Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1896)
- Date
- 1896-10-09
- Page
- Seite 489 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228190--53166-3258830- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
489 Die scharfe Bemerkung, die mir auf. der Zunge schwebte, unterdrückte ich. „Aber weshalb hast Du mir nichts davon erzählt?" frug ich statt dessen nur vorwurfsvoll. , „Ach, Vater, ich wollte Dich nicht betrüben. Ich weiß, Deine Liebe zu mir ist so groß, daß Du Dich eingeschränkt und Dir Entbehrungen auferlegt haben würdest, um mir den Druck auf eigene Kosten zu ermöglichen. Du würdest meine Enttäuschung mitgefühlt haben. Aber Du . solltest nur meinen Triumph miterleben! Seit zwei Jahren habe ich mich bemüht, die Veröffentlichung zu erlangen. Ich schrieb es ein Jahr bevor Mutter, deren Seele nun bei den Heiligen ist, uns verließ. Aber endlich bin ich belohnt!" Und sein bleiches Gesicht strahlte, und seine dunklen Augen erglänzten in Begeisterung. Ja, Paul hatte Recht. Wie er immer Recht-hat. Weislich, wie ich hoffe, habe ich - ihn in dem Glauben an meine Armuth erzogen, damit er ohne Krücken, auf die er sich hätte stützen können, männlicher werde. War es nicht genug, daß er von dem schweren, dumpfen Druck des Judenthums befreit war, der von meiner frühesten Jugend an auf mir gelastet hatte? Bis jetzt ist es ihm jedoch noch nicht so gut ergangen wie mir. Der heimische Journalismus gestattet seinen Anhängern wenig Luxus. Paul ist so beschränkt, zufrieden mit allem, daß er wahrscheinlich nichts schreiben wird, das Sensation Hervorrufen könnte. Er hat das Schießpulver nicht erfunden. (Fortsetzung folgt.) -»i*- Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) Hab' ich doch mich schon nicht mehr Hallen können und Hab' gaiiä ruhig gesagt: „Heut ist der heilige Schabbes, und mau soll von solchen Sachen nicht reden, womit mau sich das Vergnügen verdirbt, aber weil Du mich gefragt hast, will ich Dir sagen: „Wenn ich nicht wüßte, noch vom Rebbe, sein Andenken sei gesegnet, daß man soll seinem Zorn nicht nachgeben, hätte ich anders mit Dir gered't." Awrom ist erschrocken und sagt: „Soll ich nicht den Schabbes ausleben, wenn ich weiß, was ich gethan habe." Sag ich: „Warum Du hast schon ganz vergessen, daß Du in Kralitz bei der Kirchweih warst." Sagt er: „Nu, was ist der Mähr? Man muß doch unter sie gehen, man lebt von ihnen. Der und Jener kommt und sagt: Abraham, zu der Kirchweih' kummts zu uns. Das ist die Zeit, wo sie am meisten kaufen und Geld haben. Dann komme ich unter sie, höre ich, Der will Wein verkaufen und Jener Zwetschken und der Dritte Gerste. So macht man ein Geschäft, und sie gewöhnen sich, wieder mir etwas abzukaufen." „Er, hat das ganz ruhig gesagt, so daß ich gemerkt habe, er kann doch nichts Schlechtes gethan haben, da habe ich ganz gerade herausgesagt: Hast Du draußen nicht getanzt, gegessen und getrunken?" ' Sagt er: „Gegessen, Gott soll behüten. Ein Stückel Strich habe ich gegessen, was ist da der Mähr? Da kommt doch kein Fett dazu. Ein Glas Wein Hab' ich auch getrunken. Was wahr ist, ist wahr. Und wenn ich getanzt habe, ist das so ein. Gegenstand? In Pest waren immer fünf oder sechs Jungen bei uns im. Geschäft, und alle sind auf den Ball gegangen. Und wenn ich Wem getrunken habe, ich kann nicht alles so halten. Soll ich z. B. früh in Schul gehen und mein Geschäft zusperren, wenn gerade die meisten Käufer kommen." „Das verlangt Gott nicht, sag' ich. Ich bin auch kein Chossid'"). Ich Hab' nichts gelernt. Ich kann mit Dir nicht disputiren. Ich halte, was ich.vor mir - gesehen habe. Nur - das eine sag' ich Dir. Du bist groß genug und kannst thun, was Du willst. Ich bin auch in meinen jungen Jahren ins Dorf gegangen und habe gesehenwie sie drei Tage und drei Nächte hinter einander .auf der Kirchweih tanzen, wie sie sich dabei betrinken und mit.Messern stechen. Wer so etwas thut, ist kein jüdisches Kind. Ich habe Dir nichts zu befehlen, und geschlagen hübe ich kein Kind nicht, mein Lebetag. das weißt Du, aber wenn Du wieder gehst auf einen Kirchtag tanzen, brauchst Du über hundert Jahr mir kein Kaddisch nachzusagen." Wie ich das gesagt habe, hat er angefangen zu weinen. „Vaterleben," sagt er, „wenn ich gewußt hätte, daß das so ein Unrecht isthätte ich es gewiß nicht gethan, und ich werde es auch nicht wieder thun." „Nu, Reb Rephoel," schloß Mordche seine Erzählung, „ist so etwas vorgekommen? Wäre mir eingefallen, auf einem Kirchtag zu tanzen ooer einen Bissen in den Mund zu nehmen, der verboten ist? Ja, ja, die heutige Welt!" Reb Rephoel schwieg lange. Den Kopf in die rechte Hand - gestützt, den Blick in den Schooß gesenkt, die Unterlippe stark hinaufgezogen, saß er ruhig da. Nur manchmal schob die Hand ungeduldig das Sammtbarett auf und ab, oder ein lauter Athemzug entrang sich seiner Brust. „Eine andere Welt." sagte er endlich, „eine andere Welt, mein lieber Mordche? Uebrigens, wenn Dein Awrom heirathen wird, wird er doch ein jüdisches Hans führen, wird Kiddusch und Hawdole machen." „Da fällt mir etwas ein," unterbrach er sich Plötzlich. „Du weißt doch noch von meinem Bruder Elijeh. Seine Tochter ist eine Wittwe, sie lebt in Warenitz; sie hat nie Glück gehabt, aber sie ernährt sich doch. Sie hat ein einziges Mädel, ein gutes und frommes Kind, fleißig und eine ausgezeichnete Wirthin. Sie mag vielleicht etwas älter sein als Awrom" — Reb Rephoel wußte das übrigens so genau, daß er sich die Hypothese hätte ersparen können —, „aber das macht doch nichts aus, und ich will ihr zweitausend Gulden Münz nachgeben." Das Projekt war sehr bestechend, denn die genannte Summe bedeutete ein enormes Vermögen, und die Aussicht, in die aristokratische Verwandtschaft zu kommen, war ja so viel wie eine Standeserhöhung. Mordche aber antwortete ausweichend. „Ich red' keinem Kind etwas drein," sagte er. „Ihr könnt Euch wohl denken, daß mir der Schadchen anständig ist und der Schidduch auch, aber ich weiß, daß mein Awrom, seit er aus Pest zurückgekommen ist, zu Jentel, der Tochter von Leah Gänslerin, geht. Er hat mir zwar nichts gesagt, aber die ganze Welt redet davon. Ich will nicht die Schuld tragen, daß ein jüdisches Mädchen zurückgesetzt werden soll. Wenn Ihr mit ihm reden wollt, habe ich nichts dagegen." „Gott soll behüten," erwiederte Reb Rephoel, „die Sunde will ich nicht auf mich laden. Geb' ihm Gott Glück und Segen." (Fortsetzung folgt.) i) Ueberfromm. "