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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-02 · Heft 40 (2.10.1896) · p. Seite 480

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 40 (2.10.1896)
Date
1896-10-02
Page
Seite 480 (sequence 12)
Language
German
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mehr. Die rabbinischen Juden in der Krim aber wurden .zu karäischen Renegaten gestempelt, so doß die Karäer selbst ungetheilt in dem Besitz aller dieser großen Ruhmestitel blieben. . Sie erwiesen sich auch ihrem Historiographen, der jedenfalls ein sehr gescheuter Manu war, als sehr dankbar. Noch heute preisen sie sein Andenken, noch jetzt glauben sie steif und fest an all die Märchen, die er ihnen und mehr noch Anderen aufgebunden. Sie haben auch ein Recht dazu, denn sie haben dadurch Alles erreicht-) was sie nur beabsichtigten. Ja, noch mehr. Waren sie in der That mit den Heldentruppen des Kambyses eingewandert, so konnten sie unmöglich in Jerusalem gewesen sein, als Christus daselbst ans Kreuz geschlagen wurde. Dieser Alibibeweis war aber für sie sehr wichtig.' Es ist bekannt, was sie dadurch erreicht haben; sie sinh heute vollständig emanzipirt und der Landesbevölkerung gleichgestellt Auch haben sie sich der Protektion aller Reiseschriftsteller zu erfreuen. Es ist mehr als bequem, sie als Folie gegen die rabbinischen Juden zu benutzen, und in jedem Reisebuche können wir lesen, daß sie ordentlich, fleißig und ehrlich seien, während man über ihre rabbinischen Gegner in denselben Büchern oft ganz andere und ungerechte Urtheile zu lesen bekömmt. Wenn ein Beamter oder ein Reisender die Karäer befragt, ob sie Juden seien, dann antworten sie heroisch: Nein! So oft ich aber einen von ihnen, sei es einen Chacham oder einen Mann aus dem Volke, befragte, was sie eigentlich seien, antwortete sie genau mit demselben Brustton der Ueberzengung, den Heinrich v. Treitschke erfunden und so oft angewendet: Wir sind Juden! (Jehudim anaclmu.) Daß sie fleißig, ordentlich und ehrlich sind, wird ihnen wohl Niemand abstreiten, daß sie aber, obwohl sie seit, fast hundert Jahren emanzipirt sind, immer noch mit dem Kleinhandel sich befassen und daß selten einer von ihnen sich der LanpZ wirthschaft widmet, wird aber auch nicht bestritten werden können, ebensowenig die Thatsache, daß sie beschränkt, ungebildet, geistig zurückgeblieben sind. Das ist. ein hartes Urtheil, aber jeder objektiv, denkende Reisende wird es nach eigener Erfahrung bestätigen. Nur die Karäer. welche in großen Städten leben, haben etwas von der allgemeinen Kultur angenommen. In ihren Stammsitzen unterscheiden sie sich in dieser Beziehung sehr wenig von den Tataren. Auch in der Kleidung nicht. Nur daß ihre schwarze Mütze von Lammfell etwas niedriger und der Schnitt ihres Nockes etwas weniger kosakisch ist. Ihre Sprache ist ein tatarischer Dialekt. Nur wenige sprechen russisch selten einer deutsch. Einen Einzigen habe ich getroffen, der diese Sprache wenigstens verstand. Er war nicht wenig stolz darauf, daß viele Forscher behaupteten, die Karäer stammten gar nicht von den Juden, sondern von den Chazaren ab. . Ihr Aussehen ist allerdings kein jüdisches, aber auch kein russisches. Sie. sind meist klein, gedrungen und zur Korpulenz geneigt, Kopf und Gesicht sind auffallend rund, die Nase klein, Augen und Ohren groß. Ihre Gesichtsfarbe ist fast gcnia die der Tataren. Man erkennt den Karäer gleich auf den ersten Blick. Die Absonderung und Jsolirung, in welcher sie Jahrhunderte lang gelebt, prägt sich eben auch in ihrer äußeren Erscheinung unverkennbar aus. Ueber ihr religiöses Leben habe ich ebenfalls mancherlei erfahren. Dasselbe soll in neuerer Zeit einen gewissen Aufschwung genommen haben. Ja, sie gehen sogar mit der Absicht um, eine höhere Lehranstalt zu begründen, in welcher . ihre geistlichen Leiter und Lehrer herangebildet werden sollen. In Eupatoria, dem karäischen Rom, besteht schon seit längerer Zeit ein Bcth-Din, welches gewissermaßen den obersten Gerichtshof zur Entscheidung religiöser Fragen. uiiÄ Streitigkeiten bildet. Ihre Bethänser unterscheiden sich wesentlich von unseren Syna-' gogen. Sie. gleichen mehr den tatarischen Moscheen. Jedes Bethaus ist In zwei Hälften getheilt; die eine.Hälfte enthält Plätze und Bänke, für die Beter, in der anderen Hälfte befindet sich weiter nichts als ein Vorbeterpult und die heilige Lade. Diesen Raum darf aber Niemand mit Schuhen betreten. Sonst ist kein Schmuck.in ihren Bethäusern vorhanden. Der Gottesdienst ist ein sehr monotoner und dauert viel länger als bei uuS. Er besteht fast nur aus Responsorieu zwischen dem Chacham und der Gemeinde; sie bedienen sich dabei durchaus der portugiesischen Aussprache des Hebräischen; aber von unseren shnagogalen Melodien. haben sie keine Ahnung. Die Gebete des ganzen Jahres werden mit demselben Nigun vorgetragen, am Tischebeaw so gut wie am Purimfeste. Manche Beter, namentlich aus der älteren Generation, bekleiden sich in der Synagoge mit einem Arba - Kanfot über dein Gewände. Die Zizit sind so stark wie Bindfaden; eine derselben ist blau. Dagegen kennen sie keinen Talith. Am Vorabend des Sabbath und des Jom-Kippur zünden sie keine Lichter in ihren Wohnungen und Gotteshäusern au, und der Chacham muß die ganze, sehr umfangreiche Liturgie aus dem Gedächtniß rezitiren. Von besonderer Andacht während des Gottesdienstes habe ich wenig bemerkt; auch habe ich nicht gefunden, daß die. Karäer, obwohl sie auf ihre Frömmigkeit sehr stark pochen, sich besonders eifrig am Gottesdienst betheiligt hätten. Nur am Sabbath sind die Bethäuser stark besucht. An einem Wochentage habe ich in Odessa, wo sie doch eine stattliche Gemeinde bilden, beim Abendgottesdienst nur 5 Personen inklusive des Chachams .angetroffen. Gleichwohl sind sie, wie gesagt, sehr stolz auf ihre Glaubenstreue und nicht weniger auf ihre geschichtliche Vergangenheit. „Wir und die Tataren sind die Urbewohner dieser Halbinsel!" sagte mir ein karäischer Buchhändler sehr stolz angesichts der wundervollen Landschaftsszenerie, die sich vor unseren erstaunten Blicken aufthat, als wir uns dem. vielgepriesenen Jalta näherten. Meine Bewunderung hatte seinen Stolz geweckt, und der Muth in seiner karäischen Brust übte seine sprichwörtlich gewordene Spannkraft aus, indem er mir die historischen Fictoneu von Firkowitsch mit großem Pathos vortrug. Ich verfehlte nicht, meine Einwendungen zu erheben. Vergeblich. Da intervenirte mein glaubensgenössischer Zeitungshändler, indem er mir im Vorbeigehen sagte: „Mit die. Leit Wern Se nischt fertig werden!" Inzwischen waren wir in der Bucht 'von Jalta gelandet. Sprerhfaal. Geehrter Herr Redakteur! Sie, daß ich zu den Mittheilungen der Herren Karl Emil Franzos und Dr. Rülf über die Entstehungsgeschichte der beiden Novellen von A. Bernstein eine kleine Ergänzung gebe. Allerdings bezieht sich diese nur aus den zweiten Punkt der Mittheilung, daß die beiden Novellen eine sorgfältige Ueberarbeitung erfahren hätten. Thatsächlich soll Bernstein, wie ich aus authentischer Quelle weiß, seine Novellen „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor", in denen Personen und Verhältnisse der Gemeinde zu Fordon allzu grell gezeichnet waren, auf Veranlassung des berühmten Rabbiners^ Caro seligen Andenkens in Wloclawek, dem Bernstein die Manuskripte zur Begutachtung vorgelegt hatte, sorgfältig umgearbeitet haben. Ferner aber versichert mir mein Gewährsmann, daß Bernstein noch eine dritte Novelle „Der Parneß von Fordon" geschrieben hatte! Wo mag diese nur geblieben sein? Vielleicht weiß Jemand aus dem Freundeskreise Bernsteins diese Frage zu beantworten. Die zahlreichen Verehrer des Schriftstellers werden ihm sicher dafür Dank wissen. " A. C. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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