Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- Seite 474 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Es liegt ein Eindruck von Grauen und Erhabenheit in der Schilderung. Der Arbeiter weilt fern von den Lebenden, schwebt in der Luft, weit von der Menschen Heimath. Der Raubvogel kennt nicht den Weg zu dem Minengang. Der Verfasser bringt sich in Erregung durch starke Ausdrücke: Der Mensch legt Hand an den Felsen Und gräbt den Berg von Grund ans mn. Das Ungeheure und Uebertriebene verletzt hier nicht, nein — es entspricht, wie in Griechenland, genau der Sprache. Das Großartige gefällt weit besser als das Einfache. — Die Phantasie verweilt bei deni Ungeheuerlichen, sieht etwas Göttliches darin; in Griechenland erblickt man das Göttliche in dem sicher Begrenzten. Das ist Hellas und Israel, denen Europa seine Kultur verdankt. Die Griechen bewohnten ein Gebirgsland mit stark gesonderten Thälern, wie man sie in der Schweiz findet, nur daß die Berge nicht hoch waren, sondern fruchtbar, die Landschaft lieblich, nicht rauh. Und ringsum lag das Meer, und überall schnitt'das Meer hinein, ein Meer mit reizenden Farben und. friedlich längs der Küsten und in den zahlreichen Häfen. Griechenland war ein Küstenland, und seine Männer waren Seemänner mit der Seemänner Eigenthümlichkeit. Die Griechen waren früher ein Volk von Matrosen, Seeräubern, Kaufleuten imb Kolonisten, von Natur bereit zum Reden und Andere reden zu hören, ein Volk von Erzählern und also in ihren Besseren ein Volk von Rednern und Dichtern, in ihren Minderwerthigen ein Haufen von Prahlern und Lügnern. Ein und das Andere in der Odyssee ist idealistische Schifferlüge. Die Kinder Israels waren ursprünglich Nomaden. Hebräer (Jbrier) bedeutet die Umwandernden. Die Landschaften, die sie zuerst vor Augen hatten, waren wahrscheinlich die wilden Verggegenden und Wüsten des steinigen Arabiens. Die Berge haben sie mit Grauen und Ehrfurcht erfüllt. Die Gegend am Sinai ist wilder und rauher, als die am Olymp. Der Olymp wurde heilig, Sinai gefürchtet. Jeder Berg hatte seinen Gott. Der Bergkultus ist bei den semitischen Stämmen eine der ältesten Religionssormen. Thabor, Hauran, Hermon, Libanon, sie alle hatten ihren Gott, genannt Baal - Hermon, Baal - Libanon, Baal - Hauran n. s. w. Die Israeliten hatten Naturmythen, wie alle anderen Völkerstümme, Sonnen-, Regen- und Kulturmythen, wenn auch in geringerem Umfange. Für den Nomaden ist die Sonne die feindliche Macht, die Wolke die freundliche. Er wandert mit seinen Heerden von Weide zu Weide und lebt von dem Regen, der das Gras sprossen läßt. Bei Tage muß er ruhen. Seine Karawanen wandern, wie heutigen Tages die der Araber, bei Nachtzeit. Der gestirnte Himmel ist sein Freund, die gute Macht. Die flammende Sonne wird der grausame Herr, Moloch, Melek. Es ist gelungen, eine hebräische Mythologie zusammenzustellen, von der mau im Buche Hiob nicht geringe Spuren findet. Götzen, Hausgötter, die in den Zelten gehalten und auf dem Rücken der Kameele weiter geführt wurden, waren zahlreich. Später wurden Bilder auch aus Silber und Gold ausgesührt. Jesaias ist voller Angriffe gegen) solchen Götzendienst. Die Semiten trieben ohne Ausnahme von Anfang an Vielgötterei; wie schon der älteste Gottesname, Elohim, in seiner Mehrzahlsform beweist. Aber in ihren Stämmen, wie überhaupt in Blut und Geist der Semiten, lag der Hang zur Verehrung eines Gottes. Lesefruchte. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. 'er, wie der Schreiber dieser Zeilen, ein großes' Gebiet litterarisch zu übersehen hat, der kommt von Berufs wegen dazu, aus scheinbar recht entlegenen Quellen nicht uninteressante Beiträge zur Geschichte der Juden zu sammeln. Solcher Lesefrüchte lege ich hier eine erste Serie vor, zufällig nach der Folge, wie sie mir begegnet sind; gern bereit, sie, sobald sich Gelegenheit dazu giebt, fortzusetzen. I. In der jüngst (1. März 1896) von der Revue des deux mondes veröffentlichten Correspondance inedite de Prosper Merimee steht ein Brief vom 5. April 1857. In dem Briefe ist die Rede von der Schöpfungsgeschichte, die in der Fassung der Genesis der des Sanchuniathon vorgezogen wird. Dann heißt es: de vous engage ä la (nämlich la Genese hebraique) lire dans la Version d’un autre juif, nomine Gaben. C’est ä ce qu’il parait, la meilleure de toutes les traductions de la Bible. Cela lui a fait une mauvaise affaire avee son Sanhedrin qui ne veut pas qu’on lise les livres sacres ailleurs que dans le texte original et nous n’avons pas eu le courage de le nommer de Pacademie des Inscriptions. Der „Jude Caheu", eine Bezeichnung, die Merimee, der große Historiker, Novellist und Briefschreiber, ein Briefschreiber mit der ganzen Grazie, wie sie nur ein Franzose besitzt, hier ohne jede mißwollende Nebenbedeutung braucht, war ein bekannter Schriftsteller. (Ich bediene mich für das Folgende der brauchbaren Notizen aus Winter und Wünsche, die jüdische Litteratur, Trier 1896, Bd. 3.) Es war Samuel Cahen (gest. 1862), der seit 1831 eine französische Bibelübersetzung, die übrigens die einzige geblieben ist, herausgab. Ihr war ein rationalistischer Kommentar beigegeben, sowie eine Reihe wissenschaftlicher Beiträge, von denen einzelne z. B. von L. Zunz stammten. Cahen übersetzte auch die Haggadah. Er wurde ferner für Frankreich bedeutend dadurch, daß er die erste jüdische Monatsschrift in französischer Sprache, Bes Archive« israelites, herausgab. — Daß der Plan zu seiner Aufnahme in die erste wissenschaftliche Körperschaft vorlag, darf nach der bestimmten Angabe M.'s, der selbst ein sehr einflußreiches Mitglied dieser Gesellschaft war, nicht bezweifelt werden. Sollte aber wirklich von dem Sanhedrin oder etwa von dem israelitischen Konsistorium in Frankreich die Abneigung gegen ihn hervorgegangen oder durch Einflüsterungen von jener Seite verstärkt worden sein? Sollte man nicht eher annehmen, daß die Bischofs- oder die konservativorthodoxe Partei des Instituts selbst entweder an der Uebersetzung oder, was noch wahrscheinlicher ist, an dem Kommentar Anstoß nahm, wenn dieser wirklich rationalistisch war? Immerhin ist das Bedenken, von welcher Seite es auch gekommen sein mag, für das freisinnige Frankreich seltsam genug. II. In einem interessanten Autographenkatalog von O. A. Schulz in Leipzig: „Friedrich der Große und seine Zeit, mit besonderer Berücksichtigung der bedeutsamen Kriege und der geistigen Bewegung des 18. Jahrhunderts" ist Manches zusammengestellt, das auch die Leser dieser Zeitung in hohem Grade interessireu muß. Von berühmten Juden jener Zeit kommt ja ausschließlich Moses Mendelssohn in Frage. Für die Schätzung zwar nicht seiner Persönlichkeit, aber seines Antographs — die Schätzung beider geht bekanntlich keineswegs Hand in Hand — ist es charakteristisch, daß ein zweiseitiger Brief