Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1896)
- Date
- 1896-10-09
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 der Cötus der Oberrealschule, es folgten die Elementarschüler, die städtische freiwillige Feuerwehr. Darauf folgte der Leichenwagen und die jüdische Geistlichkeit, etwa acht bis zehn Rabbiner. Hinter denselben schritten zunächst die Angehörigen des Verstorbenen, dann das Büreau der Stadtverordneten mit Herrn Oberbürgermeister Kreidel, darauf das Magistratskollegium unserer Stadt und Magistratsvertreter aus Beuthen, Königshütte und Kattowitz. Es folgte der königliche Landrath Herr Schroeter und die Mitglieder des Kreisausschusses, sowie sonstige Behörden, dann die hiesigen Herren Aerzte, die städtischen Beamten und endlich die Hunderte von Bürgern, die es sich nicht nehmen ließen, ihrem Ehrenbürger das letzte Geleit zu geben. Die Widmung von Kranzspenden und das Halten von Leichenreden hatte Dr. Freund sich verbeten. An seinem Grabe widmete ihm darum nur Herr Rabbiner Dr. Münz-Gleiwitz innige Worte des Abschieds, an die sich Psalm 90 und ein Gebet schlossen. Außer dem Ortsrabbiner Herrn Dr. Münz bemerkten wir die Herren Rabbiner Dr. Cohn- Kattowitz, Dr. Blumenthal-Ratibor, Dr. Deutsch -Sohrau, Dr. Friedmann-Lublinitz, Dr. Gold schmidt-Königshütte, Dr. Köpfst ein-Beuthen, Dr. Kaatz-Zabrze. Als die ehrwürdigen Herren Rabbiner in der Abendstunde von einander schieden, da hatten sie alle die Empfindung: „Wahrlich, es ist ein Großer heute geschieden in Israel!" 6r. Essen, 4. Oktober. Aus der Uebersicht der Gesammteinnahmen für die Unterstützungskasse des Vereins israelitischer Lehrer von Rheinland und Westfalen im 3. Quartal geht hervor, daß dieselben weit hinter denen im 1. und 2. Quartal zurückgeblieben sind, und zwar gegen die Einnahmen im I. Quartal um ca. 600 M. und gegen die im 2. Quartal sogar um mehr als 1300 M. Es entsteht deshalb für alle Freunde der israelitischen Lehrer, insbesondere aber für die Mitglieder der Unterstützungskasse die unabweisliche moralische Pflicht, mit allen Kräften dahin zu streben, daß die Differenzen in den Einnahmen ausgeglichen werden und so die Unterstützungen der Lehrerwittwen- und Waisen wie der arbeitsunfähig gewordenen Lehrer nicht kürzen zu lassen. Hierzu kommt in Betracht, daß im Laufe des Jahres zu den anfänglich 140 Unterstützungsantheilen noch 14 hinzugekommen sind. Wenn nur Jeder innerhalb seines Bereiches seine Schuldigkeit gethan, daun würde dieser Mahnruf nicht nöthig geworden sein. Wir zweifeln nicht daran, daß jedes Mitglied im laufenden letzten Quartal mit doppeltem Eifer sich seiner moralischen Verpflichtung bewußt sein wird. Nur etwas Energie und Ausdauer! Israel läßt seine Lehrerwittmen und Waisen nicht darben. OO Karlsruhe, 2. Oktober. Der Bezirksrath traf in seiner letzten Sitzung bezüglich des Beizugs zur Steuer für allgemeine kirchliche Bedürfnisse in Anlehnung an seine früheren Beschlüsse eine Entscheidung von prinzipieller Bedeutung. Der zur Zeit in Furtwangen ansässige Fabrikant Johann Fellh eim er war zur Steuer für allgemeine kirchliche Bedürfnisse der israelitischen Religionsgesellschaft in Baden herangezogen worden, indem ihm von der Kirchenbehörde die Auflage gemacht wurde, eine dem Steuerkataster entsprechende Kirchensteuer zu leisten. Gegen das Vorgehen der israelitischen Kirchenbehörde legte Fellheimer Beschwerde ein und verlangte die Entscheidung des Bezirksraths. Er begründete seine Beschwerde damit, daß er angab, schon im Jahre 1887 in London seinen Austritt aus dem israelitischen Glaubensbekenntniß angezeigt zu haben. Zum Beweis dafür, daß er dem Judenthum nicht mehr angehöre, berief sich Fellheimer, der ein geborener Württemberger ist, auf die Volkszählungslisten der Jahre 1890 und 1895, in denen er als Atheist resp. als keiner Religion angehörend eingetragen ist. Trotz dieser Argumentation wies der Bezirksrath die Beschwerde ab. Er ging dabei von der Ansicht aus, daß Fellheimer eine unzweideutige Erklärung den zuständigen kirchlichen Organen gegenüber, aus welcher hervorgehe, daß er dem israelitischen Bekenntnisse nicht mehr angehöre, nicht abgegeben habe. Eine solche Erklärung sei aber zum Austritt aus einer Neligionsgemeinschaft nöthig. Herr Fellheimer bleibt also trotz feines Atheismus vorläufig noch Jude. — Das großherzogliche Ministerium des Innern verlangt behufs Ertheilung der Körperschaftsrechte an das Friedrichs heim für israelitische Sieche und arme Greise einige unwesentliche Abänderungen der Statuten. Es findet deshalb eine Generalversammlung der Mitglieder am 11. Oktober in Offenburg statt. An diese Versammlung anschließend, wird der Vorstand zu einer Sitzung zusammentreten mit folgender Tagesordnung: 1. Geschäfts- und Kassenbericht. 2. Beschlußfassung über die weiteren Schritte zur Verwirklichung der Vereinsbestrebungen : a) Bestimmung des Sitzes des Asyls (§ 15 der Statuten), b) Beginn des Baues. Oesterreich - Ungarn. El Wien, 5. Oktober. Nachdem die Antisemiten ihren Kriegsplan für die bevorstehende Landtagswahl-Kampagne schon gänzlich fertiggestellt und alle Vorbereitungen zu derselben bereits abgeschlossen haben, treten nun endlich auch die Liberalen in die Wahlbewegung ein. In Mährisch - Trübau und Zwittau wählte eine Versammlung unter Vorsitz des Advokaten Dr. Emil Polak nach einem Referate des Herrn Dr. Jakob Kohn, über Antrag des Präsidenten der Reisenden Kaufleute, Herrn Straffer, ein vorbereitendes Komitee für eine jüdische Organisation zu den Landtagswahlen. — Die Minorität des Gemeinderath es hat den Bürgermeister Strobach interpellirt, weil derselbe einem Berliner antisemitischen Journalisten gegenüber wegwerfende Bemerkungen über die frühere Verwaltung Wiens machte, und klassisch ist die Antwort Strobachs auf diese Interpellation: Er habe offiziell nicht über die Verwaltung der Gemeinde Wien gesprochen, und über seine Worte als Privatmann sei er Niemand Rechenschaft schuldig. — Noch komischer ist der Antrag, den der antisemitische Gemeinderath Wenzel Oppenberger jüngst einbrachte. Derselbe lautet: „Trennung der Kinder nach semitischer und arischer Zugehörigkeit im Interesse der Disziplin und des Unterrichts." Allerdings soll dieser Antrag zunächst nur in der Leopoldstadt durchgeführt werden. Den Gipfel der Komik erreichte aber der Schlußsatz dieses Antrages, der zwar die Juden nicht betrifft, der aber charakteristisch ist für den Geist der antisemitischen Majorität. Er lautet wörtlich: „Es mögen in jedem Bezirke Disziplinarklassen errichtet werdenin welche alle jene Schüler über Beschluß der Lehrerkonferenz übermittelt werden, welche sich durch Irreligiosität, Sittenlosigkeit und dauernde Unbotmäßigkeil gegenüber den Worten des Lehrers aus zeichnen und deren Beispiel verderbend auf die übrige Jugend wirkt." Wir haben zwar noch nicht gehört, daß man sich durch Irreligiosität, Sittenlosigkeit und Unbotmäßigkeit auszeichnen kann — aber schließlich, die Antisemiten müssens ja besser wissen! — Der Kaiser hat dem Vizepräsidenten der Handels- und Gewerbekammer in Lemberg, Apotheker Jakob Piepes, in Anerkennung seiner verdienstlichen gemeinnützigen Wirksamkeit das Ritterkreuz d s Franz Josef-Ordens verliehen. 8. Budapest, 4. Oktober. Der israelitische Gemeindedistrikt, der die Kultusgemeinden im Arader, Temesvarer und Krasso-Szörenyer Komitate umfaßt, benutzte gleich anderen Korporationen die Anwesenheit des apostolischen Königs von Ungarn bei der feierlichen Eröffnung des Eisernen Thores, um ihre Huldigung darzubringen und dem Danke der ungarischen Judenschaft für die Sanktionirung des Rezeptionsgesetzes Ausdruck zu geben. Auf die Ansprache des Präsidenten Salamon Sternthal erwiederte Seine Majestät, daß es ihm immer zur Freude gereiche, zu hören, daß die Juden ihre durch Gesetze gesicherten Rechte in gemeinnütziger, patriotischer Thätigkeit genießen. — Der Kardinal-Erzbischof Dr. L. Schlauch weilte vor einigen Tagen in Debreczin, wo er auf eine Begrüßungsansprache erwiederte, daß er gekommen sei, um die Liebe zu verkünden, denn wir Alle, ohne Unterschied der Konfession, sind Kinder eines Gottes, die immer in Eintracht leben sollen. — Die Ergänzung der Bezüge der schlecht besoldeten Rabbiner und Prediger wird durch einen Gesetzentwurf, der nach Anhörung der kompetenten Faktoren vorgelegt werden wird, geregelt werden. — Der internationale Friedenskongreß, der hier tagte, faßte den Beschluß, an die Häupter der christlichen Konfessionen und an die Rabbiner ein Schreiben zu richten, in dem sie ersucht werden, über den Völkerfrieden in den Gotteshäusern zu predigen. Den Intentionen dieses Beschlusses entsprechend, behandelte Dr. Friedlieber in der Synagoge des israelitischen Taubstummeninstitutes in einer Feiertagspredigt den Gedanken des Weltfriedens. — Welch traurige Zustände in einzelnen jüdischen Gemeinden herrschen, beweisen folgende Berichte der Tageblätter. In Neutra dankte der Gemeindepräses und 16 Mitglieder der Re-' präsentanz ab, so daß die Gemeindeverwaltung auf längere Zeit ins Stocken gericth. In Szabadka wieder baute die Kultusgemeinde ein Schulgebäude, dessen Baukosten durch ein Hypothekenanlehen gedeckt