Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Nußlan-. X St. Petersburg, 13. September. Durch die hebräischen Zeitungen macht eine Nachricht die Runde, daß zwei karäische Ehachamim eine Entscheidung des Ministers des Innern provozirt hätten, dahin gehend, daß die karäischen Juden fortab zum Unterschiede? von den anderen Juden Karäer schlechthin (ohne den Zusatz: Juden) zu heißen haben. Es ist leicht möglich, daß tatsächlich neuerdings von, Karäern ein darauf hinzielendes Ansuchen gestellt und von dem Minister erfüllt wurde, jedenfalls aber sind dieselbe Bitte und dieselbe Gewährung schon vor sechsundzwanzig Jahren ausgesprochen worden. Ursprünglich figüriren nämlich bie. Karäer in den russischen Gesetzbüchern als „karäische Hebräer", im Gegensätze zu uns als den „Hebräern" schlechthin oder „talmudischen" oder „rabbinischen Hebräern". Da nun die Karäer nicht den für die Juden geltenden Beschränkungen unterliegen, sondern vollständige Gleichberechtigung mit den Christen -genießen, infolge der Bezeichnung als „karäische Hebräer" aber Jrrthümern seitens der Behörden ausgesetzt waren, wandten sie sich schon gegen Ende der sechziger Jahre an die Negierung mit der Bitte, die Bezeichnung „Hebräer" aus ihrer Benennung wegzulassen. Die Bewegung ward dazumal unter den Karäern eine sehr rege, namentlich die Jugend protestirte gegen die Jdentifizirung mit den Juden und berief sich darauf, daß die Karäer nicht jüdischer, sondern chazarisch-tatarischer Abkunft seien. Und schon damals hatten ihre Bemühungen den Erfolg, daß die Regierung die Bezeichnung „Karäer" (ohne Hinzufügung des Wortes Hebräer) als offizielle Benennung der karäischen Glaubensgemeinschaft anerkannte. — Der Staatsrath wird, wie verlautet, in der diesmonatlichen Sitzung die Frage entscheiden, ob den äbsolvirten Hörern der mit der jüdischen Waisen-Anstalt in Odessa verbundenen Ackerbauschule die Pachtung von Grundstücken in allen Theilen Rußlands freistehen solle. — Demnächst werden an der jüd ischen Schule inProskurow zwei Klassen für den Unterricht im Schlosser- und Schmiedehandwerk eingerichtet werden. Der Direktor der Schule hat infolge Auftrags der Kreis-Schulbehörde eine Reise nach Odessa, Nicolajew und anderen Orten, wo ähnliche Handwerkerschulen bestehen, unternommen, um sich daselbst zu informiren. Die Kosten der neuen Klassen werden aus dem Fleischtaxen-Betrage, der in der jüdischen Gemeindekasse liegt,, bestritten werden, und zwar werden 3000 Rubel ein für alle Male, und 1800 Rubel jährlich gegeben. Außerdem wird das allgemeine Schulbudget um 100 Rubel im Jahre vergrößert. E. Warschau, 18. September. Die statistische Abtheilung der hiesigen hygienischen Ausstellung enthält auch viel interessantes Material über die jüdischen Verhältnisse in Russisch-Polen. Einiges hiervon sei hier mitgetheilt, Die Gesammtbevölkerung von Russisch- Polen beträgt 8 808 969 Seelen, hiervon sind 1224 656 --- 13,9 pCt. Juden. Bon diesen wohnen jedoch die meisten in den Städten, so daß sie hier 44,6 pCt. der Gesammteinwohnerschaft bilden. In den Dörfern wohnen verhälnißmäßig sehr wenige Juden, insgesammt 165811--2,6 pCt. der Landbevölkerung überhaupt. Herr Professor Koskowsky hatte die Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse der jüdischen Bevölkerung in den Landstädtchen zum Gegenstand eines speziellen Studiums gemacht und darauf bezügliche Tabellen aufgestellt, denen wir folgende Einzelheiten entnehmen: Er beobachtete unter Anderem 30 jüdische Haufirer aus einem kleinen Städtchen und registrirte sorgfältig die von ihnen kon-. sumirte Nahrung. Er erhielt einen Durchschnitt von 3000 Gramm - Brod und 650 Gramm Fleisch pro Mann und Woche. (Nach den Angaben der Physiologen braucht ein erwachsener Mensch bei Ruhe oder leichter Arbeit täglich 350 Gramm Fleisch, 500 Gramm Brod und 100 Gramm Butter.) Eine andere Tabelle zeigt die Lebenshaltung eines Juden, welcher ein Einkommen von 200 Rubel jährlich hat. Das Gesammtquantum der von einem solchen konsumirten Nahrung beträgt täglich 773 Gramm, am Sonnabend jedoch, auf welchen Tag noch 100 Gramm Fleisch und 50 Gramm entfallen, verzehrt er beinahe das Doppelte, insgesammt 1510 Gramm." Diese Zahlen sprechen Bände..... m. Kiew, 14. September. In der jüngst hier stattgehabten russischen Aerzteversammlung wurde eine Frage behandelt, die zeigt, wie leicht man geneigt ist, die Juden zu verdächtigen. Es war der russischen Sanitätsbehörde aufgefallen, daß unter den jüdischen Soldaten des Poltawaer und Polotzker Regimentes das Bruchleiden sehr stark verbreitet sei, und sie hatte nun in einem offenen Briese vom 23. März 1890 ziemlich unverhohlen die Ansicht ausgesprochen, daß hier wohl meistens eine absichtliche Herbeiführung der Krankheit vorliegen müsse. — Herr Dr. Salamkä erhielt den Auftrag, die Sache zu untersuchen. Erlegte eine Liste aller Bruchfälle in den Aushebungen der Jahre 1885 -1890 an — es waren zusammen 176 467 — und kam zu dem Schluffe, daß kein plausibler Grund vorliege, die Inden der Selbstverstümmelung zu zeihen, vielmehr die größere Ziffer der Bruchfälle bei den Juden dem schwächeren. Körperbau derselben zuzuschreiben sein dürfte. Diesem Referate stimmten auch die Aerzte Fleischer, Rundriuzki und Odnoffunow bei. Ein jüdischer Arzt stellte hieraus den Antrag auf weitere statistische Erhebungen, um die wahre Ursache der größeren Häufigkeit des Bruchleidens bei den. Juden zu ermitteln. Kon Nah und Fern. Der Stabsarzt a. D. Sanitätsrath Dr. Wilhelm Sarnter aus Posen ist am 26. d. M. hier nach schwerem Leiden im 63. Lebensjahre gestorben. —. Herr Noa Wolff in Neheim (Regierungsbezirk Arnsberg) ist anläßlich seines 88. Geburtstages zum Ehrenbürger der Stadt ernannt worden. Am Vorabend war Fackelzug seiner etwa 300 Mann starken Arbeiterschaar, Festessen rc. Wolff war der Begründer der Lampen - Industrie, die Neheim groß und zum einzigen Jndustrieplatz des Sauerlandes gemacht hat. Heute besitzt die Stadt eine Menge - Lampen- und Lampentheile-Fabriken. — Der Vorstand des Vereins zur Förderung der Ackerbaukolonien in Palästina und Syrien in Köln hat beschlossen, in den Monaten November und. Dezember in Köln eine Ausstellung der Erzeugnisse jüdischer Dörfer in Palästina zu veranstalten. — Diese Woche hat der Kultusbeamte H. Dattenheiner, Oberkantor der Gemeinde zu Neustadt a. d. H, ein Dankschreiben aus dem Geheim - Kabinet des Großherzogs von Baden erhalten, dem derselbe anläßlich des Geburtstagsfestes in gebundener Rede herzliche Glückwünsche übermittelt hatte. — Seitens des Justizministeriums ist Justizrath Jösephthal in Nürnberg zum Vorsitzenden des Aufstchtsrathes des Zellengefängnisses ernannt worden. — In Lampertheim, Kreis Bensheim, baut die israelitische Gemeinde ein neues Schulhaus. In loyaler Weise hat ihr die politische Gemeinde hierzu 1000 Mark bewilligt. Dagegen sind auf dem dortigen israelitischen Friedhofe von ruchloser Hand elf Grabsteine umgeworfen und theilweise demolirt worden Die Polizei giebt sich alle Mühe, die Uebelthäter zu ermitteln. — Der Kaiser hat dem Rentmeister Jacob Aron in Dettweiler aus Anlaß des Uebertritts in den Ruhestand den Charakter als kaiserlicher Rechnungs-Rath verliehen. — Die junge Königin Emma von Holland feierte vor Kurzem ihren Geburtstag. Zur Feier desselben wurde im Jndustriepalaft ein Kinderfest (für dreitausend Kinder) gegeben. Bei dieser Gelegenheit erhielten die jüdischen Kinder, die an dem Feste theilnahmen, koschere Speisen. — Aus Warschau wird die russische Naturalisation mehrerer ausländischer Juden gemeldet. Seit mehreren Jahren hat eine solche Verleihung staatsbürgerlicher Rechte nicht mehr. stattgefunden. — M. Clemenceau, der bekannte radikale Politiker in Paris, hat sich nach Galizien begeben, um die Verhältnisse der dortigen Juden zu studiren. — David Molcho Pascha in Konstantinopel, der erste Dolmetsch der Pforte, hat vom Kaiser von Japan die erste Klasse des kaiserlich japanesischen Ordens erhalten. — Monsieur Ahlwardt ist in New-Jork gegen Mac Kinley aufgetreten, mit der Behauptung, daß derselbe der Präsidentschaftskandidat der jüdischen Finanz sei. Dagegen wandte er seine antisemitischen Sympathien dem Gegenkandidaten, M. Bryan zu, der sich dafür wohl bedanken wird. — Die Politique Coloniale meldet aus Tunis, daß dort Araber gegen Juden verschiedene Gewaltthaten begangen haben, die zwar nur den einzelnen Thätern zur Last gelegt werden können, die aber doch Rückwirkungen der armenischen Greuel zu sein scheinen. — Adolph Alexander ist zum Stadtrathe von Bombala in Neu-Süd-Wales gewählt worden. r'Jie '' --.—' ■ ■ .T -——---=1^; - Druck und'Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. f^-! Verantwortlich für die Redaktion: M a x B a u ch w i tz in Berlin.