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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-02 · Heft 40 (2.10.1896) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 40 (2.10.1896)
Date
1896-10-02
Page
Seite 475 (sequence 7)
Language
German
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475 mit 150 Mark bewerthet ist, eine Summe, die selbst im Hinblick auf die ungeheueren Preise, die jetzt für gut erhaltene und innerlich bebeutfame Autographen gezahlt werden, recht anständig genannt werden muß. Der augezeigte (übrigens gedruckte, vergl. Werke, Leipzig 1844, Bd. V., S. 614) Brief Mendelssohns an M. Herz vom 18. November 1783 beschreibt einen sinnreichen Einfall für eine auf Kant zu prägende Denkmünze. Man muß mit Mendelssohn vermuthen, daß Kant die Darstellung: Der schiefe Thurm von Pisa und die Umschrift: „Drohet, aber fallet nicht", als eine gegen feilt Hauptwerk gerichtete Satire aufgefaßt haben würde. Ein anderer Brief, der wohl ungedruckt sein dürfte, wird die Leser dieses Blattes mehr interessiren und ist gerade für unsere Zeit besonders der Erneuerung werth. Ehr. A. Clodius, ein Leipziger- Dichter und Professor, der an den Gedichten des jrnigen Goethe, des damaligen Leipziger Studenten, viel zu tadeln fand, für seine eigenen Dichtungen aber von dem Getadelten stark parodirt wurde, schrieb an Mendelssohn (18. Januar 1772): „Sie sind ein Deutscher im eigentlichsten Verstände, ein rechtschaffener Mann und ein Freund seines Vaterlandes, Ihre Schriften und Ihr Charakter gewann Ihnen die Achtung der Ausländer; schreiben Sie es auf die Rechnung dieser Umstände, daß ich Ihnen zwei junge, verdiente Männer aus Paris empfehle." Bezeugt dieser Brief die Achtung, in der Mendelssohn, der Schriftsteller, bei seinen Genossen stand, beweist er, wie ein Mann, der, wie jener Leipziger Professor, keineswegs sonderlich aufklärerisch gesinnt war, unserem Glaubensgenossen das Prädikat eines „Deutschen", das uns heute so oft vorenthalten wird, gern zu ertheilen bereit war, so ist ein anderer Brief für die humane, aufgeklärte Stimmung der Fridericianischen Zeit besonders wichtig. Ueber Lessings Nathan nämlich, der eben erschienen war, schreibt der Theologe Chr. Fr. Neander an einen Unbekannten (28. September 1779) Folgendes: „Lessings Nathan ist und bleibt indeß, trotz allerverwahrloster Köpfe, die sich daran ärgern, ein Heller Spiegel unverkünstelter Menschlichkeit und selbst echter, religiöser Jn einem Wiener, den Jahren 1769 bis 1780 angehörenden und einige in dem dortigen k. k. Theater aufgeführte Lustspiele enthaltenden Mischbande befindet sich auch eins mit dem Titel: „Der redliche Bauer und großmüthige Jud oder der glückliche Jahrtag." Wien 17741) Sein Inhalt ist kurz folgender: Bauer Michel hat in einem Hohlweg ein Felleisen gefunden, beim Pfarrer deponirt und erst, nachdem ein Aufruf zur Auffindung des Verlierers ein halbes Jahr hindurch in allen Nachbarkirchen erfolglos gewesen, das in dem Felleisen befindliche Geld erhalten. Er hat sich dafür ein Landgut gekauft, es durch Fleiß und Glück sehr in die Höhe gebracht, betrachtet sich aber nur als Pächter, nicht als Besitzer des Gutes und ist durchaus bereit, cs dem Verlierer des Geldes zurückzngeben. Dieser kommt nun gerade am siebenten Jahrestage des glücklichen Tages in dieselbe Gegend, verunglückt in der Nähe des Bauerngutes mit seinem Wagen und wird von dem Bauern freundlich ausgenommen, erhält sein Gut zurück, schenkt es aber der Tochter des Bauern. Denn sein Kommis Pruckner, der von ihm zum Erben eingesetzt ist, begehrte vor neun Jahren, damals ein Bauernjunge, schon die Hand des freilich erst 13 jährigen Mädchens, wurde aber damals wegen seiner Armuth abgewiesen; der Zweck des nun zum Buchhalter Vorgerückten, der in Bei) Das Lustspiel ist, wie aus Goedecke. Grundriß IV, 71, V, 315 zu ersehen, von einem wenig bekannten Dichter, Joseph von Pauersbach, der in den Jahren 1772 bis 1783 thätig war, und soll seinen Stoff dem Englischen entnommen haben. gleitung seines jüdischen Brodherrn und Freundes reist, war das Aufsuchen des Mädchens, nicht etwa das Zurückfordern des verlorenen Gutes. Natürlich wird das Liebespaar vereinigt. Nicht diese Liebesgeschichte interessirt uns, die übrigens mit seltsamen Zwischenspielen verbrämt ist: kein Mensch, nicht einmal das Mädchen, erkennt den Bewerber wieder, der doch lange Jahre im Hause gelebt hatte und, da er in mannbarem Alter aus demselben geschieden war, sich in Sprache und Aussehen nicht sonderlich verändert haben konnte. Auch komische Züge, konventionell, aber nicht schlecht durchgeführt, sind nicht die Hauptsache: die Schilderung eines Bauernknechts, der, faul und tölpisch, namentlich wo es gilt, einem Juden zu helfen, durch Trinkgelder schnell gefügig gemacht wird, eines Knechts, der dann den Gerichtsdiener zu spielen hat und mit Mühe seine schwatzhafte Natur unterdrückt, oder eines Schmieds und Wagners, die zusannnen mit dem Dorfrichter ein Geschworenengericht bilden, um den wahren Eigenthümer zu ermitteln und die ordnungsmäßige Uebergabe des Gutes vorzunehmen, wobei sich eine ganz lustige Verspottung des juristischen Formelkrams findet. Mehr interessirt schon die Darstellung des obligaten Bösewichts, des Amtsschreibers, der seine Nase in alles steckt, Keinen! etwas Gutes gönnt, vielmehr Alle zu verhetzen sucht, eines echten Formelmenschen, der mit keinem Beweise, den der Jude Moses vorbringt, um sich als wirklichen Eigenthümer des Felleisens zu legitimiren, sich zufrieden giebt und dann doch der Erste ist, der seine Hand nach dessen Geschenke und nach der schönen Liesel obendrein ausstreckt; er interessirt uns, weil er der Typus derjenigen Beamten ist, die einem Juden nichts Ordentliches zuzutrauen vermögen. Diesem gegenüber nun — und das ist die Hauptsache — steht die gerechte, tolerante Mehrheit. Für sie, Richter und Geschworene, ist es gleichgiltig, weß Glaubens die Partei ist; sie. wollen der gerechten Sache zum Siege verhelfen. Weiter gehen Bauer und Bäuerin: sie haben es nicht mit der Sache, sondern mit den Menschen zu thun, sie lieben den Juden, nicht etwa den Wohlthäter, sondern den Verunglückten, weil er ein Mensch ist. Als Peterl, der Sohn der Bäuerin, dieser erzählt, der Schulmeister werfe den Juden vor, daß sie die Christen betrügen, Brunnen vergifteten, Kinder schlachteten und fordern die Kinder auf, jene zu hassen und ihnen allen Schabernack anzuthun, da ruft die Mutter: „Peterl! Das letzte verbiete ich Dir jetzt ein für allemal. Die Juden sind so gut unsere Nächsten, als andere Menschen; untersteh Dich ja nicht, einem einzigen das mindeste Leid mehr zuzufügen." Ja, sie fordert ihn auf, dem Pfarrer von dem Treiben des Lehrers zu berichten, „vielleicht wird dann der Herr Schttüneister die armen Juden nicht mehr so verfluchen." Und als zum Schluß die Großmuth des Juden ihren Triumph, feiert und Pruckner ruft: „Unsere dankbaren Stimnien werden aller Orten diese seltene Großmuth, diese seltene Redlichkeit froh bekannt machen!" da hofft der Bauer, auch der Schulmeister werde sich bekehren: „Vielleicht wird er von Juden ganz anders denken, wenn er den heutigen Vorfall hören wird," und Moses schließt mit der gewiß richtigen Antwort: „Gewiß das einzige Mittel, die Menschen zu zwingen, von uns Gutes zu denken, ist, Gutes zu thun." Man sieht: es ist die volle Toleranz des josephinischen Zeitalters, die ganze Menschenliebe und Redlichkeit einer philantropischen Zeit. Gewiß waren nicht alle Bauern damals so redlich, wie unser Michel, nicht alle Juden so großmüthig und so wenig auf Wiedererlangung ihres verlorenen Gutes bedacht, wie dieser Moses. Immerhin ist es ein hübsches Zeichen der Zeit, daß solche Beispiele damals aufgestellt und von der Bühne herab verkündet werden konnten. --G<-

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