Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- Seite 470 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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470 menschlichen Seele, so Mancher ist vor dem offenen Abfall weniger Jude gewesen, als später; so Manchem hat die Schande, die Erniedrigung, mit den Lippen einen Glauben zu bekennen, von dem das Herz nichts weiß, erst die Angen geöffnet über den Werth der Heiligthümer, die er verlassen hat. Darum sollen wir uns hüten, über den Abtrünnigen etwa die Geißel des Hohnes und des Spottes zu schwingen. Wenn wir vom Abfall reden, so können wir es nicht - verbergen, daß das Herz in tiefem Weh erbebt ob des Verlustes, ob der Verlorenen, aber sie bleiben unsere Brüder, auch wenn sie uns vor der Welt verleugnen; sie empfinden oft bittere Seelennoth, wenn im Verein der neuen Genossen Juden und Judenthum geschmäht wird, und sie müssen es schweigend mit anhören, ja sie müssen, um sich nicht zu verrathen, wider besseres Wissen, ob sie auch ihre Nächsten mit beschimpfen, um so lauter einstinnnen in den Chorus der Verleumder. Wäre es nicht herzlos, diese Beklagenswerthen noch zu verhöhnen? Es war nicht nur hart, es war auch unklug, daß unsere Vorfahren meist gegen Apostaten unerbittlich sich zeigten; denn dadurch wurden diese schon ohnedies charakterschwachen Menschen zu jenem unversöhnlichen Haß gereizt, der uns oft so verhängnißvoll gewesen ist. Sind schon überhaupt Hohn und Spott keine passenden Waffen für die Streiter Gottes, so sollen wir besonders uns hüten, sie anzuwenden gegen Diejenigen, bei denen trotz des offenkundigen Abfalls der Docht des alten Glaubens noch glimmt; es ist uns weh um diese uns fremd Gewordenen; denn der Druck der Macht ist leichter zu ertragen als der Druck des Gewissens; es ist zudem bitter, zu hören, wie die Nächsten geschmäht werden, ohne sich ihrer annehmen zu dürfen; auch ihnen gegenüber gilt die Mahnung, den glimmenden Docht nicht zu verlöschen; das Judenthum ist in ihnen keineswegs so erstorben, als es scheint; sie leiden schwerer als wir und haben, wenn sie uns aus weltlichen Gründen verlaffen haben, die Hölle auf Erden. Was aus der Geschichte früherer Zeiten uns kund geworden ist, daß aus Familien, die, ursprünglich jüdisch, oft länger als ein Jahrhundert einem anderen Bekenntniß sich angeschlossen hatten, später sich so Manche des Judenthums erinnerten und wieder zurücktraten, das kann auch bei den Abtrünnigen von heute sich erneuen. Leicht ist die Brücke überschritten, zumal so viele Phantome des Ehrgeizes ans andere Ufer locken; aber wer ermißt, wer erfährt die Seelenqual des Reuigen, dem wohl, wenn er Vergleiche anstellt, die Vorzüge des Glaubens, dem er sich abgewendet hat, leuchtender hervortreten, den es schmerzt, den es herabsetzt vor sich und den Seinen, auch vor den neuen Genoffen, denen er sich zugewandt hat, daß er ohne inneren Glauben vor der Welt ein Bekenntniß abgelegt hat. Als er unter uns stand, sah er nur unsere Schwächen, und da drüben schien ihm alles im goldigen Glanz; jetzt hat sich das Blatt und das Bild gewendet; in stillen Stunden, im einsamen Gemache denkt er cm uns zurück, und ein Gebetbuch der Väter, das er vordem verachtet hat, wird ihm ein liebes Kleinod; vordem war er nur dem Namen nach ein Jude, jetzt ist er dem Namen nach ein Anderer, aber in seinem Herzen regt sich eine Neigung, die er vor aller Welt verbergen möchte, zu den Heiligthümern, die er verleugnet hat. Gesetzt nun, es verfolgte ein Prediger des Judenthums die Abtrünnigen mit beißendem Spotte und offenbarte rücksichtslos ihre Schwächen, könnte da nicht so Mancher, der um eine Ausrede verlegen ist, warum er von uns gegangen ist, sagen: Seht an, die Priester des Gottes der Rache, die vergiftete Pfeile gegen ihre Widersacher schleudern. Aber das Jndenthum kennt keinen Gott der Rache, sondern den Gott, barmherzig und gnädig, und der Jude soll bei Freund und Feind für seinen Glauben nur mit Sanftmuth und Milde werben. Ein Räuber stürmt auf Jemand ein, der mit seinen Waffen seine Habe sehr gut vertheidigen kann; der aber wirft die Waffen von sich und stellt sich wehrlos dem Bösen und spricht: „Plündere, wenn Du willst." Ob nicht solche Geisteshoheit auch ein Mittel ist, den Räuber zu entwaffne!:! Aber selbst wenn bei der Vertheidigung unseres Besitzes diese milde Großmuth nicht am Platze war, unseren Glauben sollen wir nicht entweihen, indem wir für ihn mit scharfen Waffen streiten. Hier heißt es, den glimmenden Docht nicht verlöschen, Ob diese Milde und Sanftmuth erfolgreich sein wird? Wer wollte dies unbedingt zu behaupten wagen? Aber der rasche, augenblickliche Erfolg entschuldigt noch nicht die Anwendung von Waffen, die der Religion nicht würdig sind. Wir halten auf dem Gebiete der Religion nichts von brutaler Gewalt, von schlauer Diplomatenkunst, die Herrsucht der Priester sinag ihrer bedürfen, nicht der Glaube, nicht die Religion; sie braucht keine andere Waffe, als das milde, versöhnliche Wort; sie stößt Keinen zurück, sie sucht Jeden auf und hofft dennoch, daß die Wahrheit siegen wird. Me Mache. Berlin, 27. September. in mehr als seltsamer Prozeß hat in dieser Woche hier vor dem Schöffengericht gespielt. Er betraf eine Anklage wegen groben Unfugs gegen den Redakteur des antisemitischen „Deutschen Gen.-Anz.", Karl Sedlatzek, die schon einmal das Gericht beschäftigt hat. Am 20. November v. I. erschien \\x des Angeklagten Zeitung unter der Ueberschrift: „Fleisch für die Gojim" ein äußerst gehässiger Artikel, worin mehrere Fälle erzählt wurden, daß jüdische Schlächter das für die Christen bestimmte Fleisch in der unappetitlichsten Weise verunreinigt haben sollten. Hieran wurde die Warnung geknüpft, Fleisch aus Judenläden zu genießen. Wegen dieses Artikels stellte der „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" Strafantrag wegen groben Unfugs, und das Amtsgericht folgte dem Antrag, indem es gegen den Redakteur Sedlatzek wegen groben Unfugs eine Geldstrafe von 30 Mark festsetzte. Hiergegen wurde richterliche Entscheidung beantragt. Wir lassen nun den Bericht hiesiger Blätter folgen. Vor Gericht erklärte der Angeklagte, daß der beanstandete Artikel der „Hannov. Post" entnommen sei, und daß er für den Inhalt den Beweis der Wahrheit antreten wolle. Er bat zu diesem Zwecke, daß der Gerichtshof sich die Akten gegen den jüdischen Schlächter Isaak Bonn zu Kleve kommen lasse, der am 10. Mai 1894 wegen grober Besudelung des für Christen bestimmten Fleisches mit vier Monaten Gefängniß bestraft worden sei. Ferner bat der Angeklagte um Einforderung der Akten gegen den Redakteur Erich Rosenthal von der antisemitischen „Hannov. Post", der wegen desselben Artikels freigesprochen worden sei. Der Gerichtshof gab diesen beiden Anträgen statt und vertagte damals den Termin. In der heutigen Verhandlung wurde die Richtigkeit der von dem Angeklagten behaupteten Thatsachen bestätigt. Der Amtsanwalt hielt aber dennoch die Anklage wegen groben Unfugs aufrecht. Der Angeklagte habe von jüdischen Schlächtern im allgemeinen gesprochen, wozu ihm die vereinzelten Fälle kein Recht gäben. Die jüdischen Schlächter würden durch den Artikel in ihrem Gewerbe beeinträchtigt, und das Publikum, das bei jüdischen Schlächtern zu kaufen pflege, werde durch die' Warnung beunruhigt. Dies sei grober Unfug. Er beantrage gegen den Angeklagten eine Geldstrafe von 30 Mark. Der Angeschuldigte hielt eine längere Bertheidigungsrede. Im Schulchan Aruch stehe ausdrücklich, daß Fleisch, das für Juden verworfen werde, an Christen verkauft werden sollte, „um diese zu ärgern"!! Ferner werde vorgeschrieben, daß die .Lungen von Vieh und Geflügel, die für Christen bestimmt seien, bespuckt