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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-09 · Heft 41 (9.10.1896) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 41 (9.10.1896)
Date
1896-10-09
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 evangelische Glaubensgemeinschaft ausgenommen sei. Die Schuldeputation beschied die Lehrerin dahin, daß sie erst den Befähigungsnachweis für die Ertheilung evangelischen Religionsunterrichtes beibringen müsse, ehe ihrem Gesuch näher getreten werden könne. Noch einige Wochen und die Neubekehrte konnte auch diese Forderung erfüllen, indem sie eine Prüfung über ihre Fähigkeit zur Ertheilung evangelischen Religionsunterrichts bestand, welche ihr ein sehr befriedigendes Zeugniß einbrachte. Nunmehr konnten Schuldeputation, Magistrat und Stadtverordnete nicht länger widerstehen, und seit heute fungirt die Dame als wohlbestallte Lehrerin an einer Berliner Gemeindeschule. Es ist wieder einmal das Ei des Kolumbus entdeckt worden. Jüdinnen dürfen an Volksschulen nicht unterrichten — also taufen! Probatum est!" Ein Vorwurf würde in einem solchen Falle, wie die „Kreuzzeitung" bemerkt, den Geistlichen treffen, wenn er etwa „ohne ausreichende Unterweisung in der christlichen Glaubenslehre und ohne genaue Prüfung der Beweggründe zu dem Taufbegehren" die Jüdin ausgenommen hätte. Wie man uns aber noch privatim mittheilt, ist die betreffende Dame die älteste der sieben jüdischen Hospitantinnen, denen vor kurzer Zeit die bekannte Mittheilung des Magistrats gemacht wurde, ferner aber hat sie kurz vorher das Zeugniß eines hiesigen Rabbiners über ihre Befähigung zur Ertheilung des jüdischen Religionsunterrichtes eingereicht! Lp. Aus der Provinz Posen, im Oktober. Kürzlich verstarb in Posen nach schweren Leiden der Kaufmann Magnus Czapski. Derselbe war 29 Jahre hindurch Mitglied der dortigen Repräsentantenversammlung. Während dieser Zeit hat er auch 14 Jahre lang die Geschäfte jener Körperschaft als deren Vorsitzender geleitet und als solcher wie als Vorsitzender des israelitischen Holzvertheilungsvereins Unvergeßliches geleistet. — Aus Anlaß seiner Uebersiedelung nach Posen hat der Kaufmann David Geliert in Pleschen der jüdischen Ge-, meinde daselbst 300 Mark mit der Bestimmung, dafür Trottoir auf dem Synagogenhofe zu legen, ferner einen Eigenthumssitz in.der Synagoge, im Werthe von etwa 300 Mark zum Geschenk gemacht. — Zu Vorstehern des israelitischen Wohlthätigkeitsvereins in Buk sind die Herren Lehrer Spieldoch, als Vorsitzender, Lewin und Markus Buch gewählt worden. — Ende September ist in der Synagoge zu Neustadt in Westpreußen ein Einbruch verübt worden. Durch Eindrücken einer Fensterscheibe gelangten die Diebe in das Innere und plünderten die Kassen, in welchen sich jedoch nur eine geringe Geldsumme befand. Die in einem unverschlossenen Schrank aufbewahrten Silbergeräthe blieben unberührt. Den Dieben ist man noch nicht auf die Spur gekommen. — Kaufmann Louis Liebenthal in Edinburg hat seine Anhänglichkeit an seine Vaterstadt Memel durch die Schenkung eines Kapitals von 1000 Mark für die Armen der Stadt zu beweisen gesucht. Das Geld soll derart , vertheilt werden, daß 500 Mark dem neuer bauten israelitischen Krankenhause und 500 Mark dem Asylhause des Armen-Unterstützungsvereins zufallen. — Lehrer Joseph Rosenthal aus Löbau in Westpreußen ist auf seinen Antrag in die jüdische Volksschule zu Czarnikau versetzt worden. — Rentier Cohn in Neumark ist zum Magistratsmitgliede daselbst gewählt worden. — Die Gemeinde in Warten bürg in Ostpreußen hat beschlossen, daselbst eine neue Synagoge zu erbauen und zu diesem Zwecke ein Amortisationsdarlehn von 30 000 Mark aufzunehmen. — An Stelle des nach Berlin übersiedelnden Kaufmanns Adolf Lindemann ist der Kaufmann Moritz Nosentreter in Gollantsch als Kurator der dort bestehenden Heimann-Stiftung bestellt worden. — . Nach dem letzten Jahresbericht hatte der israelitische Krankenverpflegungs¬ und Leichenbestattungsverein in Ostrowo im letzten Geschäftsjahre eine Einnahme von 2232,88 Mark und eine Ausgabe von 1656,02 Mark aufzuweisen. Der Vermögensbestand beläuft sich auf circa 7000 Mark. Der Verein zählt jetzt 160 Mitglieder. In der jüngst stattgehabten Wahl wurden die Herren Rentier Lazarus Callomon und Kaufmann als Vorsitzender resp. Rendant wieder- und die Herren Daniel Hartmann, Gabriel Bergmann und Isidor Bialecki als Beisitzer neugewählt. — Vor einigen Jahren ist in Betsche das bewegliche Vermögen der dort aufgelösten Synagogengemeinde der Nachbargemeinde in Tirschtiegel zugefallen, während die Synagoge und einige andere Grundstücke der dortigen Stadtgemeinde zufielen. Nunmehr hat die Stadtvertretung beschlossen, das Gotteshaus niederzureißen und auf derselben Stelle das Rathhaus zu errichten. X Gnesen, 3. Oktober. Fünfzig Jahre sind es her, daß die hiesige Synagoge erbaut und durch feierliche Einweihung dem Gottesdienste übergeben worden ist. Aus Anlaß dieses Jubiläums fand am letzten Dienstag in der Synagoge eine Feier und Festpredigt statt. Herr Rabbiner Dr. Jacobson erinnerte daran, daß vor 50 Jahren durch opferwilliges, thatkräftiges Entgegenkommen der Gemeindemitglieder dieser schöne Bau errichtet worden ist, er erwähnte historisch, daß während dieser Zeit von 50 Jahren in der hiesigen jüdischen Gemeinde als Rabbiner gewirkt haben der verstorbene Herr Moses Waldstein, der ebenfalls schon verstorbene Herr Dr. Gebhardt, der in Pleschen jetzt wirkende Herr Dr. Zuckermandel, der jetzt in Frankfurt a. M. amtirende Herr Dr. Horowitz, der vor 6 Jahren nach Prag berufene Herr Dr. Ehrenfeld und seit dieser Zeit bis heute Herr Dr. Jacobson. Das höchste Ehrenamt in der hiesigen jüdischen Gemeinde, das des ersten Vorstehers, bekleideten während dieser Zeit die verstorbenen Herren: Stadtältester und Stadtrath Moritz Ruffak, sowie Stadtrath Heilbronn, dann Herr Stadtrath Wollenberg und jetzt seit mehreren Jahren Herr Leopold Gimkiewicz. — Der Herr Rabbiner schloß mit dem Wunsche, daß, wie bisher, auch ferner die hiesige jüdische Gemeinde ein gutes Vorbild für andere Gemeinden bleiben möge. Zum Schluß wurde eine Trauerandacht für die verstorbenen Rabbiner und ersten Vorsteher abgehalten. Br. Beuthen O.-S., 5. Oktober. Die hiesige jüdische Gemeinde hat einen herben Verlust zu beklagen. Herr Simon Dresdner, welcher viele Jahre hindurch das Ehrenamt eines Gemeinde-Vorstehers bekleidete, Mitbegründer der Talmud - Thoraschule und eifriger Förderer aller gemeinnützigen Bestrebungen war, ist in der Nacht zum 4. d. Mts. — 73 Jahre alt — plötzlich und unerwartet Hierselbst verschieden, nachdem er sich noch an den Festtagen und dem Sabbath der vorigen Woche am Gottesdienste betheiligt hatte. Der Verstorbene erfreute sich in weitesten Kreisen hiesiger Bürgerschaft allgemeinster Hochachtung und war seit Jahren Mitglied des hiesigen Stadtverordneten - Kollegiums. Ein durchaus ehrenhafter Charakter, vereinigte er mit dem Ernste seines Berufes freundliche Milde und Wohlwollen gegen Alle, welche mit ihm verkehrten und seine edlen Herzenseigenschasten zu würdigen wußten. Möge dem Verstorbenen die Erde leicht sein! — Zum ersten Kantor der hiesigen Synagogen-Gemeinde ist Herr Leopold de Beer aus Altona gewählt worden. Der Gewählte tritt sein Amt am 15. Oktober an. ob. Gleiwitz, 5, Oktober. Am 3. d. M. ist unser greiser Ehrenbürger, der Stadtverordnetenvorsteher, Sanitätsrath Dr. S. Freund im Alter von 73 Jahren gestorben. Ueber die Thätigkeit dieses für unsere Stadt so einflußreichen Mannes ließe sich viel mehr sagen, als sich in der flüchtigen Skizzenhaftigkeit eines Nekrologs sagen läßt. In seiner Thätigkeit als Arzt war er eine für unsere Stadt wichtige Persönlichkeit, denn seit mehr den zwanzig Jahren war der Verstorbene Krankenhausarzt, und seine Wirksamkeit für die Regelung des kommunalen Krankenhauswesens ist eine ganz bedeutende gewesen. Geradezu einzig in ihrer Art steht die Art und Weise da, wie der Verstorbene sich dem Kommunaldienst unserer Stadt gewidmet hat, wie er, kann man mit gutem Gewissen sagen, in der Arbeit für das Wohl seiner Vaterstadt mit Leib und Seele aufgegangen ist. Seit 1855 Mitglied des Stadtverordneten-Kollegiums und seit 1865 Stadtverordneten-Vorsteher, hat er seit dieser Zeit den größten Theil des kommunalen Ehrendienstes, auf seinen Schultern getragen. Außerdem war Freund dreißig Jahre lang Vorsitzender des jüdischen Repräsentanten-Kollegiums. Er war ein treuer Bekenner des Judenthums. Man konnte sich in der Synagoge keinen andächtigeren Beter denken als Dr. Freund. Wie erweckend dieses Beispiel des angesehensten jüdischen Bürgers Oberschlesiens auf den weiten Kreis seiner Glaubensgenossen einwirken mußte, liegt klar zu Tage. Sein ganzes Leben war überhaupt ein Kiddusch Ha-Schem. Bei jeder Gelegenheit, die sich ihm darbot, trat der einflußreiche Mann für die Ehre des Judenthums ein und legte Zeugniß ab für die Lauterkeit seines Bekenntniffes. Er war der Vorsitzende des oberschlesischen Synagogen-Gemeinde-Verbandes und die eigentliche Seele des israelitischen oberschlesischen Waisenhauses zu Rybnik. Auch war er im Deutsch- Israelitischen Gemeindebund thätig. Die Beerdigung fand heute statt. Die ganze Stadt und speziell die Trauerstraße boten den ganzen Tag heute den Anblick ernster Trauer. Vom Rathhause wehte eine Flagge mit Trauerflor, alle Gaslaternen an der Trauerstraße waren mit schwarzem Flor umwickelt und angezündet. — Den imposanten Trauerzug eröffnete

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