Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-02 · Heft 40 (2.10.1896) · p. Seite 473

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 40 (2.10.1896)
Date
1896-10-02
Page
Seite 473 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228189--53145-3258808
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Mid ihre Seelen vor der ewigen Verdammniß zu retten. „Dem Volke muß die Religion erhalten werden — um jeden Preis!" Das kann man auch bei uris schon von Leuten aussprechen hören, welche es selbst mit der Beobachtung der religiösen Vorschriften durchaus nicht so genau nehmen. Das mag ja an und für sich ein sehr lobenswerthes Streben sein; aber in dem Munde Don Leuten, welche die Religion eben nur auf den Lippen führeii, klingt es wie Blasphemie.... Indes; Uebereifer schadet allemal; und so hat auch bei uns das Ueberhandnehmen starr kirchlicher Religiosität, noch viel mehr aber die zu einer diplomatischen Tugeiid erhobene Scheinheiligkeit und Intoleranz eher einen entgegengesetzten Erfolg als, den gewünschten erzielt. Der Sache des Volkes aber wurden viele werthvolle, intelligente Kräfte entzogen. Seitdem die Parole ausgegeben wurde, daß Alle nur noch nach einer Fa^on selig werden können und daß, wer für das jüdische Volk arbeiten will, erst durch „koschere Zizith" seine Legitimation hierfür darthuu muß, hat in den Kreisen der intelligenten Jugend ein Jndifferentismus gegen alles Jüdische Platz gegriffen, wie kaum jemals znvor. Diese Lehre sollte nicht unbeachtet bleiben. . . . Ben Schmuöl. Aas Auch Hiob. Von Georg Brandes. I. effue die Odyssee und lies am Schluffe des ersten Gesanges diese Zeilen: „Und er öffnete jetzt die Thüre des schönen Gemaches, Setzte sich auf sein Lager und zog das weiche Gewand ab. Warf es dann in die Hände der wohlbedächtigen Alten, Diese fügte den Rock geschickt in Falten und hängt' ihn An den hölzernen Nagel zur Seite des zierlichen Bettes, Ging aus der Kammer und zog mit dem silbernen Ringe die Thüre Hinter sich an und schob den Riegel vor mit dem Rahmen. Also lag er die Nacht, mit seiner Wolle bedecket. Und umdachte die Reise, die ihm Athene gerathen. In diesen Zeilen liegt griechischer Geist, echter und ursprünglicher griechischer Geist. Es ist eine ganz schlichte Szene aus Griechenlands großem Heldengedicht. Welche Genauigkeit in der Wiedergabe der täglichen Lebensvorgänge, welches Interesse für dieselben! Und welche Freude am Beschreiben jedes einzelnen kleinen sinnlichen Dinges! Telemach öffnet selbst die Thür, setzt sich auf sein Lager, nimmt seinen Chiton ab und reicht ihn der Amme. Sie glättet und legt ihn zusammen, hängt ihn an den Riegel, geht, zieht mit dem silbernen Griffe die Thüre hinter sich zu und schiebt den Riegel vor. Es ist der Abend nach einer großen, entscheidenden Szene, Telemachs letzte Nacht in der Heimath. Er hat zum ersten Male mit Kühnheit zu den Freiern gesprochen und reist nun ab. Gleichwohl legt der Dichter die größte Theilnahme für jede unbedeutende Einzelheit an den Tag. Alles wird unter gleichem Gesichtspunkte gesehen, das Größere und das Kleinere, das Wichtige und das Unwichtige. Oder richtiger: Keine Einzelheit erscheint unwichtig. Und alles ist um seiner selbst willen erwähnt, nichts ist bildlich oder symbolisch. Es ist unmöglich, sich eine größere Klarheit in der Beschreibung vorzustellen. Wie in den griechischen Reliefs jede einzelne Gestalt so dargestellt wird, daß der Schatten der einen nicht auf die andere fällt, so ist auch diese Klarheit, ohne Schatten. In der alten hebräischen Litteratur wird selten genau, ja in der Regel unklar geschildert. Man sehe die Schilderung eines Phänomens, das solch einen tiefen Eindruck gemacht hat wie die zwei Säulen des salomonischen Tempels, Jachin und Boas. Man kann sich unmöglich ein Bild davvn machen. Die Hauptstelle (I. Könige 7,15) lautet: „18 Ellen war die eine Säule hoch, und ein Band von 12 Ellen umgab die andere Säule." An derselben Stelle ist der Säulenknauf 5 Ellen hoch; in II. Könige 25, 17, ist er 3 Ellen hoch, in der II. Chronik 3, 15 sind die Säulen 35 Ellen hoch. Man nehme selbst zum Vergleiche eine wohlgelungene Schilderung des Alten Testaments, z. V. die der Bergwerksarbeit im Buche Hiob, wo der Verfasser wahrscheinlich die Arbeiten schildert, die er auf dem Berge Sinai gesehen hat: „Dort sind Gänge, wo man das Silber auszieht. Und Gänge, wo das Gold geläutert wird. Eisen bringt man aus der Erde, Und das geschmolzene Erz wird zum Kupfer. Der Mensch bringt der Finsterniß Grenzen zum Weichen, Er durchsucht die Tiefe, Die Steine, die im Todesdunkel verborgen sind. Fern von bewohnten Orten bricht er Gräben, Die der Lebenden Fuß nicht kennt, Er hängt und schwebt in der Luft, fern von der Menschen Stätte, i) Diese Erde, worauf das Brod wächst. Ist in ihrem Innern durch Feuer zerrissen. Ihre Klippen sind des Saphirs Lager, Im Staube findet man Gold. Der Vogel kennt nicht den Weg dorthin, Das Auge des Falken sieht ihn nicht. Der Mensch legt Hand an die Felsen Und gräbt den Berg von Grund aus um. Bricht Gänge in die Klippen, Damit sein Auge alle Schätze sieht. . Hemmt den Strom des Wassers Und bringt das Verborgene an das Licht. Aber die Weisheit? Woher wird sie geholt? Und wo ist die Heimath der Erkenntniß? Der Mensch kennt nicht ihr Reich, Man trifft sie nicht in der Lebenden Land. Der Abgrund spricht: Mein Schooß birgt sie nicht. Und das Meer spricht: Sie ist nicht in mir. Man wägt sie nicht mit Gold auf, Silber ist nicht ihr Kaufpreis. Man erhält sie nicht für Ophirs Gold, Für kostbaren Onyx oder Saphire." . Die Bergwerksarbeit wird hier nicht um ihrer selbst willen beschriebe:;. Kein selbstständiges Interesse wird für sie gehegt. Die ganze Schilderung, wie Metalle und Edelsteine aus dem Berge geholt worden, ist nur dazu da, um zu dem geistigen Gegensatz zu gelangen. Aber die Weisheit, woher wird sie geholt? Der Stil ist feierlich und bewegt sich in dem strengen Parallelismus des hebräischen Versmaßes vorwärts. Schon dies wirkt auf die Schilderung ein. Darin liegt ein Drang, sich imponiren zu lasten und zu imponiren. Der Verfasser sucht das Außerordentliche, das Geheimnißvolle und Bedeutsame: Der Mensch . . . durchsucht. Die Steine, die im Todesdunkel verborgen sind. i) Die Bergwerksarbeiter wurden in Körben oder mit Gestellen in -die Steinbrunnen hinabgelassen, .damit sie sich in die Bergwände einarbeiten konnten. » . fik *&*!*+#*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.