Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- Seite 471 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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471 werden sollen!! Er führte sodann eine Anzahl Fälle aus verschiedenen deutschen Städten an, wo jüdische Schlächter wegen Verkaufs besudelter und verdorbener Maare verurtheilt worden waren, so u. a. der Schlächter Samuel Schiff aus Darmstadt zu zwei Jahren Gefängniß. Gegen derartige Uebelstände aufzutreten, sei doch gewiß die Aufgabe und Pflicht der Presse, und er erwarte daher nicht nur seine Freisprechung, sondern beantrage außerdem, die Gerichtskosten dem Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens aufzulegen. Nach kurzer Berathung erkannte der Gerichtshof auf Freisprechung des Angeklagten. Es sei anzunehmen, daß der Leserkreis des „Deutschen Generalanzeiger" sich im wesentlichen auf Gesinnungsgenossen des Angeschuldigten beschränke und diese würden durch die in dem Artikel gemachten Mittheilungen nicht beunruhigt. Außerdem könne man angesichts der erwiesenen Thatsachen die Warnung nicht für unberechtigt halten. Dem zweiten Anlage des Angeklagten zu folgen, liege eine begründete Veranlassung nicht vor. Dieses Urtheil wird aus verschiedenen Gründen Aufmerksamkeit erregen. Wir haben oft schon davor gewarnt, in dieser Zeit mit Strafanträgen hervorzutreten, und bedauern lebhaft, daß unsere Mahnungen ungehört verhallten. Andererseits sind wir freilich von diesem Falle der Meinung, daß der „Centralverein" sich mit diesem Urtheil nicht begnügen darf, sondern die Angelegenheit weiter verfolgen muß. Die Sache hat aber noch eine andere Bedeutung. Mit Recht ist von verschiedenen großen Blättern hervorgehoben, daß der Gesichtspunkt des Urtheils, die Leser jenes antisemitischen Blattes würden durch solche Artikel nicht beunruhigt, bei der Beurtheiluug der von der Preffe gegen den groben Unfugsparagraphen verübten Verstöße durch unsere Gerichte hier zum ersten Mal zur Geltung gekommen sei. Bisher wurde den Angeklagten, die sich durch Geltendmachung dieses Gesichtspunktes zu vertheidigen suchten, stets entgegeugehalten, daß die inkriminirten Artikel auch von Leuten, die nicht Anhänger der Zeitung seien, gelesen zu werden Pflegen. Es ist übrigens nicht ohne Interesse, daß derselbe Herr Sedlatzek wenige Tage später, weil er einige Mitglieder des „Deutsch-sozialen Reformvereins" einmal „Dumme Jungen" genannt, von dem Schöffengerichte zu 20 Mark Geldstrafe verurtheilt wurde. * Ein einziges Wort kann oft eine ganze Situation blitzartig erleuchten. In einer Gerichtsverhandlung gegen den Bankier Paul Berend, der die Depots armer Leute unterschlagen, ist ein solches recht charakteristisches Wort in dieser Woche gefallen. Eine der Zeuginnen, eine arme Frau, die Tag und Nacht mit ihrem Manne „geschuftet" hatte, um sich etwas zu ersparen, utib dem Angeklagten ihre Ersparniffe übergab, tröstete derselbe, als sie einmal die für sie angekauften Papiere wenigstens sehen wollte, sehr stolz mit den klassischen Worten: „Sie haben bei mir ja gar nichts zu riskiren, ich bin doch kein Jude!" Und diese Erklärung hat den Zweck voll erfüllt, das aufsteigende Mißtrauen gegen den Mann zu beseitigen. Bedarf es da noch vieler Worte? Wenn nun dieser sogenannte Bankier umgekehrt wirklich ein Jude gewesen wäre — es ist gar nicht auszudenken, welchen Lärm da unsere Antisemiten gemacht hätten! * Noch ein schönes Wort! Anläßlich des internationalen Franenkongresses hat das hiesige Antisemitenorgan eine große Entdeckung gemacht, nämlich die: „daß die Jüdin auf der rast- und ruhelosen Wanderung ihres Volkes über den Erdball den Sinn für Familie und Volksbewußtsein, für Vaterland und alles, was uns als ideales Volksthum heilig geworden, verloren hat." Also die Jüdin hat keinen Sinn für die Familie! Das ist in der That neu und interessant! Im Uebrigen beruht die in demselben Artikel gebrachte Meldung, daß Helene Lauge „der Juden überdrüssig" und Antisemitin geworden sei, selbstverständlich auf reiner Erfindung. * Vor einigen Wochen brachten wir bereits die Mittheilung, daß aus Berlin sechs Söhne des vor Jahresfrist verstorbenen Rentiers M. nach Krojauke kamen, um am Grabe ihres Vaters Gebete zu verrichten. Judeß hatte der Vorstand der dortigen jüdischen Gemeinde Tags vorher beschlossen, auswärtigen Friedhofsbesuchern den Zutritt zu den Gräbern nur gegen Zahlung einer Steuer bis zu zehn Mark zu gestatten. Zu dem höchsten Satze abgeschätzt, mußten nun jene Herren die Gesammtsteuer von 60 Mark, wovon der Vorstand aber ans eigener Initiative 30 Mark zurückgab, entrichten. Einer der Herren, der Rechtsanwalt Ed. Margoninski, wandte sich dieserhalb beschwerdeführend an den königlichen Regierungspräsidenten, auf dessen Bescheid man sehr gespannt war. Nun ist dem Vorstande behördlicherseits eröffnet worden, daß eine derartige Steuer unstatthaft wäre und die bisher erhobenen Steuern gedachter Art innerhalb dreier Tage zurück zu erstatten seien. Letzterer Bestimmung ist auch bereits entsprochen worden. * Bei einem Feste, das seine Freunde und Gesinnungsgenossen dem aus dem Justizdienst scheidenden Kammer ge richtsrath Schröder, der bekanntlich auch Führer des Protestantenvereins ist, in dieser Woche gegeben habe, machte dieser in seinem Trinkspruch die folgenden, auch für uns sehr iutereffanten Bemerkungen: „Wenn es möglich geworden ist, daß die verfassungsmäßigen Organe einer Berliner Kirchengemeinde für Kanzel und Seelsorge einen Jskraut ins Auge fassen, dann ist dies wahrlich der Beweis eines solchen Tiefstandes des kirchlichen Bewußtseins in Berlin, wie ein solcher gleich erschreckend für das politische Bewußtsein gewisser Kreise der Berliner Bürgerschaft in der Schilderhebung Ahlwardts zum Ausdruck gekommen ist. Vor solchen Erscheinungen muß man das Haupt verhüllen und wird gar von dem Gedanken bestürmt, ob in den zeitigen Formen des kirchlichen Lebens dieser Stadt nicht überhaupt die Mittel abhanden gekommen sind, wahrhaft christlich-kirchliche Grundsätze für unser kirchliches, nationales und soziales Leben noch zur Geltung zu bringen." * Der Großmeister der italienischen Freimaurer, Ernesto Nathan, ist bekanntlich ein Jude. Derselbe hat jüngst einen Protest gegen den Anti-Freimaurerkongreß in Trient erlassen. Was uns dabei speziell interessirt, ist die warmherzige Art, in der er seine Brüder zum Schutz der bedrängten Christen in Kreta und Konstantinopel auffordert. Es heißt in dem Schriftstück: „Und an diesem Tage gedenken wir, geliebte Brüder, jener Christen in Kreta und Konstantinopel, die im Namen der wahren christlichen Religion kämpfen und sterben für ihr Vaterland und ihre Familie. Wenn auch der starre Egoismus die Mächte verhindert, diese Unglücklichen aus der Tyrannei zu befreien, so müssen wir doch, geliebte Brüder, diesen wahren Christen und Helden unsere besten Grüße und Wünsche entbieten; diesen Märtyrern gehört unser Herz." Mögen sich diesen Aufruf vor allem Diejenigen merken, die in Freimaurern und Juden „Genossen des Teufels" erblicken!