Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1896)
- Date
- 1896-10-09
- Page
- Seite 490 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 4× ep/1000834
- Alupka 1× ep/2328933
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490 Non der Reife, vii.'. den Charakter des Volkes und des Landes genau - kennen lernen will, der muß Rußland von Nischni- 0 Nowgorod bis Jalta womöglich in einem Zuge durchqueren. Das erfordert allerdings eine Reise von 60 bis 70 Stunden, aber dann kennt man auch Rußland, wenigstens Central - Rußland mit all seinen grellen Gegensätzen und unvermittelten Uebergängen; ■ dann versteht man vieles, was uns sonst unklar und unverständlich erscheint, dann entschuldigt man manches, was uns unter anderen Umständen als hart, ja als grausam Vorkommen möchte. In Jalta herrscht bekanntlich ein südliches Klima und demgemäß auch eine südliche Vegetation. Man glaubt sich in die herrlichsten Gegenden Unteritaliens versetzt. Oelbaum, Myrte, Feige, Cyprefse und Orange, alles steht hier im Freien in wunderbarer Blüthe. Der Duft des Oelbaums geleitet uns durch die ganze Halbinsel. Ein unbeschreibliches Aroma füllt die Lüfte, und dazu diese prächtige Fernsicht! Die amphitheatralisch sich aufbauende Stadt dicht am Meere, hinter welcher in weitem Halbkreis die Berge ihre nebelumhüllten, majestätischen Häupter erhebein Als wir in Jalta anlangten, es war an einem Sonntag, wurden wir von einer vieltausendköpfigen bunten Menge begrüßt, die für einen Orientmaler eine äußerst wirksame Staffage abgegebeu hätte. Tausende von Tataren, Männer und Frauen im vollen Sonntagsstaat, hunderte von modern und elegant gekleideten Kurgästen mitten unter ihnen. Es war ein Lärm und Gewirr ohne Gleichen, und aus all diesem Treiben heraus habe ich merkwürdiger Weise doch nur ein einziges Wort gehört, das einen Eindruck auf mich machte. Zwei Männer gingen vom Schiff hinunter; der eine war ein Bewohner der Stadt und hatte den anderen erwartet. Sie! waren im angelegentlichsten Gespräch, aus welchem ich aber nur jenes Wort auffangen konnte; es lautete: „Vielleicht dreißig Familien." Brauche ich die Jdeenassociation zu erklären, die mich unwillkürlich aufblicken und in diesem Gewühl einen Glaubensgenossen , vermuthen ließ, der einem Anderen mittheilte, daß auch in Jalta dreißig jüdische Familien wohnen? Vielleicht war es übrigens auch der Tonfall, der mich auf den Mann aufmerksam machte. Ich muß hierbei bemerken, daß in Jalta überhaupt keine Juden wohnen, ja nicht einmal zur Kur hinkommen dürfen. In zwei Stunden wird jeder Bekenner des einig-einzigen Gottes aus der herrlichen Stadt ausgewiesen. Ich enthalte mich jeder Kommentare über diese Thatsache und will hier lieber gleich eine kleine Geschichte erzählen, die mir später in Odessa von durchaus vertrauenswürdigen Männern bestätigt wurde. Die Geschichte ist tragisch und hat den Vorzug, wahr zu sein. In Odessa lebt ein Rechtsanwalt I . . . y, der sehr angesehen und beliebt war. Eines Tages wandelte ihn die Lust an, mit seiner Familie eine Vergnügungsreise nach Jalta zu machen. Der Vorsatz wurde rasch ausgeführt. Aber kaum in Jalta angelangt, wurde die ganze Familie trotz allen Sträubens und Protestirens sofort ausgewiesen. Das verdroß den Mann, noch mehr aber seine Frau. Sie konnte es nicht verwinden, daß es ihr nicht gestattet sein sollte, auf^der großen Promenade in Jalta ihre Toiletten zeigen zu können, wie alle anderen vornehmen Russinnen. Und von dem Tage an, wo sie wieder nach Odessa znrückkehrte, war es ihr einziger Wunsch, einmal einen Sommer in Jalta zu verleben. Freilich, die Erfüllung dieses Wunsches war an eine Bedingung geknüpft, die in Rücksicht auf seine und ihre frommen Eltern sehr schwer zu erlangen war. Aber wenn eine schöne Frau etwas erreichen will, dann setzt sie es auch durch. Im Januar des darauffolgenden Jahres trat zum- Erstaunen Aller, die ihn kannten, der Rechtsanwalt I. mit seiner ganzen Familie zu der Religion über, deren Bekenner auf der Promenade zu Jalta ungehindert spazieren gehen dürfen. Nun stand der Ausführung ihres Wunsches nichts mehr im Wege als die Ungastlichkeit des schwarzen Meeres, welches eine solche Vergnügungsreise erst im Frühjahr gestattet. Im Juni machte denn auch die Familie die Reise, nach der sie sich so sehr gesehnthatte. Sie ging auch etwa bis zur Hälfte ziemlich gut von Statten, aber schon in Sewastopol bemerkte die Frau an ihrem Manne eine seltsame Veränderung. Er war oft sehr schweigsam, dann wieder ungewöhnlich redselig, meist starrte er aber in die blaue Fluth und gab, wenn er dabei betroffen wurde, ganz verkehrte Antworten. Die Gattin hielt das seltsame Gebühren ihres Mannes für eine Nervenüberreizung infolge der. Anstrengungen des Winters. Vielleicht hatte sie Recht, vielleicht aber auch nicht. In jedem Fall steigerte sich die Aufregung von Stunde zu Stunde, und als zuerst die Landschaft von Jalta affsichtig wurde, stürzte sich der ManU plötzlich ins Meer; . . . Die Frau konnte nun ungehindert nach Jalta fahren. Ich bitte meine Leser dringend, nicht etwa zu glauben, daß hier eine frei erfundene, sentimentale Fabel vorliege; die Geschichte hat sich buchstäblich so zugetragen, wie ich sie wiedergegeben, und Jedermann in Odessa kann die Wahrheit derselben bestätigen. Und trotzdem leben in Jalta dreißig jüdische Familien; ja. sie haben sogar „eine steinere Synagoge", was einem Reiseschriftsteller sehr große Kopfschmerzen verursacht. Sie haben eben das Recht, dort zu wohnen, und können nicht ausgewiesen werden; sie treten aber fast gar nicht hervor und leben sehr zurückgezogen. Jalta bietet den. besten Ausgangspunkt für eine ganze Reihe herrlicher Partien nach Livadia. Orianda, Alupka und Gursuff mit dem prächtigen Park des Herzogs von Richelieu, der Odessa erbaut und bei den Juden in der Krim noch in bester Erinnerung steht, weil er ihr Gönner und Beschützer war. Alle diese Partien habe ich gemacht; auf keiner einzigen bin ich einem Juden begegnet. Erst nach vier Tagen, und zwar in Feodosia, begegnete ich wieder meinen Glaubensgenossen. Feodosia ist das alte Kaffa, das schon 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung von milesischen Griechen begründet worden. Welche Erinnerungen erweckt der Name dieses Städtchens, das heute mehr den kleinen italienischen Orten an beit Ufern des Mittelmeeres gleicht und dessen morsche Trümmer von einstiger Pracht und Herrlichkeit berichten! Auch für uns ist dieses alte Feodosia von hohem Interesse. Haben sich dort doch Inschriften erhalten, die uns den untrüglichen Beweis dafür liefern, daß schon mit den ersten Kolonisten hellenistische Juden hierher zogen und mitten unter ihnen friedlich lebten. In der alten Synagoge zu Feodosia, einer der merkwürdigsten auf dem weiten Erdenrund, die noch viel interessanter als die Prager Altneuschul, hat man vor einigen Jahrzehnten eine Reihe von griechischen Inschriften gefunden, die jetzt im Alterthumsmuseum der Stadt aufbewahrt werden und die uns bezeugen, daß jene Juden, welche hier vor fast 2000 Jahren wohnten, vollständig hellenisirt waren. Sie führten griechische Namen, und ihre Bethäuser hießen Proseuchen. Die älteste dieser Inschriften, in welcher der Synagogenvorsteher Pothos, der Sohn des Strabo, die Sklavin Chrysa freispricht, stammt aus dem Jahre 40 n. Chr. Auf einer, anderen ist von einem Juden Herakles die Rede, auf einer dritten von Tymotheus und seiner Schwester Elis, auf der vierten wird die „Gemeinde der Juden" ausdrücklich genannt, und die fünfte Marmortafel, welche