Lesern der Zeitung des Judenthums wieder auftischen zu wollen, wäre Zeitverlust. Sie hat zu viel Auf-, . sehen erregt, als daß sie unbeachtet geblieben wäre. Unsere Aufgabe . aber kann es nur sein, ein Resümee von Geschehnissen zu bringen, insofern sie das Judenthum im Allgemeinen berühren, .ohne auf >das historische Detail einzugehen.-- Uebrigens war die Fluchtgeschichte des französischen Exkapitüns an und für, ffch^von geringem Interesse für uns. Der Umstand, daß ein Jude ebenso Verräther an seinem Lande sein kann wie ein Katholik, hat nichts Außerordentliches. Ob er Dreyfuß oder Bazaine heißt, bleibt sich gleich. Beide sind verdammenswerth. Das Judenthum kann, ebenso wenig für Dreyfuß verantwortlich gemacht werden, als das Katholikenthum

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