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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-09 · Heft 41 (9.10.1896) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 41 (9.10.1896)
Date
1896-10-09
Page
Seite 486 (sequence 6)
Language
German
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Aas Buch Sivb. Von Georg Brandes. II. ach und nach nahmen die Nvmaden festen Wohnsitz, ver- . wandelten sich in Ackerbauer und gründeten Städte. Sie nahmen ihren Sitz im Lande Kanaan, das sie von den Urbewohnern eroberten. Der Ausdruck: ein Land, wo Milch und Honig fließt, entstammt der morgenländischen Phantasie. Nüchterner ist das Wort Moses' im 5. Mos. 10: „Denn das Land, da du hinkommst, es einzunehmen, ist nicht wie Aegyptenland, davon ihr ausgezogen seid, da du deinen Samen säen und selbst tränken mußtest, wie einen Kohlgarten; sondern ..... es ist ein Land mit Bergen und Thälern, die der Regen des Himmels tränken muß." Und im 5. Mos. 8, 7 heißt es: ' „Ein schönes Land mit Bächen und Quellen und Strömen, die aus den Bergen ins Thal fließen. Ein Land mit Weizen und Gerste, mit Weinstöcken, Feigenbäumen und Granatäpfeln, ein Land mit Olivenöl und Honig. Ein Land, wo du dein Brod nicht in Armuth verzehren, wirst, wo du nichts entbehren sollst. Ein Land, das Eisenerz hat und aus dessen Bergen du Kupfer hauen sollst." Es giebt aber zwischen den zwei großen Kulturvölkern der Erde, den griechischen Schiffern und den israelitischen Nomaden und Ackerbauern, trotz des Grundunterschiedes auch viele Gleichheitspunkte. Das Leben in Hellas hat zahlreiche Herdstätten; das, was wir Griechenland nennen, besteht aus einer Menge kleiner, selbstständiger Staaten. Man findet lange kein anderes Band zwischen ihnen als das, was die homerische Dichtung abgiebt. Homer hat dieses Volk zusammengesungen, und die olympischen Spiele haben es zusammengehalten. Ebenso stehen die vielen israelitischen Horden und Stämme während Jahrhunderte unabhängig von einander, feindlich gegen einander. Es sind Israels Propheten, es sind Männer wie Jesaias und wie der anonyme, große Prophet der babylonischen Verbannung, die aus den Stämmen ein Volk bilden. Und wie der Grieche den Barbaren tief verachtet, der nicht freier Bürger ist und nicht griechisch spricht, so sieht auch der Israelit tief auf die Volksstämme (Heiden) herab, die nicht Jehova zum Gott haben. Das griechische Ideal ist Lust. Der homerische Grieche ist persönlich unabhängig, kühn und frei. Er denkt sich seine Götter froh. Daher der Ausdruck: Da sollst du froh wie ein Gott am Herde sitzen und Wein trinken. Der Gott der alten Hebräer ist nicht „froh", aber er ist gewaltig. In der Griechen Auge ist das Beste: Friede, oder das, was Ordnung und Frieden giebt. Plato sagt: Liebe giebt dem Liebenden Frieden, dem Meere Ruhe. Aristoteles sagt: Der Gedanke ist weniger eine Bewegung, als eine Rast. Anders bei den Hebräern. Weder Liebe noch Gedanke allein-geben Friede. In der griechischen Kunst ist kein Mißton. Es ist kein Zwiespalt zwischen Körper und Seele, zwischen Pflicht und Glück, keine losgelassene Leidenschaft, selten wildes Pathos. Hinter der griechischen Tragödie liegt tiefer Einblick in des Lebens Schrecken, sie ist auf grauenvolle Mythen aufgebaut, aus verbrecherische Göttergeschlechter und Titanen in Aufruhr und Qual. Sie entspringt dem wilden, losgelaffenen Jubel der Dionysosfeste. Aber in diesen Tragödien herrscht künstlerisch stets Anstand und Würde, die Heldin ordnet ihr Gewand um ihre Füße, wenn sie stirbt. Wir begegnen hier einem Ideal, das reich ist, aber nicht tief, schön, aber nicht erhaben. Im Morgenlande ist. das Ideal enger, aber stärker, ein Ideal von unbeugsamer Kraft, ewiger Dauer, wie Gott im Himmel, die Pyramiden auf der Erde. Im Morgenlande ist alles ausdrucksvoll, voll reicher Bedeutung; die' Leidenschaft geht nackt. Die Schwingungen der Seele sind die stärksten, ewiges Anrufen, hohes Pathos, verzweifelte Klage, heftige Lebensfreude. In der griechischen Landschaft waren alle Proportionen klein, alles temperirt, alle sinnlichen Wahrnehmungen deutlich, alle. Umriffe in Klarheit gebadet. Demzufolge ein wahrer Abscheu vor dem Zusammengesetzten, Uebertriebenen, Formlosen und Unbegrenzten. Deshalb eine Kunst, deren Wesen die richtigen Proportionen und Dimensionen zeigt, feine Verhältnisse und vollendetes Maßhalten. In der Landschaft, die das semitische Volk vor Augen hatte, find die Hauptsaktoren die Klippen und die Wüste. In der Fläche und in der Höhe ein Ausdruck von Größe. Man sehe z. B. das Bild des prachtvollen, einsam und wild gelegenen Thabor mit seinen .stumpfen Kegeln. Die Natur ist wild, und das Land, welches das israelitische Volk sich erkämpft hat, ist fruchtbar. Die Volksphantasie machte das Wilde wilder und das Furchtbare fruchtbarer. Die Natur war unruhig; man war häufigen Erdbeben ausgefetzt, und die Naturverhältnisse waren unsicher; Heuschreckenschwärme fanden sich in Heerschaaren ein und verwüsteten alles. Was von Poesie hier erzeugt wird, ist daher meist großartig und streng, doch die Dichtung bringt auch den Beweis, daß man in brennender Erotik gelebt und zur Frühlingszeit in Naturfreuden geschwelgt hat. Aber alles ist konkret aufgefaßt, das. Ganze mit einem Schlage und in einer Sprache ausgedrückt, deren Töne mit ihren Kehllauten hart und klangvoll sind. Der Grieche löst alles in Einzelheiten auf, analysirt, geht logisch vor, schafft deshalb das Räsonnement, die oratorische und philosophische Entwickelung von Glied zu Glied. Der Israelit hat keine Analyse, er hat Erscheinungen; er schließt nicht, er erblickt und ruft aus; sein Verfahren ist nicht Logik, sondern Intuition. Der Grieche erzählt Anekdoten und spinnt redselig seinen Stoff aus. Bei dem Juden ist alles Ausdruck, Leidenschaft, Wiederholung, wie Knappheit. Er vermag den Stoff nicht zu entwickeln, hat keinen Begriff von Komposition. Er bewegt sich im Sprunge vorwärts, beginnt von vorne, wendet sich zu längst Berührtem zurück, ist unklar und verlangt keine Klarheit. Für die lichtvolle Philosophie des Griechen, für sein Aufzählen der Ursachen und Wirkungen hat er die kurze Sentenz; statt des Griechen nüchterner Phantasie hat er eine unberechenbare, glühende Einbildungskraft, die zwar kein Drama erzeugen kann, aber Hymnen, Gesänge, Freudenrufe,. Verwünschungen, Oden, Elegien, einen elementaren Dialog und zusammengereihte, ungeordnete Erwägungen. Sein Stil ist ohne Perioden, weil er in Fragen und nicht in Vernunftschlüssen denkt. Dieser tiefe Grundgegensatz schließt nicht aus, daß es einen Zeitraum gab, einen späten, wo griechischer und israelitischer Geist einander berührten. Hiervon findet man die erste Spur wirklicher Einwirkung in der jüdisch-alexandrinischen Litteratur, die nächste Spur unter der griechischen Herrschaft in Jerusalem in den Klagen über israelitischen Abfall, über den Zudrang zu den griechischen Gymnasien in Jerusalem (I. Makkab. 1, 15). - Zum, letzten Male vermischt sich griechischer und israelitischer Geist in Alexandria im Neuplatonischen, und das ägyptisch beseelte Christenthum entspringt dieser Mischung.

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