Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1896)
- Date
- 1896-10-09
- Page
- Seite 487 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Annäherung zwischen den zwei Völksgeisteru ohne besondere direkte Einwirkung begegnet uns nur in einem einzigen Schriftwerke des jüdischen Alterthums; in Kohelet (Prediger). In diesem Werke, das etwa über 100 Jahre vor unserer Zeitrechnung verfaßt ist, zeigt sich eine gewisse Uebereinstimmung des.mit dem griechischen Geiste, obgleich die griechische Kultur dem Verfasser vollständig fremd ist. Gin Besuch bei Leopold Aunx. Von ®r. Adolf Frankl-Grün. W.Pls ich mich um die Zeit des Wochenfestes int Jahre 1875 in Berlin aufhielt, und bei dieser Gelegenheit Aub, Cassel, Hildesheimer, Lebrecht und Steinschneider besuchte, wollte ich nicht abreisen, ohne die bedeutsamste Persönlichkeit des modernen Jndenthums, Leopold Zunz, kennen zu lernen. Obwohl der Ruf seiner Unzugänglichkeit, die er gewöhnlich mit dem vorgerückten Alter rechtfertigte, allgemein verbreitet war, wagte ich es doch, bei ihm vorzusprechen (Auguststraße 60). Tiefe Ehrfurcht erfaßte mich, als er beim Guckfenster erschien, durch welches er jüilgst, wie mir mein Begleiter, der danlalige Hochschüler Dr. Löwi, jetzt Rabbiner in Warasdin, zu meiner Entmuthigung erzählte, einem ihn besuchenden eauck. phil. abweisend zugerufen haben soll: „Sie sind jung, haben noch lange zu leben, meine Stunden sind hingegen gezählt." Doch hieß er mich eintreten, als ich ihm meinen Namen und Beruf angab. Ich traf ihn niedergeschlagen, trauernd ob des schweren Verlustes, der ihn durch den Tod seines Weibes getroffen hatte: „Wer alt wird," so klagte er mit leiser Stimme, „überlebt und begräbt Alles. Wer Kinder hat, lebt in diesen fort; ich habe alle Jugendfreunde verloren; der Kummer hat meinen Körper und Geist gebrochen!" Während des Gespräches aber zeigte sich sein Geist rege und frisch, lebhaft und anregend. Es kam die Rede auf den damals gehaltenen Probevortrag Kaufmanns und auf einen Vergleich deffelben mit dem meines Vetters Frankl. Da meinte Zunz: „Mir haben sie es zu verdanken, daß sie überhaupt predigen dürfen. Als ich zuerst in Berlin auftrat, da wurde mir von der preußischen Regierung zu predigen verboten, weil die Juden dies den Christen nachahmen. Auf. den gegen das Verbot erhobenen Protest erwiederte der frühere König : Es bleibt beim Alten. Dies veranlaßte mich zur Herausgabe der Gottesdienstlichen Vorträge, in welchen hauptsächlich. nachgewiesen werden sollte, daß. die jüdische Predigt älter als das Christenthum sei, ja eigentlich eine Institution des Judenthums ist. Allein dieses Buch hatte viele Kämpfe durchzumachen, sogar die Anzeige von dessen Erscheinen war verboten, weil man den Juden nicht gönnen wollte, daß sie auch Wiffenschaft betreiben." Er zeigte mir den betreffenden Erlaß und sein Handexemplar, das viele Zusätze enthielt, die von der Censur gestrichen wurden. Als ich bemerkte, daß dieses Werk in unserer Bibliothek zumeist vergriffen sei und der Besitzer. deffelben darum beneidet und glücklich gepriesen werde, erwiederte Zunz mit erkennbarer Freude: „Ich wurde von vielen Leuten um eine zweite Ausgabe ersucht, allein man muß bedenken, daß das von mir behandelte Gebiet im Jahre der Veröffentlichung dieses Buches noch ganz brach lag und ich auf bloße Vermuthungen hinarbeitete, die allerdings durch spätere Forschung zum größten Theile bestätigt wurden; einige erwiesen sich jedoch als Jrrthum oder veraltet. Der Herausgeber müßte das ganze, seit dem Jahre 'l8Z2 augehäufte Material beherrschen und auf alle inzwischen aufgefundenen, neuen Handschriften und in Zeitschriften erschienenen, zerstreuten Notizen Rücksicht nehmen. Nur dann würde ich meine Einwilligung dazu geben." Unter anderein zeigte er mir einen von Lector Friedmann begonnenen Versuch, die G. V. ins Hebräische zu übersetzen, den ich mit sichtbarem Interesse las. Er sprach seine Befriedigung darüber aus, daß die Seminaristen auch das Hebräische pflegen, was ich. auf die Anregung des seligen Direktors Zacharias Frankl zurückführte. der den Hebräischeil Verein ins Leben rief und mir die Ueberarbeitung einiger Partien seiner „Darke Mischna" nahe legte. Doch befasste ich mich damals mit der Ethik des Juda Halevi. Als ich die Grundzüge seines Systems auseinaiidersetzte, drückte Zunz seine Zustimmung zu demselben in folgenden Worten aus: „Die Erweckung des religiösen und.geschichtlichen Gefühls, wie sie Juda Halevi imKusari wünscht,, sollte die Grundlage des Religionsunterrichtes bilden; für jeden Athemzug müßten wir Gott danken, jeden Augenblick uns seiner Größe und Erhabenheit bewußt werden und dieser zugleich die.Ohnmacht und Schwäche: des Menschen gegenüberstellen, der nicht im Stande ist, ein Auge, eine Fliege zu schaffen. Dieses Bewußtwerden der Wohlthaten, die uns Gott täglich gewahrt und auch hätte entzieheii köiinen. sei die wahre Religion, die ich als Religionslehrer den Mädchen in diesem Sinne vorgetragen habe." Er sprach über die neuesten Forschungen der Ethik, *) die antireligiöse Litteratur und die Theorien der Naturforscher. „Alles überlebt sich; auch Moses wird von Moleschott bekämpft, der wieder von einem Späteren widerlegt werden wird. Es kommt ein Held über einen Helden. Er kann aber nur Fehler korrigiren, und selbst Engel fehlen, die nur Geist sind." Diese Gefühlsinnigkeit und Wärme, diese Begeisterung für Religion und die glühende Liebe zum Judenthum halte mir bei einem nüchternen und freisinnigen Denker wie Zunz wahrhaft. wohlgethan. Beim Abschiede bedauerte er mit dem Hinweise auf sein zerstörtes Hauswesen, mir während des mehrstündigen Besuches nichts zum Genüsse dargeboten zu haben. Doch erwiederte ich, auf seinen Namen Jomtow anspielend, daß er mir durch den erquickenden geistigen Genuß, den seine Gesellschaft gewährte, einen wahren Festtag bereitet hat. Der Eindruck, den die Bekanntschaft mit diesem großen Mann auf mich machte, war ein nachhaltiger, und lange noch dachte ich über den tiefen Sinn seiner Apercus und Bemerkungen nach. -II— FEUILLETON Aas Tagebuch eines Abtrünnigen. Von I. Zangwill. Autorisirte Uebersetzung von Frau Dr. I. Wedell. (Fortsetzung.) pS wäre jetzt ein Leichtes für mich, mich als Juden zu bekennen, selbst mit der Aussicht auf Sibirien. Ich bin reich, habe die Bildung, nach der ich mich sehnte, und vor allem, — ich fjabe gelebt. Ach, wie verschieden erscheint die Welt mit ihrer Hoffnung und ihrer Furcht, ihrem Lob und ihrem Tadel dem Jüngling, der langsam den Hügel hinanfklimmt. und dem Manne, der schnell zum Thal hinabi) „Kein Moralphilosoph könne über religiöses Gebiet Rath ertheilen."