Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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t—— 1—II“-— —■ ■ H .1--r! L 1 FEUILLETON 9 J HIRfRUiuRKlISSS HH ----- li—-7F=^ Das Tagebuch eines Abtrünnigen. Von I. Zangwill. Autorifirte Uebersetzung von Frau Dr. I. Wedell. fchemnovask^), — Samstag. (Mitternacht.) — So, die ersten Worte wären geschrieben. Zum ersten Mal in meinem Leben beginne ich ein Tagebuch. Wird es mir den Trost bringen, den es, wie ich gehört habe, gewähren soll? Werden diese jetzt so kalten, unbeschriebenen Blätter mir mehr und mehr wohl bekannt werden, bis ich mich an sie wende, tvie an einen mir sympathischen Freund, bis dieses kleine Buch mir der geliebte und vertraute Genosse wird, nach dem meine Seele lechzt? Statt eines schwarzen oder weißen Priesters soll dieser Bericht, schwarz aus weiß, mein Beichtvater werden. Unser Dorspope, dem ich so oft alles, außer der Wahrheit, gebeichtet habe, würde entsetzt sein, wenn er mit diesem seinem neuerstandenen Bruder schwatzen durfte. Welch' einen Haufen Rubel würde es kosten, um ihn zu beruhigen! Ach Gott! Gott Israels! wie ist es möglich, daß ein Mensch, der die zartesten, menschlichen Bande kennen gelernt hat, so sreundlos, so verlassen im Alter ist, daß er nicht einmal in der Erinnerung einer mitfühlenden Seele gedenken kann? Wahrlich, der alte Fluch, die Strafe für den Abfall trifft doch ein, jener alte Fluch, der mir gestern nach vierzig Jahren der Vergessenheit Herz und Gemüth mit schauernder Ehrfurcht erfüllte, der mich treibt, mit dir, du kleines B..ch, ja mit meinem frilheren Selbst in Verbindung zu treten. „Und seine Seele soll ausgetilgt werden aus seinem Volke!" Oh, und von allen anderen auch! So manches Jahr, so manchen Tag war' Caterina meine ständige Begleiterin, ich liebte sie wie meine eigene Seele. Und doch war sie die Sonne, die meine Augen so blendete, daß ich nicht in meine eigene Seele blicken konnte, war sie der Schleier zwischen mir und meiner tobten Jugend. Die Sonne ist für immer vom Horizont geschwunden, der Schleier ist zerriffen. Kein Phantom aus der anderen Welt schwebt hernieder, nm mich an unsere Glückseligkeit zu erinnern. Diese Jahre mit all ihren Freuden und Erfolgen erscheinen mir lute eine öde Wüste. Die Jahre der Kindheit und Jugend werden wieder lebendig in meiner Erinnerung, ihre Farben sind frisch, ihr Ton ist hell. Wie kommt das? Macht das Caterinas Tod, macht es das Alter? Ist es die Rückkehr in diese ländlichen Verhältnisse, nachdem ich mein halbes Leben lang in Städten zugebracht habe? Ist es der Anblick der Jzbas/) ihrer trägen, in Schaffelle gekleideten Einwohner, und der großen Kohlgärten, welcher die zu Asche gewordene Vergangenheit wieder zu flammendem Feuer anfacht. Und es giebt doch außer unserem Wutki-Verkaufer keinen einzigen Juden im Dorfe! Wie es auch sei, Katharinas Gesicht erscheint mir im Vergleich zu dem meiner Mutter gespensterhaft verschwommen .und phantastisch. Und Mutter starb vor vierzig Jahren, und auf meines Weibes Grab wächst das Gras seit zwei kurzen Jahren. Und Paul? Erlebt, er küßte mich noch! vor wenigen Augenblicken. Und doch erscheint auch sein l) Kleine Stadt in Rußland. 2) Bauernhütten. Antlitz mir wie in nebelhafter Ferne. Die Farbe des Lebens ist auf dem Antlitz meines Vaters, meines armen, unwissenden, beschränkten, warmherzigen Vaters, besten Herz ich gebrochen. Glücklicherweise lastet die Erinnerung an sein erlöschendes Auge nicht auf meiner Seele; ich kann ihn mir vielmehr vorstellen, wie er in jenen elenden, glücklichen Tagen aussah. Warm fühlen meine Lippen den Kuß meines Vaters, der meines Sohnes läßt sie kalt. Armer St. Paul, Du lebst hier mit deinen Idealen und Theorien wie eine Taube im Käfig. Und doch! Golubtschik! (mein Täubchen!) ich liebe Dich. Dich, meinen schönen, begabten Knaben, der den Kampf des Lebens so muthig und tapfer ausficht. Ach, es ist schwer,, zu kämpfen, wenn man durch das Gewissen gehemmt wird! Ist es Deine Schuld, daß der kalte, eiserne Riegel eines Geheimnisses zwischen unseren Seelen liegt; daß ein Riegel, den meine eigenen Hände geschmiedet und den zu brechen ich weder den' Muth noch die Kraft habe, Dich von meinem innersten Herzen fernhält und uns einander entfremdet? Du bist der beste der Söhne und liebst mich treu! Aber wenn Deine Augen klar sähen und Du in meine häßliche, haßerfüllte Seele blicken könntest! Deine Liebe, Deine verehrende Liebe ist das Einzige und Köstlichste, was mir auf Erden geblieben ist. Wenn ich sie verliere, wenn ich von dem Glück menschlicher Zuneigung auch ausgeschlossen sein sollte, damt möge sich über meinen Körper das Grab schließen, wie über meine Seele. Und doch! Würde ich den Muth zum Sterben haben? Ja! Denn dann würde es Paul erfahren, Paul würde meinen letzten Willen erfüllen und mich inmitten meines Volkes begraben lassen. Paul würde Leidtragende miethen (o.Gott! gemiethete Leidtragende, für mich, der ich einen Sohn habe!), die mir Kaddisch nachsagen. Paul würde seine Pflicht thun, wenn auch sein Herz brechen würde. Schreckliche, böse Worte! Das Herz meines einzigen Sohnes brechen, wie ich das Herz meines Vaters gebrochen habe. Die Heiligen, voi — ich meine — Gott behüte. Ach, es ist eine seltsame Welt! Ist die Religion denn ein Fluch, der iminer wieder und wieder den Menschen vom Menschen trennt? Rein, ich will solch gotteslästerliche Ideen nicht denken. Mein armer, braver Paul! Morgen wird es ein harter Tag. Sonntag Nacht. — Ich habe eben das zuletzt Eingetragene überlesen. Wie kalt, wie zahm erscheinen mir die Worte im Vergleich zu dem Sturm, der mich durchtobt! Uud doch erleichtert es inich, sie geäußert und meinem Schmerz und meiner Pein ein Ventil geöffnet zu haben. Schon wird mir mein Gekritzel heilig, schon wird mein Studirzimmer, in welchem ich dies schreibe, ein Heiligthum, nach welchem meine Seele sich sehnt. Den ganzen Tag über lag mir mein Tagebuch im Sinne. Der Aufruhr in meinem Innern besänftigte sich, wenn ich daran dachte, daß ich hierher kommen uub mit Ruhe überlegen könne; mit jener Ruhe, die das Schreiben erfordert und dadurch zu einem so sicheren Beruhigungsmittel macht. Zuerst laß mich gestehen, daß ich froh bin, daß Paul am Dienstag nach Petersburg zurückkehrt. Wohl ist es mir eine Freude, ihn einige Tage hier zu haben, und doch, ach, wie fürchte ich, seinem klaren Blick zu begegnen! Wie verabscheute ich mich heute, als ich die geistlichen Gebete mitsagte, mich bekreuzte unddie Knie beugte in unserer kleinen Kirche. Und doch —, was habe ich mit diesem kindischen Glauben zu thun? Ich, dessen Raffe die große Lehre der Einheit Gottes einer in Laster und Aberglauben versunkenen Welt gepredigt, dessen kindliche Lippen gelehrt wurden, das „Schma“ zu bekennen, so bald sie die Buchstaben aussprechen konnten, der weiß, daß jedes andere Bekenntniß eine große Täuschung ist!