Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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einem tiefen Seufzer das kostbare Dokument in den innersten Schrein verschloß, „ist heute ganz anders. Mein Awromele ist auch nicht mehr, wie er sein soll, seit er aus Pest zurückgekonnnen ist. Ich habe erst neulich ihn in seinem Laden gesehen, wie er in einer Schale Seifenschaum schlug. Ich habe natürlich gleich gewußt, daß er sich mit dem Messer rasirt, und in der ersten Aufwallung wollte ich ihm meine Meinung sagen, aber dann dachte ick) mir: Der Nebbe, sein frommes Andenken sei gesegnet, hat gesagt, es steht geschrieben: „Es ist besser, man thut eine Sünde, wenn man nicht weiß, wie unrecht es ist." Folgen wird er mir ohnehin nicht, dachte ich mir, habe ich lieber geschwiegen." Reb Rephoel lächelte: „Wenn er weiter nichts anstellt, brauchst Du Dir Deine Jahre nicht zu verwünschen." - „Das ist leider nicht alles," sagte Mordche mit einem schweren Seufzer. „Wie ich neulich nach Kralitz gehe, koscheren Wein zu machen für Reb Lippman Bergel, wie ich alle Jahre thne, sagt mir der alte Buchmaier — Ihr kennt ihn doch, den alten Buchmaier Karl, dem das zweite Haus um die Ecke gehört, wo man auf die Brunner Straße geht?" Reb Rephoel nickte. „Der alte Bauer," fuhr Reb Mordche fort, „glaubt gar nichts. Ein Wunder ist es ja auch nicht bei „ihnen", wenn Einer Verstand hat, daß er sich das alles nicht einreden läßt. Kurz, sagt der Karl zu mir: „Wie lange wert's Ihr Juden Euch noch die Dummheiten einreden lassen? Die jungen Leut' sind schon gescheuter, die wissen schon, daß es einerlei ist, ob ich den Preßhebel heruuidrehe oder Du." Wie alt bist Du, Karl?" frag' ich ihn. Sagt er: „Viernndsiebzig war ich letzte Himmelfahrt." Sag ich: „Wer weiß, ob Du bis zu Dein' letzte Hiinmelfahrt das erleben wirst." Sagt er: „Werweiß?" Sag ich: „Wie heißt?" Sagt er: „Dein Abraham hat auf die letzte Kirchtag hier ganz ungeniert gegessen, getrunken und getanzt. Die Dirndl haben gesagt: „Der Jnd' kanns besser, wie alle unsere Burschen." „Hm, hm, seh' Dir an!" sagte Reb Rephoel im Tone schmerzlicher Ueberraschung, „das hätt' ich nicht geglaubt." „Ihr könnt Euch denken," fuhr Mordche fort, „wie mir zu Muth gewesen ist. Vor dem Karl habe ich gar nichts gesagt und bin zu meiner Arbeit gegangen. Wie ich aber nach Hause gekommen bin, hat mir Awrom angesehen, wie mir zu Gemüth ist. Er hat mich gefragt, ob mir etwas fehlt. Ich habe gesagt: „Nein." So ist das gegangen bis Freitag zu Nacht. Ich Hab Kiddusch gemacht und geherrscht und noch immer nichts mit ihm geredt. Ihm hat es aber keine Ruh gegeben, denn ein gutes Kind ist er doch, er soll mir zu langen Jahren da sein. Sagt er: „Vaterleben, warum red'st Du rricht mit mir die ganze Woch'. Ist Dir cholrleh' etwas oder Hab' ich Dir etwas gethan?" (Fortsetzung folgt.) Uon -er Uerse. rs vl (9jJV/fetn nächstes Reiseziel war Sewastopol, der berühmte Kriegshafen, über den jetzt wieder in den Zeitungen so viel geschrieben wird. Auch dort leben Karäer und einige wenige rabbinische Juden. Früher waren die Letzteren sogar stark in Sewastopol Vertreten, und sie waren auch die zuverlässigsten Führer durch die Stadt und Umgegend. Heute begegnet man nur noch selten einem Juden in den gutgepflasterten Straßen der seit dem Krimkriege wieder neu erbauten Stadt. Aber eine Synagoge befindet sich dort noch und ebenso ein jüdischer Friedhof, auf dem die Gräber der im Krimkriege gefallenen jüdischen Soldaten zu sehen sind. Es ist bekannt, daß sich die Juden auch bei der Vertheidigung von Sewastopol durch Tapferkeit ausgezeichnet haben. Ja, erst in diesen Tagen hat, wie ich russischen Zeitungen entnehme, eine ältere jüdische Frau sich an die Negierung mit der Bitte gewandt, ihr die Pension von 5 Rubeln monatlich zu gewähren, die der junge Zar allen noch lebenden Invaliden, die an der Vertheidigung von Sewastopol Antheil genommen, ausgcsetzt hat, da sie authentische Zeugniffe darüber besitze, daß sie mit ihrem Manne zugleich damals Kriegsdienste geleistet habe. Nachdem ich mir die Merkwürdigkeiten von Sewastopol angesehen und auch das alte Chersones ausgesucht hatte, wo einst die Griechen eine große Kolonie begründeten, und von wo aus einst Iphigenie „das Land der Griechen mit der Seele suchte", bestieg ich den Dampfer, um nach Jalta zu fahren. Die Reise dauert nur vier Stunden, und wenn das schwarze Meer, das die Griechen einst das „ungastliche" nannten, sich freundlich und gastlich erweist, so kann man sich kaum eine entzückendere Seefahrt denken. Alis dem Schiffe war außer mir nur noch ein Jude, dagegen aber viele Karäer. Mein verehrter Glaubensgenosse war eine liiterarische Großmacht auf diesem Dampfer und mit allen Passagieren wohl vertraut. Er war nämlich der Zeitungshändler, der, wie er mir selbst erzählte, während des ganzen Sommers beständig auf der Reise zwischen Odessa und Batum (einet Tour von mehr als 90 Stunden) sich befindet, um Zeitungen und Bücher an die sich langweilenden Passagiere zu verkaufen. Er war ein rechtes Original, und von ihm habe ich Vieles über Inden und Karäer gehört. Allerdings war es nicht ganz leicht, ihn zu interviewen, da er Anfangs etwas mißtrauisch und zugeknöpft war und während der ganzen Unterhaltung nie eine direkte Antwort gab, sondern immer nur in der bekannten Manier mit Fragen antwortete. Schon auf die erste Interpellation, ob auf dem Schiffe auch Karäer sich befänden, antwortete er mit der Gegenfrage: „Warum sollen keine sein?" Auch war er nicht ganz uneigennützig, wie ich später erzählen werde. Gleichviel verdanke ich ihm viele interessante, Zinn Theil sogar werthvolle Mittheilnngen, und was mir das Wichtigste war, die Bekanntschaft mit einigen Karüern, die, weniger mißtrauisch als ihre Glaubettsgeuosseu, mir von dem Leben und Treiben ihrer Sekte mancherlei erzählten. Die Zahl der Karäer in der Krim beläuft sich auf etwa 0000, außerdem fofleii noch ca. 2000 in Odessa, Konstantinopel, Salonichi, in Polen und Galizien leben. Der Kern der Sekte befindet sich also in der Krim und zwar schon seit mindestens 700 Jahren. Die erste historisch verbürgte Nachricht über die Anwesenheit eines Karäers in der Krim datirt aus dem Jahre 1279, wie uuser sel. Fraukl, dessen ich auf dieser Reise oft gedenken mußte, uachgewiescu hat. Dem gegenüber nehmen sich die Fansaronaden der durch beit verstorbenen Firkowitsch irre geleiteten Karäer sehr komisch aus. Durch seine Korrektur von Grabsteinen, durch seine Fälschungen von Epigraphen hat er den Nachweis zu führen gesucht, daß die karäische Sekte die älteste, und daß folglich die Karäer als das eigentlich alte Volk Israel zu betrachten seien, daß besonders Karäer in der Krim vor mehr als 2000 Jahren als Sieger gegen die Skythen, in Gemeinschaft mit den Medern, welche die Vorfahren der Tataren gewesen sein sollen, eingewandert wären, daß sie endlich unter ihren Ahnen sehr berühmte und gelehrte Männer aufzuweisen hätten. Zu diesem Zwecke erfand er einen Prinzen Gedaljah aus Davivischem Hanse und eine Schaar von Priestern und Leviten, die diese nach der Krim begleitet hatten, ferner aus späterer Zeit einen Mose, der der Erfinder der Punktation und der Accente gewesen sei, einen Chazaren-Fürsten, der mit ihnen sympathisirt haben soll, rabbinische Autoritäten, welche zum Karäismus übergetreten, und dergleichen