Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1896)
- Date
- 1896-10-09
- Page
- Seite 491 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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491 wahrscheinlich über dem Portal der Synagoge angebracht war, spricht von der Reuovmmg derselben, welche der Vorsteher Achilles, der Sohn des Demetrius, der Sohn des Hermes bewerkstelligt habe! Der erste jüdische Gemeindevorsteher der Krim, der uns also bekannt ist, trägt den Namen des ersten Helden der Jliade. Leider haben seine Nachfahren bei der Renovirung der Synagoge nicht dieselbe Pietät geübt. Das in seiner Art einzige Bauwerk ist durch die moderne Renovirung nicht zu seinem Vortheil verändert worden. Aber es trägt noch immer die Spuren seines Alters und seiner merkwürdigen Bauart an sich. Schon beim Eintritt merkt man, daß hier - ein ganz anderer Baustil zur Anwendung gekommen ist, als in allen anderen europäischen Synagogen, obwohl schon vieles zerstört und verwittert ist. Aber die vier großen Säulen, die den Rundbau tragen und von denen zwei aus weißem Marmor sind, zeugen noch von entschwundener Pracht. In Feodosia, das sich in neuerer Zeit zu einem ansehnlichen klimatischen Kurort entwickelt hat, lebt noch eine größere Anzahl von Juden. In einem der mir vorliegenden Reisebücher wird sie auf 900 geschätzt; doch halte ich diese Zahl für übertrieben. Diese Juden sind rabbanitische, und es ist wohl hier die pastendste Gelegenheit, etwas über diese Krimjuden oder, wie man sie in Rußland nennt, Krimtschaken, zu sagen. Wie geschichtlich feststeht, giebt es in der Krim seit uralter Zeit Gemeinden von rabbinischen Juden, die in Sprache. Kleidung und Sitten sich von den Tataren nicht unterscheiden und von denen noch jetzt in Simferopol, Feodosia, Kertsch, hauptsächlich aber in Karafsu-Bazar Ueberreste vorhanden sind. Die Zeit ihrer Ankunft in der Krim läßt sich nicht genau Nachweisen; höchst wahrscheinlich sind sie theils mit den Tataren, theils allmälig aus Persien und dem Kaukasus dahin gekommen. Es ist auch anzunehmen, daß sich die Ueberreste der oben erwähnten hellenistischjüdischen Kolonien mit ihnen verschmolzen haben. Sie sind, wie gesagt, rabbanitische Juden, aber sie unterscheiden sich doch in wesentlichen Dingen von ihren europäischen Glaubensgenosten, und — was die Hauptsache ist — sie haben nichts mit den Karäern gemein. Darf man den Berichten älterer, jüdischer Reisender trauen, so haben sie ihre religiösen Gebräuche früher nach den Entscheidungen der gaonäischen Zeit eingerichtet, ebenso ihr Gebetbuch. Erst später bürgerte sich bei ihnen der rumänische Ritus ein, und als nach der Vertreibung aus Kiew viele polnische und kleinrussische Juden dort hin kamen, wurde der polnische Ritus eingeführt. .Als die Kaiserin Katharina die Krim in Besitz nahm, erhielten auch sie, ebenso wie die Tataren und die Karäer, einen Freibrief; der der Karäer aber ging diesen verloren. In den dreißiger Jahren, als sich Kaiser Nikolaus zur Reise nach der Krim anschickte, wußten die Karäer den Krimtschaken ihren Freibrief abzulocken, .indem sie ihnen vorredeten, sie würden für sie beim Kaiser größere Rechte erbitten. Als der Czar nach Tschufut - Kaleh kam, reiste auch eine Deputation der Krimtschaken dahin und erbat sich eine Audienz. „Wer seid Ihr?" fragte sie der Monarch. „Wir sind Krimjuden," war ihre Antwort. „Glaubt Ihr an den Talmud, wie die anderen Juden?" „Ja, Majestät." „Nun, so seid Ihr auch wie Jene!" - Damit wendete sich der Zar um, und die Audienz war zu Ende. Die Karäer aber erreichten durch ihre Hinterlist alles, was sie ersehnten. Karassu-Bazar, wo die meisten dieser Krimtschaken noch leben, liegt auf der Poststraße von Feodosia nach Simferopol. Ich konnte es deshalb nicht besuchen, weil ich die.Reise nun einmal auf dem Dampfer zu Ende, führen wollte. Die Seefahrt von Feodosia nach Kertsch ist weniger schön, als interessant. Der Dampfer passirt Opuk, dessen Hügel mit mächtigen Felstrümmern aus alter Zeit bedeckt ist, und biegt dann nordöstlich in die Straße von Kertsch oder Jenikale ein, welche im Alterthum der kimmerische Bosporus genannt wurde. Kertsch liegt an der Vereinigung zweier Meere, am Ausgang des schwarzen und am Eingang zum Asowschen Meer. Es wurde von den Griechen im sechsten Jahrhundert v. Ehr. als unabhängiger Freistaat begründet und dann später die Residenz des bosporanischen Reiches. Heute ist es eine moderne europäische Stadt, und nur noch die Trümmer des Mithridates - Berges, von dem aus man die Bucht und das Meer auf der einen, die weite Steppe aber auf der andern Seite und am äußersten Horizonte die wie Wolkengebilde sich abzeichnenden Bergriesen des Kaukasus überschaut, erinnern an seine einstige große Vergangenheit. Auch in Kertsch wohnen rabbanitische und karäische Juden, und das Museum am Fuße des Mithridates-Berges enthält manche werthvollen Alterthümer aus der Vergangenheit dieser uralten jüdischen Gemeinde.. Einzelne Grabsteine, die dort aufbewahrt sind, reichen bis in die jüdisch-hellenistische Zeitperiode hinauf. Einer derselben, der besonders merkwürdig ist, der Grabstein einer Frau Akchasne, trägt an der Spitze diesen Namen in griechischer und zu beiden Seiten in althebräischer Schrift. Die Mitte des Grabsteines enthält einen großen, siebenarmigen Leuchter und die linke Seite einen Schofar als Symbol der Auferstehung. Auf anderen Grabsteinen findet man wieder verschiedene Werkzeuge, die wahrscheinlich auf den Lebensberuf des Verstorbenen hindeuten sollten, so z. B. einen Tisch, einen Korb, einen Schuh u. s. w., genau so, wie auf einem italienischen Campo santo. Nach der Ansicht eines so eminenten Fachmannes wie A. Harkavy reichen diese Grabsteine von Kertsch und jene oben erwähnten Inschriften von Feodosia allein schon hin, wenn wir auch keine anderen Beweise hätten, um die Thatsache zu erhärten, daß hier Juden schon zu Zeiten der Hasmonäer gelebt haben. In Kertsch fand - meine Krimreife ihren Abschluß. Der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, da ich noch gar zu gern durch den Kaukasus gezogen. wäre. Ueber die Rückreise und ihre interessanten Hauptpunkte, Eupatoria, Odessa und Kiew, will ich in einem Schlußartikel berichten. 6-. K. Fitterarische Mittheilungen. — Dr. David Leimdörfer: Nachbiblische Geschichte für die israelitische Jugend. Hamburg 1896. Vierte, vermehrte und verbesserte Auflage. Rothschild, Behrens & Comp. Ein jüdisches Schulbuch, das die vierte Auflage erlebt hat, trägt den Stempel der Empfehlung an der Stirn. Im vorliegenden Falle ist diese Empfehlung eine wohlverdiente. Dr. Leimdörfer ist ein vortrefflicher Pädagoge; er versteht es, schlicht, warmherzig und interessant zu erzählen und den Sinn des Kindes durch seinen Bortrag lebhaft zu fesseln. Das sind große, ungewöhnliche Vorzüge, durch die sich das vorliegende Buch vor vielen andern, die dasselbe Thema behandeln und an den gleichen Kreis sich wenden, auszeichnet. Die Geschichte ist diesem Autor nicht Selbstzweck, sondern Mittel zu einem höheren Zwecke, zur religiösen Erziehung unserer Jugend. Von diesem Standpunkte aus hat er seine Aufgabe erfaßt und — bis auf wenige Einzelheiten, die zu rügen sich kaum, lohnt — vorzüglich durchgeführt. Wir zweifeln nicht daran, daß dieses Buch bald Eingang in den Schulen finden und den Lehrern als beliebtes pädagogisches Hilfsmittel beim Geschichtsunterricht dienen wird.