Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1896)
- Date
- 1896-10-09
- Page
- Seite 488 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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488 steigt! Aber die Erkenntniß der Eitelkeit aller Dinge kommt zu spät. Auch diese ist eitel! Genug, daß ich die Wahrheit und Wirklichkeit des Lebens für Täuschungen hingab, die mir damals als einzig werthvolle erschienen. Keiner rieth mir, auch hätte ich keinen Rath' . befolgt. Ich entfloh meinem Vaterhaus, ich wurde, in der Kirche getauft. Auf einmal war alles, was mich hinderte, aus meinem Weg geräumt. Vor mir lag der Weg offen und frei zur Kultur, zum Wohlleben. Ich war nicht länger der Sklave alter Gesetze, der Gegenstand des Gelächters eines jeden kleinen Kindes, den jeder wahre Russe stoßen und puffen und anschreien dursten Was besagte mein Bekennen der fremden Religion mit den Lippen, wenn ich dafür so wenig empfand wie für das Judenthum? Ich sah nicht mehr rückwärts, mein früheres Leben entschwand schnell meinem Gedächtniß. Allein focht ich den Kampf des Lebens, — allein ohne Menschen — oder Gottesfurcht. Einige glückliche ' Spekulationen an der Börse, die ich mit den wenigen, durch Unterrichten erworbenen Kopeken riSkirt hatte, ermöglichten es mir, mein . Rkchtsstndium aufzugeben. Ich verliebte mich und heirathete. Katharina, Dein liebliches Antlitz drängte sich zwischen mich und die vaguen Visionen meiner Vergangenheit. Du erfuhrst nie, Deine Familie erfuhr nie, daß ich nicht Slave von Geburt. Das neue Leben lag verhüllend über dem alten; kein Gedanke, was ich einst gewesen, beunruhigte mich in all den Jahren meiner Ehe, die durch die Geburt und das Heranwachsen meines Paul, meines Lieblings Paul nur noch glücklicher wurde; keine ' Stimme aus jenen entfernten Gegenden drang zu mir, nur einst , hörte oder errieth ich, wer weiß durch welch unfühlbares Medium, meines Vaters Tod, und die ganze Luft schien mir von Vorwürfen widerzuhallen. Während dieser Jahre vermied ich soviel wie , möglich jede Berührung mit Juden, wenn sie unvermeidlich war, , kürzte ich sie aufs Aeußerste ab. .Diese Menschen in ihren laugen Röcken und frommen Haarlocken, ihren eifrigen Summen und andächtigen Klagen und Beten, und ihren Frauen mit den plumpen Gestalten und häßlichen Perrücken; die Erinnerung an ihren gewöhnlichen Dialekt und ihre vielfach unredlichen Wege, ihre sich allem anpaffende Moralität, erfüllten mich mit Widerwillen. Wie , um mich vor mir selbst zu rechtfertigen, beurtheilte ich sie von ihrer häßlichsten und niedrigsten Seite. Nur die schwarzen Punkte faßte ich ins Auge und verband diese zu einem richtig und wahr erscheinenden Bilde. Gewiß, ich war ein guter Russe, ein guter Christ. Ich rührte nicht den kleinen Finger, um den Juden in ihren vielen kummervollen Nöthen zu helfen. Sie waren mir nichts. Beim Wutki und Champagner stimmte ich in das Gelächter über sie mit ein, ohne irgend ein Gefühl, daß ich zu ihnen gehöre. Woher kommt jetzt diese seltsame Sympathie, die mich zu ihnen zieht? Dies Gefühl, schattenhaft, aber stark und ruhelos wie der Schatten des Todes? Bin ich gesund, oder ist dies beginnender Wahnsinn? Kehre ich wirklich zu einer zweiten Kindheit zurück, in welcher alle Schrecken und Ehrfurchtsschauer, die einst meine Seele ergriffen und rührten, wieder Besitz von mir nehmen? Sterbeich?. Mir ist erzählt worden, daß die Ereignisse, die vor einem halben Jahrhundert passierten, manchmal lebhafter vor die brechenden Augen treten, als das Sterbezimmer selbst. Hat Caterinas Tod einen leeren Raum hinterlaffen, in welchen nun die früher so geliebten Erinnerungen Hereinrauschen, .um ihn auszufüllen? War es der Glanz ihres Antlitzes, vor dem die lieben, vertrauten Gesichter meines Vaters, meiner Mutter erblichen? Wäre es anders gekommen, wenn ich ihr nicht begegnet wäre? Würde ich meine hohle Existenz früher bereut haben? War es die Echtheit ihres Glaubens an ihr Bekenntniß, die mich die I tägliche Ausübung und Herrschaft desselben in meinem häuslichen Leben ruhig dulden ließ? Und fließen die alten Ströme jetzt so starkweil sie so lange Zeit.künstlich eingedämmt waren? Verlorene Mühe, mich mit diesen Fragen zu quälen. Ich frage sie heute und werde morgen nicht klüger sein. Kein Mensch kann seine eigenen. Gefühle analysiren, am wenigsten ich, der nie gewohnt war, die Tiefen der Seele zu sondiren, der zufrieden ist, wenn die Oberfläche nur ruhig bleibt. Mich dünkt fast, als sei Paul die Ursache des Aufrührens der Gewässer und als sei ich doch froh, daß sie nicht in fauler Stagnätation verharren. Seit Caterina auf dem Moskauer Kirchhof begraben und Paul und ich uns näher an einander angeschloffen haben, hat mein Sohn mir die Augen über meine Niedrigkeit geöffnet. Das strahlende Licht seiner adligen Gesinnung hat mir erst gezeigt, wie schwarz und verderbt meine Seele ist. Mein ganzes Leben bin ich miter falscher Flagge gesegelt. Selbst wenn ich nur wenig vom Glauben der Juden gehalten hätte, wäre es meine Pflicht, meine heilige Pflicht gewesen, mich zu ihrer Gemeinschaft zu bekennen. Wenn ich thörichterweise glaubte, meinem Volke geistig überlegen zu sein, so hätte es sich für mich gebührt, diese Ueberlegenheit zu Gunsten und zur Ehre der jüdischen Fahne geltend zu machen. Meine armen Brüder! Kummer ist in der That Euer Loos, und Euer Schmerzensschrei gellt durch die Jahrhunderte! Vielleicht —, wer^weiß es, hätte ich etwas erreichell können, wenn ich treu geblieben wäre, so treu wie Paul es seinen Idealen bleiben wird. Ah, wenn Paul ein Jude geworden wäre! Mein Gott! Ist Paul ein Jude? Habe ich noch die Schuld auf meine Schultern geladen, daß er dem Judenthum verloren ist? Mag ich mich selbst anklagen, verdammen, meinen Verstand sogar bezweifeln, eins ist klar: Aus der Tiefe meiner Seele sehne, verlange, brenne ich darnach, zu der Religion meiner Kindheit zurückzukehren. Ich sehne mich darnach, die hebräischen Worte zu sagen und zu singe»!, die schwer und mit Anstrengung mir über die Lippen konunen. Ich sehne mich darnach, mich mit meinen Brüdern im Gebet zu vereinigen, mit ihnen in der Synagoge zu sitzen, im Lehrhaus, am Tische, bei ihrer Arbeit und ihren Mahlzeiten mit ihnen vereinigt zu sein, ihre Freuden und Leidem zu theilen, ihre Kränkungen und ihre Wonnen. So lächerlich es mir selbst vorkommt, ich sehne mich darnach, Arm und Stirn mit den „alten Gebetriemen" zu uinwinden, mich in den befranzten Gebetmantel zu hüllen und »nich in den Staub vor Gottes Thron, vor den Gott Israels nieder zu werfen, ja selbst den fettigen Kaftan, über welchen ich gespottet, anzuziehen und mein Haar wie das ihrige wachsen zu lassen. Bis jetzt ist es nur ein unruhiges Drängen, aber es ist unwiderstehlich und will sich in Thaten äußern. Ich kann es nicht hinweg disputiren. Der Wind weht, wohin wird der Sturm mich treiben? Montag Nacht. Paul hat sich zur Ruhe begeben, weil er morgen : früh aufstehen muß zur Reise nach Moskau. Denn es hat sich etwas ereignet, das seine Pläne ändert, und er geht dorthin, anstatt nach der Hauptstadt. Er schläft den glücklichen, hoffnungsvollen Schlaf der Jugend. Ach, was ihn mit Freude erfüllt, ist mir —; doch laß unich alles niederschreiben. Paul erhielt heilte Morgen beim Frühstück 'einen Brief, welchen er mit einem Ausruf des Erstaunens und der!Freude las. „Sieh, Väterchen, sieh," rief er, indem er ihn mir zeigte. Ich las und versuchte »neine eigenen Gefühle zu verbergen und seine? Freude zu theilen. Es war ein Brief von einer angesehenen, wohl bekannten Moskauer Verlagsfirma, die sich bereit erklärte, eine Arbeit über die griechische Kirche, die er ihr zlir Veröffentlichung^angeboten, herauszugeben. „Nu vot, batiushka,“ („Siehst du, Väterchen!") sagte er. „Glaube mir, dies Buch äonneru ä penser den Theologen der Bastardkirchen der Christenheit."