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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-09 · Heft 41 (9.10.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 41 (9.10.1896)
Date
1896-10-09
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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60. Jahrgang. Ur. 41. Gerlm. 9. Oktober 1896. Der Gemrindetwtr. /Weilage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHurns". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 6. Oktober. Der Bericht über das Reichenheims che Waisenhaus der jüdischen Gemeinde (Weinbergsweg Ile) ist soeben für das Geschäftsjahr 1895/96 erschienen. In der Anstalt wurden 79 Zöglinge verpflegt, 47 Knaben und 32 Mädchen. Die Einnahmen betrugen 56789 Mark, die gesammten Ausgaben in diesem Jahre 53 795 Mark, die durch Zinsen eigener Fonds und einen Gemeindezuschuß von 27 023 Mark aufgebracht wurden. Die Ausgaben für Beköstigung betrugen auf den Kopf und Tag vertheilt 0,42«/^ Mark gegen 0,43o/io Mark im Vorjahre. Von den in diesem Jahre entlassenen Zöglingen widmen ftdj drei dem kaufmännischen Beruf, einer besucht die Lehrerbildungsanstalt, zwei werden Schriftsetzer, einer Gärtner, einer Maschinenbauer. Bon den entlassenen Mädchen erlernen zwei das Wäschezurichten, eine wird Buchhalterin, eine Verkäuferin und eine Wirthschafterin. Der Bericht enthält auch ausführliche Angaben über den Sparkassenfonds und über die Nebenfonds der Anstalt, die den Beweis liefern, daß das Institut sich immer wachsender Beliebtheit erfreut. Als Erzieherin der Mädchen wirkt seit 1887 an der Anstalt Fräulein Regina Koller, als Handarbeitslehrerin Fräulein Bertha Lewinthal. Erzieher der Knabenabtheilung sind Dr. Ludwig Lewinski und Alfred Dambitsch. Gegenüber den unerhörten und durchaus unmotivirten Behauptungen über den Gesundheitszustand der Zöglinge des Waisenhauses in der letzten Sitzung der Repräsentantenversammlung vor den Ferien, ist der Bericht, den der Anstaltsarzt, Herr Sanitätsrath Dr. Lazarus, dem Kuratorium erstattet hat, von besonderem Interesse. Aus diesem Bericht erfahren wir, daß kaum die mittlere Krankenzahl der letzten Jahre erreicht worden, daß im Ganzen 25 Zöglinge in das Krankenhaus überführt wurden, die sämmtlich geheilt wurden. Das Reich enheimsche Waisenhaus steht, wie bekannt, unter der bewährten Leitung des Herrn Direktors Dr. Jutrosi'nski. Die Ehrendamen des Waisenhauses sind: Frau Mathilde Wehrend, Frau Kommerzienräthin Julie Gerson, Frau Anna Meyer-Gerson, Frau Dr. Anna Ginsberg, Frau Hedwig Luchmann, Frau Anna Reichenheim, Frau Margarethe Rosenheim, Frau Kommerzienräthin Louise Speyer, Frau Stadträthin Mathilde Wolff. Das Kuratorium bilden folgende Mitglieder: Herr Louis M. Bamberger als Vorsitzender, Herr Rudolf Masse als stellvertretender Vorsitzender, Herr Geheimer Sanitätsrath Dr. Julius Boas als Protokollführer, Herr Ernst Meyer als Kontroleur der Kasse und Verwalter der Sparkasse, Herr Julius Rosenheim als Verwalter der Nebenfonds, Herr James Simon als Stellvertreter des Kassenkontroleurs, Herr Professor Dr. Louis Lewin. §2 Berlin, 8. Oktober. Wir verweisen auf die heutige Annonce des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen zu Berlin, nach welcher die Aufnahme mehrerer Schülerinnen erfolgen kann. Wie uns mitgetheilt wird, erfreuen sich die fertigen Schwestern eines vorzüglichen Rufes, als gründlich ausgebildete, zuverlässige und opferungsfähige Krankenpflegerinnen und sind so stark begehrt, daß der Nachfrage nur zum Theil genügt werden kann. Da die Ausbildung und Erhaltung der Schülerinnen völlig unentgeltlich geschieht, und dieselben in dem Schwesternheim unter der Fürsorge der bewährten Oberin ein Heim finden, welches in der Lage ist, denselben das Elternhaus zu ersetzen, so sollten wir meinen, daß es für Töchter gebildeter Stände, welche ausreichend gesund sind, doch nichts Edleres und mehr Befriedigung bereitendes geben könnte, als sich diesem Beruf zu widmen. Es wäre in der That zu erwünschen, daß sich immer mehr gebildete Mädchen und alleinstehende Frauen im Judenthum der Krankenpflege widmen und dadurch dazu beitragen, unbegründete Vorurtheile zu beseitigen und der jüdischen Frau ein Ansehen bei den anderen Konfessionen zu verschaffen. Meldungen werden im Schwesternheim, Auguststraße 17, entgegengenommen. Berlin, 7. Oktober. Wie wir kurz vor Schluß der Redaktion erfahren, ist der Prozeß des Herrn Apothekers Löwen st ein gegen die Verwaltung der jüdischen Gemeinde wegen Nichtausnahme in die Wählerliste für die vorjährigen Repräsentantenwahlen nun auch heute von dem Oberverwaltungsgericht zu Gunsten des Klägers entschieden worden. Wir kommen auf diese, für unser ganzes Gemeindeleben prinzipiell sehr wichtige Entscheidung in nächster Nummer ausführlich zurück und werden auch das Erkenntniß des Oberverwaltungsgerichts, sobald dasselbe den Parteien zugestellt sein wird, im Wortlaut veröffentlichen. 22 Berlin, 6. Oktober. Am Donnerstag fand in Weißenfee die Beerdigung des hier verstorbenen Sanitätsraths Dr. Wilhelm Samter, Stabsarzt a. D. aus Posen statt. Dr. Samter,welcher nach kurzer Zeit seinem Bruder, dem Stadtältesten und Stadtrath aus Danzig, Dr. Samter folgte, war hierher gekommen, um sich einer Operation zu unterziehen. Der Verstorbene erfreute sich in Posen, wo er fast 40 Jahre wirkte, großer Liebe und Hochachtung. Der Verein Pofener Aerzte widmete ihm einen warmen Nachruf. Viele Freunde waren zur Bestattung herübergekommen. Zahlreiche Kranzspenden waren eingegangen, unter anderen vom Stadtverordneten-Vorsteher und Oberbürgermeister, welche zu kommen verhindert waren. Seiner Zeit hatte Dr. Samter den Feldzug von 1870 mitgemacht; seit seinem Austritt aus dem Staatsdienst war er in Posen thätig. Rabbiner Dr. Maybaum hielt die Grabrede, in welcher er betonte, daß hier ein tüchtiger Arzt, ein trefflicher Mensch und ein treuer Bekenner des Judenthums bestattet worden sei. 22 Berlin, 4. Oktober/ Der. bekannte Rechtsanwalt und Notar Justizrath Max Jo öl ist am 29. v. M. hier am Herzschlage verschieden. Er war 1857 in den Justizdienst getreten und erledigte seinen Vorbereitungsdienst im Bezirk des Kammergerichts. Am 5. August 1864 zum Gerichtsassessor ernannt, war er erst längere Zeit beim Stadtgericht in Berlin thätig und fand dann 1868 beim Hypothekenamt in Stralsund Verwendung. Im August 1872 wurde er nach achtjährigem Assessorat auf sein Ansuchen entlassen, trat aber im März 1879 als Rechtsanwalt und Notar in Zossen wieder in den Justizdienst zurück. Bei Freigabe der Advokatur ließ er sich am I. Oktober 1879 in die Anwaltsliste beim hiesigen Landgericht II eintragen. Justizrath war er seit 1891. In dem Nachruf der Rechtsanwälte des Königl. Landgerichts II heißt es: „Seine vornehme Gesinnung, seine Pflichttreue, verbunden mit unausgesetztem wissenschaftlichen Streben, sein schlichtes, liebenswürdiges Wesen sichern ihm in unserem Kreise ein dauerndes ehrendes Gedenken. Die Beerdigung fand am 1. d. M. unter lebhafter Theilnahme in Weißensee statt. Berlin, 6. Oktober. Der sozialdemokratische „Vorwärts" berichtete jüngst in seiner spöttischen Weise folgenden Vorfall: „Die Wirkung der Taufe hat sich vor Kurzem so glänzend bewiesen, daß wir unseren Lesern den merkwürdigen Fall nicht vorenthalten wollen. An einer hiesigen Gemeindeschule hospitirte seit langer Zeit eine jüdische Lehrerin, welche unverdrossen jahraus jahrein auf ihre Anstellung wartete in der Hoffnung, daß, wenn ihr endlich das Glück der Anstellung blühen sollte, der Magistrat über die Ueberschreitung der Altersgrenze hinwegsehen würde. Da plötzlich kam das Reskript des Provinzial-Schul-Kollegiums, bezw. des Kultusministers, wonach jüdische Lehrerinnen fortan nur angestellt werden dürfen, wenn das Bedürfniß vorliegt, die Lehrkräfte für den jüdischen Religionsunterricht in den Gemeindeschulen zu vermehren. Der betreffenden Dame wurde von der Schuldeputation der Rath gegeben, von einem weiteren Hospitiren an den Gemeindeschulen abzusehen, da es nach Lage der Sache nunmehr aussichtslos sei, daß sie eine Anstellung als Lehrerin erhielte. ' Im vorliegenden Fall scheint es sich um eine sehr resolute, die Forderungen des Tages begreifende Dame zu handeln; denn nach wenigen Wochen erhielt die Schuldeputation ein erneutes Anstellungsgesuch, dem die pfarramtliche Bescheinigung beigelegt war, daß die Dame in die

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