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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-02 · Heft 40 (2.10.1896) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 40 (2.10.1896)
Date
1896-10-02
Page
Seite 478 (sequence 10)
Language
German
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478 Die Kraft meines Mannesalters habe ich diesem Glauben gewidmet. Und Paul, dem er der Inhalt und das Wesen aller lieblichen Gefühle und Triebe ist? Trotzdem weiß ich, daß er blind ist oder die Dinge mit jener seltsamen Verkehrtheit sieht, deren ihn, wie ich gehört habe, die Juden — meine Brüder — anklagen. Er glaubt das, was ihm gelehrt worden ist. Und wer lehrte es ihn? Bozhe — moi, war ich es nicht, der ihn in diesem Glauben erzog, den ich, wie er sich einbilvet, theile. Gott! Ist das meine Strafe, daß er dem Glauben treu ist, der ihm durch einen Vater gelehrt wurde, der seinem eigenen untreu wurde? Und doch giebt es Entschuldigungen genug für mich, du weißt es! Warum erschienen mir diese Formen und Cermonien, welche jetzt durch einen Nebel von Thränen mich so schön bünfen, als häßliche Ketten in meiner freien Kindheit? War es meines Vaters oder meine eigene Schuld, daß die stereotype Uebung des Tages, daß das Heransziehen aus dem Bett in grauer Morgenstunde, um zur Synagoge zu gehen oder den monotonen Singsang der lästigen Kasuistik der Rabbiner anzuhören, daß die. endlosen Gebote und Verbote mich die Religion als die Hassenswertheste Tyrannin derabscheuen ließen d Durch die Wolke don vierzig Jahren kann ich nur schwach des heftigen Wiederwillens, den jüdische Dinge mir einflößten, mich entsinnen, wie es mich empörte, daß ich einer von der verachteten Rasse sei, daß mir jenes Spott- und Hohnwort, „2siä" (Jude) galt, daß ich ohne jede Sympathie für mein Volk seine Lasten und feine Schmach theilen sollte. So verbittert meine Seele heute auch ist, so kann ich doch diesen verhängnißvollen Fehler der unwissenden und ehrgeizigen Jugend verstehen und halb entschuldigen. (Forts, folgt.) Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) s dauerte aber eine geraume Weile, ehe Reb Rephoel sich zu einer Antwort aufgerafft hatte. Erst als Gutrud, die alte Magd, die ein Erbstück des Hauses war, in dem sie jetzt wie eine Herrin schaltete, mit derselben Neuigkeit hereinstürmte, die sie eben von Anschel gehört hatte, der als Markthelfer in Grottau gewesen war, löste sich Reb Rephoels Zunge. „Mein Maxl," sagte er, „ist immer ein gutes Kind geloesen. Ich kann von ihm sagen, wie bei König David geschrieben steht: „Sein Vater hat ihm kein hartes Wort gegeben, indem er gesagt hätte: Warum hast Du das gethan?" Ich wollte ihm geben, was er braucht, wenn er in Wien im Spital bleibt, aber er wollte nicht, er wollte sich sein Geld selber verdienen. Was habe ich heute davon, wenn ich weiß, daß er das ganze Jahr unter Gojim lebt und kein koscherer Bissen in seinen Mund kommt. An meiner Rachels Jahrzeit, der Friede sei mit ihr," fuhr er nach einer Pause mit einem Seufzer fort, „hat er nicht einmal können Kaddisch sagen — die Jahrzeit ist am fünften Tebeth —, weil der Schnee so hoch war, daß man nicht vom Gebirge herunterfahren konnte. Ist das nicht eine Sechije?) daß ich weiß, wenn ick im Winter sterbe, mein einziger Sohn um mich nicht wird Kaddisch sagen?" „So müßt Ihr nicht reden," fiel Gutrud' ein, „Maxl ist eine fromme Seele. Wie er vier Jahre alt war, wenn ich ihm sein Frühstück geben wollte, damit ich das milchige Geschirr abwaschen konnte, wenn er einmal spät aufgestauden ist, er hätte nichts angerührt, wenn er nicht vorher Ziziß gebenscht hätte." „Das ist schon heute vierundzwanzig Jahre her, meine liebe Du," sagte Reb Rephoel mit bedeutsamem Lächeln. „Ich kann Euch aber sagen," bemerkte Mordche, „daß mir mein Machel erzählt hat — von meiner Vögele der Mann, seine Schwester ist in Grottau verheirathet —, und ihr Mann hat ihm erzählt, daß der Doktor hat am Jom-Kippur Maftir geleimt,') ein Row kann es nicht besser. Und einen ganzen Tag ist er in Schul geblieben, und nach Schul, obwohl sich jeder Balboß eine Ehre daraus gemacht hätte, ihn bei Tische zu haben, hat er nur eine Tasse Kaffee getrunken und ist sortgefahren, weil er noch Kranke zu besuchen hatte; er hat aber doch erst Hawdole^) gemacht." „Nu, daß soll er auch schon nicht thun," sagte Reb Rephoel, „aber wenn ich mir denke, daß er nach meinem Vater heißt, im Gan-Eden ruht er, und man hätte meinem Vater gesagt, daß sein Enkel wird ein ganzes Jahr nicht wissen, daß Schabbes ist, er hätte geschworen, er will nicht, daß er seinen Namen tragen soll." Reb Rephoel stand auf imb nahm nach einigem Suchen einen in Leder gebundenen Folioband aus seinem Bücherschränke. „Siehst Du, Mordche," sagte er, „dieses Buch hat ein Doktor geschrieben, der vor hundert Jahren in Italien gelebt hat, Rabbi Jizchack Lampronti hat er geheißen. Mein Rebbe ist gewiß ein großer Mann gewesen, und der Rebbe Reb Mordche Benetz) war eine „Leuchte der Welt", aber der Mann, der dieses Sefer geschrieben hat, konnte sie alle Beide in die Westentasche stecken. So ein Doktor, dachte ich, sollte mein Maxl werden. Was habe ich davon, wenn ihm die Gräfin Aldringen eine Cigarrentasche schenkt oder der Kceishauptmann ihm ein Anerkennungsschreiben schickt? Das alles ist vor Gott nur „Eitelkeit der Eitelkeiten", aber da habe ich" — Reb Rephoel wies auf einen altmodischen Schreibtisch — „einen Brief, den ich bekommen habe von meinem Großvater, der hatte ihn von seinem Urgroßvater, der war ein Enkel vom „Schach",* * 4) worin der „Schach" ihm zn seiner Barmizwa Glück wünscht. Das gilt bei mir mehr als so eine Schrift vom Kreishauptmann." Reb Rephoel öffnete den Schreibtisch, zog ein Fach heraus, in dem zwei andere steckten, und in dem letzten war eine uralte Brieftasche, aus welcher er ein vergilbtes, morsches Papier nahm, das er vor den ehrfurchtsvollen Blicken Mordches entfaltete. „Siehst Du, da steht es: „Meinem lieben Enkel Mordachai, meiner Augenweide, dem Sohne meines lieben Schalom, Fülle des Friedens," und nuten: „Das sind die Worte deines Großvaters, dessen Seele an deiner Seele hängt, des unwürdigen Sabbatai Kohen." Der Schach hat nämlich einen Sohn hierher verheirathet mit der Tochter eines reichen und frommen Mannes, der Reb Rephoel hieß. Nach diesem heiße ich, und nach dem Enkel heißt mein Maxl. Nu, was meinst, wird er sich daraus machen, daß er der achte Nachkomme vom „Schach" ist? Soll er das dem Bergrath oder dem Obersteiger erzählen. Was werden sie sagen? „Das ist ein alter Jud gewesen?" Mordche hatte mit einer Andacht das vergilbte Papier betrachtet, als wäre es das Tagebuch des Propheten Eliah, denn trotz seiner Unkenntniß der jüdischen Litteratur wußte er von Sabbathai Kohen, daß viele Leute in ihrer Noth sein Grab aufsnchten und Erhörung fanden. „Die junge Welt," sagte er, während Reb Rephoel mit >) Den Prophetenabschnitt vorgelesen. 2) Segen beim Ausgang des Festes. *) Markus Benedikt, Oberlandesrabbiner von Mähren. 4) Sabbathai Kohen, Verfasser eines berühmten Nitualwerkes, gestorben 1663. a) Ein hohes Glück.

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