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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-02 · Heft 40 (2.10.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 40 (2.10.1896)
Date
1896-10-02
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 diese Anklagen erhoben wurden, aber erst jetzt konnte die von Friedmann angestrengte Klage zum Abschluß kommen, da in den entferntesten Orten wohnende Zeugen zu vernehmen waren. Lehmann wurde aus den §§ 185 und 186, sowie § 21 des Preßgesetzes zu 60 Mark und Veröffentlichung des Urtheils in seinem Blatte verurtheilt. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 28. September. Die erste Wahlversammlung zu den Kultusgemeindewahlen hat der „PolitischeVolksverein" veranstaltet, dessen Präsident Dr. Hermann Fialla die Wünsche und Beschwerden der Gemeinde sehr genau und klar präcisirte. Die beiden Hauptmomente, die er hervorhob, sind erstens die Ungerechtigkeit, daß 10 Gulden die Minimalsteuer für jeden Wähler sind und daß der gesammte Kultusvorstand aus 24 Mitgliedern bestehe und nur eine Behörde bilde. Auch gegen die Unthätigkeit des Vorstandes bez. der antisemitischen Bewegung wurde lebhafte Klage erhoben. Ein Mitglied desselben, Dr. Gustav Kohn, suchte diese Vorwürfe allerdings zu entkräften. Die Hauptsache bleibt: Neue und tüchtige Männer! Man darf jedenfalls auf die einzelnen Kandidatenlisten wie auf den Verlauf der Wahlbewegung überhaupt gespannt sein. — Vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Leopoldstadt- Adjunkten Dr. Biehal, hatten sich die Kaufleute Osias Laub und M oriz Längselder wegen Amtsehrenbeleidigung zu verantworten, weil sie den Kondukteur der Dampftramway, Josef Fischer, während er im Dienste stand, öffentlich geschmäht hatten. Der Anklage lag folgender Thatbestand zu Grunde: Die genannten Kaufleute, welche beide Juden sind, saßen kürzlich in dem Parke an der Stefanienbrücke. Bei dem dort befindlichen Geleise der Dampftramway war eben der Kondukteur Josef Fischer beschäftigt. Als er der Juden ansichtig wurde, begann er dieselben zu hänseln und schrie: „Maier, Maier, Saujud'!" und diverse andere Schimpfworts. Herr Laub stellte den Kondukteur zur Rede, dieser jedoch setzte seine Schmähungen fort. Da riß Herrn Laub die Geduld, er beschimpfte ebenfalls den Kondukteur und spie ihn an. Schließlich mischte sich auch Herr Langfelder in den Streit und schimpfte mit. Ein Wachmann war von der Stefanienbrücke aus Zeuge dieser Szene und eskortirte die beiden Kaufleute auf das Polizeikommissariat. Bei der Verhandlung gaben die Angeklagten zu, den Kondukteur beschimpft zu haben, behaupteten jedoch, daß sie nicht gewußt hätten, Herr Fischer stehe im Dienste, obwohl derselbe die Uniform trug. Der Wachmann bestätigte unter Diensteid vollständig den Inhalt der Anklage. Trotzdem sprach der Richter die Angeklagten frei und führte in der Begründung aus: „Die Angeklagten konnten nicht wissen, daß Fischer im Dienste stehe, denn es wäre traurig in Oesterreich bestellt, wenn im Dienste stehende Männer gegen andere Konfessionen hetzen würden. — In Balassa-Gyarmat im Neograder Komitate hat der dortige Tischlermeister Paczolay gemeinsam mit einem seiner Lehrlinge gegen die Judenschast des Ortes die Anzeige wegen versuchten Ritualmordes erhoben. Er gab an, daß der Lehrjunge am sogenannten langen Tage in die Synagoge gelockt worden sei, wo ihn die Juden entkleiden und in eine Lade sperren wollten. Die vom Stnhlrichter sofort eingeleitete und sehr sorgfältig geführte Untersuchung ergab alsbald, daß die Anzeige nur auf plumper Erdichtung beruhte, und es wurde gegen die beiden Kläger wegen Verleumdung die Anklage erhoben. Der Lehrling sitzt bereits hinter Schloß und Riegel, sein Herr und Meister, der wahrscheinliche spiritus reetor der Komödie, ist aber flüchtig geworden und wird nun gerichtlich kurrentirt. — Ein tragisches Ende fand ein junger Wiener, Siegmund Harpner, der bei einem Eisenbahnzusammenstoß in Johannesburg (Transvaal) eine Frau mit ihrem Kinde retten wollte und dabei selbst ums Leben kam. Eine amtliche Zuschrift des österreichischen Konsulats in Beausort enthält die Nachricht von dem schrecklichen Unglück, das den hoffnungsvollen jungen Mann in der Blüthe seiner Jahre vernichtet hat, und ein dieser Zuschrift beigeschlossener Zeitungsbericht schildert den Vorfall, bei welchem Harpner infolge des Versuches, zwei Menschenleben zu retten, zu Grunde gegangen ist. - B. Budapest, 27. September. Unter den vier neu ernannten Pairs Öotitpet sich der Chefredakteur des „Neuen Pester Journals", Sigmund Deusdy, der durch seine liberale publizistische Thätigkeit und großartige ßen)ppe Stiftungen sich zahlreiche Verdienste erworben hat. — Eine Ab- „ mg der Wiener Freisinnigen, die hier zur Besichtigung der Ausallgeii. stellung einige Tage verweilten, sprach beim Romancier Moritz Jokai vor, der über den Wiener Antisemitismus folgende interessante Bemerkung machte: „Sie haben ein großes Werk vollbracht. Es gehört bei der Strömung, die in Wien das Oberwasser erlangt hat, wahrhaftig Muth dazu, den Sympathien für das freiheitlich gesinnte Ungarn offen Ausdruck zu geben. Der Ausflug der Wiener wird das Band noch inniger knüpfen, welches die beiden Städte mit einander verbindet und ihnen neue Kräfte verleihen, damit hüben und drüben die Reaktion zurückgeschlagen werden kann. Der Liberalismus, dieser erhabene Gedanke, ist im Schwinden, im Rückgänge begriffen; es scheint fast, als ob er mit uns aussterben solle. Was in Wien geschieht, erfüllt mich mit Schmerz und Trauer. Der Antisemitismus, diese Krankheit unserer Zeit, zerstört das Einvernehmen der Bürger und demoralisirt sie. Man hat es nicht nöthig zu arbeiten, sondern sich in die Brust zu werfen und sagen.- „Ich bin Antisemit", und die Menge läuft ihm nach und feiert ihn. Ich bedauere Wien, daß es so fanatisirt ist!" — An der feierlichen Eröffnung des Eisernen Thores hat auch eine Abordnung des Temesvürer isr. Gemeindedistriktes theilgenommen und ist vom König empfangen worden. — Die isr. Kultusgemeinde in Nagy-Kapes ließ an der Synagoge anläßlich einer Millenniumsfeier eine mit dem ungarischen Wappen versehene Fahne hissen. Ein Mitglied der Gemeinde, das wegen des auf drei Hügeln fußenden Doppelkreuzes, eines die Krone zierenden Heiligenbildes und des schiefen Kreuzes religiöse Bedenken hatte, ließ die Fahne abmachen und ließ statt der Kreuze und des Heiligenbildes das Bild eines Drachen (!) und eines Streitkolbens (!) hinmalen. Gegen den Schänder des Landeswappens wurde das Verfahren eingeleitet. — Welch schädliche Wirkung die Wühlereien der antisemitischen Bolkspartei aus das leichtgläubige Volk ausüben, zeigt der Fall in Hosszupülyi bei Debrezen. Zwei Geschwister hüteten des Nachts das Melonenfeld eines Landwirthes. Sie kamen aber des Morgens zur verabredeten Zeit nicht nach Hause. Man begab sich auf oie Suche nach den Kindern, deren Verschwinden sofort den „blutsaugenden" Juden zugeschrieben wurde. Es meldet sich sofort ein Zeuge, der zwei polnische Juden im Orte gesehen haben wollte, ein Anderer wollte gesehen haben, wie diese Juden den Kindern nachlief u. s. w. Kurz, die Wirkung dieser erfundenen Gerüchte blieb nicht aus, und man schickte sich schon an, an einigen Juden des Dorfes Lynchjustiz zu üben. Zum Glück kamen die beiden Geschwister zur Zeit zum Vorschein. Man entdeckte sie in einer Scheune, wohin sie sich wegen eines Gewitters flüchteten und wo sie einschliefen. Frankreich. (D Paris, 26. September. Das Schicksal des französischen Antisemitismus beginnt sich auch bereits zu erfüllen, und zwar genau in derselben Weise wie das des deutschen Antisemitismus. Einer von den Führern wird nach dem anderen abgethan. In dieser Woche ist ein antisemitischer Abbe in seiner ganzen Glorie enthüllt worden. Schon die Vergangenheit dieses unwürdigen Priesters war eine sehr bewegte. Noch im Seminar zu Rouen schrieb er eine Broschüre Be Mystere du sang. Infolgedessen wurde er von 'dem früheren Erzbischof von Rouen aus dem Seminar und der Diözese ausgeschlossen. Dafür aber schloß ihn Mr. Drumont freundlich in seine Arme. Henri Desportes, so heißt der Edle, schrieb nun eine neue Broschüre, „Tue par lesJuifs“, welche Drumont mit einer Vorrede versah. Später gab er ein obskures Blatt: „La terre de France“ mit dem sattsam bekannten Marquis de Mores heraus, in dem er die heftigsten Ausfälle gegen die Juden machte und die christliche Bevölkerung zu einer förmlichen Bartholomäusnacht gegen dieselben aufhetzte. Nun hat den fanatischen Abbö sein Schicksal erreicht. Er hatte nämlich, um seine materielle Lage zu bessern, eine Aktien-Gesellschaft begründet, die seine werthlosen Publikationen vertreiben sollte. Unter falschen Vorspiegelungen wußte er naive Seelen für dieses Unternehmen zu gewinnen. Einige von diesen verloren aber schließlich die Geduld und machten deshalb Anzeige bei der Polizei. Der fromme Abbe wartete aber gar nicht den Ausgang der Untersuchung ab, sondern er machte sich rasch aus dem Staube, um das undankbare Frankreich zu verlassen. Doch die Polizei war schneller als er; sie hatte bereits sein Signalement an alle Stationsvorsteher telegraphirt, und so wurde der Flüchtling 'auf einem Bahnhof im Süden erkannt und sofort verhaftet. Er sieht nun seinem Schicksal entgegen. 8ie transit gloria mundi!

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