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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-09 · Heft 41 (9.10.1896) · p. Seite 485

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 41 (9.10.1896)
Date
1896-10-09
Page
Seite 485 (sequence 5)
Language
German
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485 daß die Lehrer der Synagoge-die Lohnsucht im religiösen Leben von jeher bekämpft haben, an diesem Kampfe haben aber die jüdischen Philosophen lebhaften Antheil genommen. Man könnte noch manches von den sittlichen Lehren der Philosophen hervorheben, ihr Heiligkeitsideal, ihre Auffassung der Messias-- idee, welche sich immer humaner gestaltet, ich will aber Ihre Aufmerksamkeit nur noch für eine Idee in Anspruch nehmen, für die Idee des Märtyrerthums. Beispiele der Selbstaufopferung kennt schon das klassische Alterthum, aber die Idee des religiösen Märtyrerthums ist im Judenthum, zur Zeit der Kämpfe der Makkabäer entstanden. Sie ist eine der merkwürdigsten Erscheinungen der Geschichte des Judenthums; sie war ohne Zweifel die stärkste Waffe gegenüber einer feindseligen Welt und hat sich in der Geschichte, in der Litteratur und in Institutionen des Judenthums geoffenbart, ja sie ist selber zur Institution, zum Gesetze geworden. In Betreff des Wesens dieser Idee scheint mir Folgendes sehr beachtenswerth zu sein: Die Selbstaufopferung kann eine Folge pathologischer Erscheinungen des Geistes, sie kann ebensowohl eine Folge außerordentlicher Lohnsucht, wie eine solche vernünftiger Erwägungen, eine Forderung des Gewissens sein. Es ist ein großer Unterschied zwischendem Märtyrerthum eines Naivgläubigen, demjenigen eines asketischen Mönches und demjenigen eines Muhammedaners, der, im Glaubenskriege kämpfend, daran denkt, daß er nach seinem Tode sogleich ins Paradies befördert wird, wo seiner die mannigfachsten sinnlichen Freuden harren. Und der psychische Vorgang wird auch beim Philosophen ein anderer sein, der den Werth des Lebens und die Macht des Zweifels und der Versuchung kennt. Freilich wird auch die sittliche Werthschätzuug bei all diesen Fällen ein verschiedener sein. Treffend hat Lecky das Mürtyrerthum der Juden im Mittelalter mit folgenden Worten charakterisirt: „Gewiß muß der Heldenmuth der Gläubigen aller anderen Religionen unbedeutend angesichts dieses.Märtyrervolkes erscheinen, welches dreizehn Jahrhunderte alle Schreckniffe ertrug, welche der wildeste Fanatismus ersinnen konnte, welches lieber Schande, Beraubung und Verletzung der theuersten Bande, die Auferlegung der furchtbarsten Leiden erduldete, als daß es seinen Glauben verlassen hätte. Denn die Juden waren keine asketischen Mönche, erstorben für alle Hoffnungen und Leidenschaften des Lebens, sondern sie waren Menschen, welche die weltlichen Vortheile, die sie aufgaben, sehr wohl zu würdigen wußten und mit um so lebhafterer Empfindung ausgestattet waren, als der Kreis, in welchen: sie lebten, sehr enge Grenzen hatte. Der Enthusiasmus mit seinen seltsamen Erscheinungen von Extase, der eine so ausgedehnte Bedeutung in der Geschichte der Verfolgung äußert und so viele Märtyrer mit? übermenschlichem Muthe ausrüstet, der die Schrecken so vieler fürchterlicher Qualen mäßigt oder ganz beseitigt, hier war er fast unbekannt. Die Verfolgung kam über die jüdische Nation in ihrer schrecklichsten Gestalt, aber auch umgeben von allen Gattungen kleinlicher Plackerei, die ihr fast alles Großartige nahm, und blieb Jahrhunderte lang das dauernde Loos derselben. Aber der Geist dieses wunderbaren Volkes blieb über dem Allen hoch erhaben." Das sind die Thatsachen; was haben sich aber die Juden dabei gedacht? Ich kann hier nur dasjenige anführen, was sich bei den älteren Philosophen darüber findet. Sa'adja sagt über die Leiden des jüdischen Volkes, nachdem er über das messianische Zeitalter gesprochen: „Darum findest du uns, wie wir geduldig warten und an der Erlösung nicht zweifeln, unseren Muth nicht verlieren, sondern daran immer mehr festhalten, wie es in der Schrift heißt: Seid stark, und es sei fest euer Herz, die ihr auf den Herrn hoffet." „Wer uns in diesem Zustande sieht, der wundert sich über uns, oder er hält uns für Thoren, weil er nicht erfahren hat, was wir erfahren, und weil er nicht glaubt, wie wir glauben. Er ist ähnlich Demjenigen, der dem Säemann noch nie zugesehen hat, und wenn er einmal sieht, wie er den Weizen unter die Furchen des Feldes streut, hält er ihn für einen Thoren, bei der Ernte aber, da wird sich's zeigen, daß er der Thörichte war." Also meint auch Sa'adja, weun der große Tag der Ernte kommen wird, da wird man es sehen, daß Israel keine fruchtlose Arbeit verrichtet hat. Jehuda Halewi führt aus, daß der äußere Erfolg, der äußere Glanz in der Frage nach der Wahrheit der Religion überhaupt nichts bedeutet, er meint wohl, daß die Juden die Leiden des Exils nicht mit der Begeisterung für die Gotteslehre ertragen, wie es sein sollte, aber er läßt den Rabbiner sagen: „Aber ich denke an die Besten unter uns, welche die Verachtung und Knechtschaft mit einem einzigen Worte von sich abwenden könnten, das sie ohne Mühe aussprechen könnten, und hierdurch freie Männer,', mächtiger als ihre Unterdrücker würden und dies dennoch nicht thuu, damit sie ihre Religion bewahren. Dies allein würde genügen, um für uns zu sprechen und viele Sünden zu sühnen." Damit hat Juda Halewi das Wesen des Märtyrerthums berührt, denn dieses ist nichts anderes, als eigentlich die höchste Form der Idee der sittlichen Persönlichkeit'), welche die Aufopferung aller Lebensgüter für die Uebereinstimmung des Wollens mit der ethischen Einsicht erfordert. Diese wurde aber im Judenthun: nicht als Ideal der Auserwählten betrachtet, sondern sie war/ wahrscheinlich seit den Verfolgungen Hadrians im zweiten Jahrhundert nach der gewöhnlichen Zeitrechnung, zum Gesetz geworden, welches in einer jeden Gesetzessammlung sich vorfindet. Und so finden wir das Gesetz des Märtyrerthums auch bei Maimonides kalt und gemessen ausgedrückt, aber aus dem Inhalt spricht die tausendjährige flammende Liebe Israels zu seiner Lehre: „Es ist die Pflicht eines jeden Israeliten, daß er den Namen Gottes heilige", und dann folgen die Bestimmungen, welche Verbote nie übertreten werden dürfen und daß zur Zeit der Religionsverfolgung auch der geringste Gebrauch nicht übertreten werden darf. Man mag über die Einzelheiten dieses Gesetzes denken, wie man will, das Judenthum hat nie eine stärkere Waffe besessen als dies Gesetz, und so lange es Menschen geben wird, welchen die Eigenart ihres innersten Wesens, ihres religiösen und sittlichen Denkens und Lebens höher steht als ihre sonstigen Lebensgüter, wird das Gesetz seine Bedeutung nicht einbüßen. Ich schließe mit einem Gedichte Jehuda Halewis, in welchem dieser Gedanke zum Ausdruck gelangt und zu dessen Verständniß ich nur so viel bemerken will, daß Juda Halewi es infolge von Schmähungen geschrieben hat, die er wegen' seines Judenthums zu erdulden hatte: „Mit ganzem Herzen, o Wahrheit, mit ganzem Vermögen Liebe ich dich, offen und im Geheimen, Dein Name ist mit mir, wandte ich da allein? Er ist mein Freund, bin ich da verlassen? Er ist meine Leuchte, wird da erlöschen mein Licht? Wie könnte ich wanken, ist er doch die Stütze in meiner Hand? Die Menschen verachteten mich und wußten nicht. Daß die Schmach wegen deines Namens Ehre mir ist. Quell meines Lebens, dich obe ich) so lange ich lebe. Dir huldigt mein Gesang, so lange ich hier weile." J) Diese wird von Steinthal, Allgemeine Ethik S. 97 folgendermaßen formulirt: Der Wille, zu dem man sich wegen seiner Uebereinstimmung mit der ethischen Einsicht entschließt, gefällt, während der Wille, zu dem man sich trotz ethischer Prüfung im Widerspruch mit der ethischen Einsicht entschließt, sittliches Mißfallen erregt.

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