Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- Seite 472 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe aus Rußland. '' i. f aß Verfolgung, soziales und ökonomisches Elend den geeignetsten Boden für allerlei rückschrittliche Bestrebungen abgiebt, dafür liefern unsere Verhältnisse einen erneuten Beweis. Die Aera der liberalen Reformen war auch für uns eine Zeit des Fortschritts, vielleicht sogar eines zu stürmischen Fortschritts. Die Bildung, dies Schreckgespenst, das wenige Jahrzehnte vorher eine unbeschreibliche Panik, die sogenannte „Behaloh“, hervorgerufen hatte, jetzt war sie die Lösung für Hoch und Niedrig, Arm und Reich. Die ehemals so gefürchteten Folgen derselben blieben nicht aus. Die junge, in Gymnasien und Hochschulen erzogene Generation streifte das äußere formale Judenthum nahezu gänzlich ab, ein großer Theil derselben war auch innerlich seinem Volke und seiner Religion fremd geworden, aber das „^.pLorses", der Abfall von der Religion, hatte seine Schrecken verloren. Hochorthodoxe Männer. Rabbiner und Kultusbeamte schickten ihre Kinder in die Gymnasien und duldeten es stillschweigend, daß dieselben am Sonnabend die Schreibearbeiten verrichteten und sich auch sonst vielfach über religiöse Vorschriften hinwegsetzten. Die diversen „Jeschibotli“ leerten sich fast in eben demselben Maße, als sich die staatlichen Lehranstalten mit jüdischen Schülern füllten, so daß ein damaliger bekannter Dichter und Schriftsteller anscheinend mit Recht die baldige Erfüllung der talmudischen Prophezeiung in Aussicht stellen konnte: „Die Thora wird dereinst in Israel vergessen werden". ... Was an dieser Entwickelung der Dinge am auffälligsten war. ist weder die Thatsache an und sür sich, daß die russischen Juden von dem ihnen gestatteten Zutritt zu den öffentlichen Schulen einen so ausgiebigen Gebrauch machten, noch auch die Rückwirkung der höheren Bildung auf das religiöse, zumal auf das äußerlich religiöse Leben, sondern in erster Linie der Umstand, daß jene Entwickelung so fast ohne jeglichen Kampf vor sich gehen konnte. Noch lebte der größere Theil jener Generation, welcher den civilisatorischen Bestrebungen der früheren Periode einen so hartnäckigen und erfolgreichen Widerstand entgegengesetzt hatte, welcher den Kampf gegen das „Berlinerthum" mit fanatischem Eifer und ohne sonderliche Wahl der Mittel geführt hatte und welcher es sich ganz enorme Summen hatte kosten lassen, um die damaligen Rabbinerschulen, die Pflanzstätten des modernen Unglaubens, zu Grunde zu richten; allein die muthigen Kämpfer von dazumal waren stille Dulder geworden. Die Jugend erhob mächtig und nbermüthig das Haupt, in der Litteratur, sowohl in der russisch-jüdischen, wie in der hebräischen, wurde die Orthodoxie mit Hohn und Spott überschüttet; allein sie wagte kaum, sich zu vertheidigen; der Hammer.war zum Ambos geworden. Das sollte nicht immer so bleiben. Eine bedeutende Strecke nach vorwärts hatte die Kultur binnen kurzer Zeit zurückgelegt, jetzt mußte der unvermeidliche Schritt rückwärts gemacht werde;:. Anfangs der 80 er Jahre trat:in der allgemeinen Lage jene bekannte schroffe Wendung ein, und die ersten Judenkrawälle in Elisabetgrad und Kiew waren das Signal für die Reaktion, beit Kampf von Neuem aufzunehmen, um die verlorenen Positionen wieder zu erobern. Spötter behaupteten, die telegraphische Nachricht von dem Ausbruch der Krawalle hätte an der Moskauer Börse den Tephillin-Preis rapide in die Höhe geschnellt, besonders aus studentischen Kreisen wären zahlreiche Kaufordres eingegangen. Allein, daß der Jude in Zeiten der Noth sich fester an seine Religion anklammert, in ihr Trost und Rettung'sucht, ist psychologisch und historisch wohl begreiflich; wir können diese Erscheinung gegenwärtig ja auch in vielen anderen Ländern Europas beobachten. Was aber speziell für unser Land charakteristisch und in höchstem Maße betrübend ist, das ist die Thatsache, daß hier sofort die Parole ansgegeben wurde: Die Bildung allein ist an unserem Unglück schuld — fort mit der Bildung! Mit Denjenigen, welche diese Behauptung in der Weise begründeten, daß sie die hereingebrochene Katastrophe als ein Strafgericht des Himmels für den durch die Bildung bewirkten Abfall von der Religion erklärten, läßt sich selbstverständlich nicht streiten; allein jene Behauptung wurde auch noch in anderer Weise zu motiviren versucht, und zwar vielfach auch von Leuten, welche : selbst eine viel zu hohe Bildung genossen hatten, üm sich mit jener naiven Argumentation begnügen zu können.' Unser ungestümes Drängen nach Bildung und den mit derselben veMndeuen Bernfsarten — so argumentirten diese Herren — mußte dMOaß der gebildeten Kreise des herrschenden Volkes gegen uns wachrufen. In Gynmasien und Universitäten nehmen wir die ersten Plätze ein, in der Litteratur, in der Presse, in: ärztlichen und juristischen Berufe machen wir der andersgläubigen Bevölkerung eine empfindliche Konkurrenz; der Brodneid ist es nun, der den Antisemitismus der Gebildeten gezeitigt hat. Ziehen wir uns von diesen Berufsarten zurück, überlassen wir Jenen den Kampfplatz, und der Kampf hört von selber auf! Es genügt auch schon eine einfache Ueberlegung, um jene Argumentation ad absurdum zu führen. Mit demselben Rechte könnte man nämlich auch sagen: Der jüdische Kaufmaiui, der jüdische Handwerker, der jüdische Lastträger, kurz, der Kampf des Juden um das tägliche Brod macht der andersgläubigen Bevölkerung eine empfindliche Konkurrenz und ist die Quelle des „thatkräftigei:" Antisemitismus in diesen Kreisen; er^o: ziehen wir uns von diesen Berufsarten zurück, überlassen wir jenen den Kampfplatz, verzichten wir aufs tägliche Brod, dann hört der Konkurrenzneid, hört der Antisemitismus auf! .... Dies wäre die Konsequenz, die aus jener Anschauung gezogen werden müßte, sie würde aber den Vertretern dieser Anschauung sehr wenig in das Konzept passen, denn das tägliche Brod ist bei ihnen nachgerade zu einem Ideal geworden, neben welchem — abgesehen natürlich von der Religion — kein anderes aufkomnun darf. So oft von irgend einer Frage die Rede ist, welche das geistige Leben, die geistigen Bedürfniffe des Volkes betrifft, so ist der erste und letzte Einwand: Das Volk braucht Brod und sonst nichts weiter als Brod; jetzt ist es nicht Zeit, an irgend welche civilisatorische Bestrebungen zu denken. So spielt z. B. auch in dem gegenwärtigen Kampfe um das zu errichtende Rabbinerseminar dieses Argument eine hervorragende Rolle, indem diejenigen Gegner dieses Projekts, welche in Anbetracht ihrer Bildung und Stellung eine prinzipielle Gegnerschaft nicht gut eingestehen können, diese ihre Gegnerschaft durch den Hinweis auf die brennende Brodfrage genügend rechtfertigen zu können glauben. Sie scheine:: hierbei gar nicht zu lnerken, daß sie sich in einem eireulus vitiosus bewegen, daß die traurige ökonomische Lage der Massen ebenso sehr durch ihr niedriges Bildungsniveau bedingt ist, wie das letztere durch die erstere. ... Zugegeben mag werden, daß für die russischen Juden Lei den gegenwärtigen Verhältnissen die Brodfrage eine der wichtigsten, :venn nicht gar die wichtigste ist, aber dann ge::ügt es nicht, blos mit dem Hinweis auf dieselbe jede andere volksfreundliche Tätigkeit abzulehnen, dann müßte etwas Positives zur Lösung dieser Frage' geschehen. Die Massen, die der Hilfe bedürfen, sind ökonomisch viel zu schwach und geistig viel zu unentwickelt, um neue Organisationen ins Leben zu rufen, und von ihren -Freunden und Führern, den Reichen und Gebildeten, beschränkten sich die Einen darauf, ihnen schöne Zukunftslieder zu singen,bie 5lnderen, sie vor dem Gifthauch moderner Bildung .zu bewahren