Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- Seite 476 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus meinen Fedens-Grinnerungen. Von Max Ring. III. inmal gerieth ich mit nuferem Mathematiklehrer, der mich, so zu sagen, auf dem Strich hatte und mich vor der ganzen Klaffe öffentlich einen elenden Buben schimpfte, in' einen heftigen Konflikt, da ich mir eine Beleidigung nicht gefallen lassen wollte und in meinem gekränkten Ehrgefühl mich so sehr vergaßdaß ich oder er das Gymnasium verlassen mußte. Natürlich ging ich, und zwar nach Oppeln, wo ein Bruder meiner verstorbenen Mutter mich freundlich bei sich aufnahm und mir mit seiner hochgeachteten Familie eine feste Stütze in der fremden Stadt böt. Obgleich mein Abgangszeugniß nicht zum Besten lautete, gelang es mir schon nach kurzer Zeit, die Zufriedenheit uub die Liebe meiner dortigen Lehrer zu erwerben, in dem ich mich bemühte, durch Fleiß und gutes Verhalten ihr anfängliches Vorurtheil zu zerstreuen und ihnen von mir eine bessere Meinung beizubringen. Auch unter meinen Mitschülern fand ich bald einige Freunde, welche meine poetischen Neigungen theilten und mit denen ich unter dem Schutz eines trefflichen originellen Oberlehrers einen litterarischen Klub bildete. Dabei vernachlässigte ich meine Studien so wenig, daß ich schon nach zwei Jahren zur großen Freude meines guten Vaters das schwierige Abiturienten-Examen nicht nur mit Ehren, sondern sogar mit Auszeichnung bestand und Student wurde. Nach meiner Meinung giebt es auf der Welt fein glücklicheres Wesen, als einen sogenannten „Maulesel", mit welchem Namen man in der Studentensprache einen hoffnungsvollen Jüngling zu bezeichnen pflegt,.der; soeben sein Abiturienten-Examen glücklich überstanden hat, weil derselbe, wie der Maulesel zwischen Pferd und Esel, zwischen Gymnasiasten und Studenten steht. Das Glück eines solchen Maulesels läßt sich nicht mit Worten beschreiben, sondern nur mit den Gefühlen eines langjährigen Gefangenen vergleichen, dem sich plötzlich die Pforten seines Kerkers erschließen. Hinter ihm liegt, die Schule mit ihrem verhaßten Zwang und vor ihm die Freiheit der schönen Burschenwelt. Kein lateinisches Exerzitium, kein deutscher Aussatz, kein griechisches Extemporale, keine mathematische Aufgabe, weder Homer noch Sophokles, weder Horaz nochTacitus machen ihm ferner große Sorgen. Mit der ganzen Seligkeit eines solchen Maulesels verließ ich das Gymnasium zu Oppeln, um in Breslau Medizin zu studiren, vor allem aber die akademische Freiheit zu genießen und das Burschenleben von Grund aus kennen zu lernen. Unter meinen dortigen Studienfreunden war der frühere Senior der Lusaten Albert B r e u n e r s d o r f. einer der interessantesten und begabtesten Menschen, der nicht nur in der Studentenwelt, sondern auch in weiteren Kreisen eine große Beliebtheit und Popularität genoß. Eine zierlich elastische, aber kräftige Gestalt, mit feinen, geistvollen Zügen, dunkelfeurigen Augen, frischem, sinnlichem Mund, von einem koketten schwarzen Bärtchen beschattet, bald spöttisch, bald freundlich lächelnd, vereinte Breunersdorf einen scharfen, zersetzenden Verstand, sprühenden Witz und sprudelnden Humor mit einer angeborenen Liebenswürdigkeit und einer fast an Schwäche grenzenden Gutmütigkeit. Ein vortrefflicher Schläger, ein ausgezeichneter Redner, ein talentvoller Dichter, hochgebildet, von der Natur körperlich und geistig bevorzugt, mangelte ihm nur die nöthige Willenskraft und der sittliche Ernst, um Großes zu.leisten. -Das größte Aufsehen erregte Breunersdorf durch seine satirischen Gedichte, die zwar nicht im Druck erschienen, aber in hundert Abschriften in der ganzen Stadt herumwanderten. Sein Pasquill auf eine Ballgesellschaft, seine reizenden Verse auf einen unliebsamen. Vorfall itt: der von Mosevius geleiteten Singakademie waren komische Meisterwerke, eines großen Humoristen würdig. Leider verschwendete der Verfasser, sein glänzendes Talent an derartige Kleinigkeiten. die nur ein lokales Interesse hatten. Unter anderen Verhältnissen und in einer anderen Umgebung wäre er einer der originellsten und bedeutendsten Humoristen der neueren Zeit geworden. Er zog es jedoch vor, seinen Geist in der Kneipe leuchten ' zu lassen. In dem baierischen Bierkeller von Kißling war Brennersdorf lange Jahre der Mittelpunkt einer lustigen Tafelrunde, der sogenannten „Tempelritter", deren Großmeister er wurde. Noch' heute erinnern sich die Mitglieder dieser auserwählten Gesellschaft, zu der viele berühmt gewordene Männer gehörten, mit wehmüthigem Lächeln der genußreichen Stunden, die heiteren Scherze lind übermüthigen Streiche, die meist von Breunersdorf ausgingen. Trotz aller Zerstreuungen bestand der fröhliche Referendar sein Assessor-Examen mit Glanz. Nachdem er einige Zeit in dieser Eigenschaft am Breslauer Stadtgericht gearbeitet hatte, verließ er den Staatsdienst, um unter den vortheilhaftesten Bedingungen als Generalsekretär und juristischer Beistand in die Verwaltung der Oberschlesischen Eisenbahn einzutreten. Bald darauf verheirathete er sich mit einer der schönsten Frauen; leider aber war diese Ehe, wie seine Freunde voraussahen, keine glückliche und für ihn eine Quelle schwerer Leiden und bitterer Enttäuschungen. Unbefriedigt t>on seinen häuslichen Verhältnissen, stürzte sich Breunersdorf mit der ihm eigenen Leidenschaft in die revolutionäre Bewegung des Jahres 1848. Er wurde Vorsitzender des demokratischen Vereins, Deputirter bei dem Bürgerwehr-Kongreß in Berlin und einer der einflußreichsten Führer und Redner seiner Partei. Mitten in der höchsten politischen Aufregung erheiterte er durch seinen Witz den Ernst der Situation. Ein damals von ihm herausgegebenes „Extrablatt der Kreuzzeitung", worin er im Stil dieser Zeitung eine fingirte Revolution in Breslau beschrieb, war das Muster einer gelungenen Mystifikation wie der geistreichsten Satyre auf das Treiben der Reaktion, werth, der Vergessenheit entrissen zu werden. Nach der Unterdrückung des Breslauer Alifstandes im Mai 1849 zog er sich vom politischen Schauplatz zurück, um sich ausschließlich seiner amtlichen Thätigkeit zu widmen. Obgleich er von allen Verfolgungen der siegreichen Partei wegen seiner allgemeinen Beliebtheit verschont blieb, litt er schmerzlich unter den nachfolgenden traurigen Verhältnissen. Seine besten Freunde saßen gefangen, zu langjähriger Kerkerhaft verurtheilt; andere hatten in schmählichster Weise ihre Gesinnungen verleugnet und die Freiheit verrathen; der alte Kreis war zersprengt und zerrissen; er selbst fühlte sich einsam und verlassen. Dazu kamen noch die häuslichen Zerwürfnisse, die nothwendige Scheidung von seiner Frau. Diese mehr oder minder in sein Leben eingreifenden Ereignisse erschütterten seine sonst so feste Gesundheit und entwickelten den bisher verborgenen Keim eines unheilbaren Brustleidens, dem er nach einigen Monaten im kräftigen Mannesalter erlag. Selbst auf dem traurigen Krankenlager zeigte er noch seinen unverwüstlicheil Humor. Kurz vor seinem Tode hielt sich der ihn behandelnde. Hausarzt für verpflichtet, den Patienten auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen und die Zuziehung des bekannten, mit Brennersdorf befreundeten Doktor Nega vorzuschlagen. Mit seinem gewöhnlichen satirischen Lächeln sagte der Sterbende: „Meinetwegen, wenn Du allein mit mir nicht fertig werden kannst. Du lassest den Freund mir als Bürgen — Er wird mich statt Deiner erwürgen." -ir