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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-10-02 · Heft 40 (2.10.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 40 (2.10.1896)
Date
1896-10-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements. Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Nedaeteur: Gustav Karpeles. Begründet von Kadbiuer H*. Cubtaig PHNippson-Äonn. Verlags-Grpeditio»: Lertm, Lerusalemrrstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse : Verlag der „Allgem. Zeitung deS JudenthumS', Berlin SV., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Leitartikel: Den glimmenden Docht nicht verlöschen. — Die Woche. — Briefe aus Rußland. I. — Das Buch Hiob. I. Von Georg Brandes. —Lesefrüchte. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. —Aus meinen Lebens-Erinnerungen. HI. Von Max Ring. — Feuilleton: Das Tagebuch eines Abtrünnigen. Von I. Zangwill. — Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch. (Forts.) — Von der Reise. VI. Von G. K. — Sprechsaar. Der Gemeindebote. Dt. Ehlau, Posen, Schwersenz, . . _ , Mainz, Wien, Budapest, Paris, St. Petersburg, Warschau, Kiew. — Von Nah nnd Fern. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, rrsenz, Bernstadt i. Schl., Hildesheim, Bielefeld, Ben glimmenden Docht nicht verloschen. <Jes. 42, 3.) Berlin, 27. September, ^^er Prophet rühmt die Milde und Sanftmuth Dessen, der eine Sendung Gottes auf Erden vollführt, mit den Worten: „Einen glimmenden Docht verlöscht er nicht". Ein glimmender Docht! Ein Licht ist schon fast ganz herabgebrannt, nur ein mattes Flämmchen ist noch übrig geblieben, das kaum erhellt, das eigentlich nur erkennen läßt, wie dunkel es im Raume ist, lind die düsteren Schatten, die über die Wände huschen, schrecken Den, der an dieser Stätte weilt, noch mehr, als die völlige Finsterniß ihn erregen würde. Oft brennt ein Licht nicht ruhig zu Ende; sondern der verglimmende Docht erfüllt mit übelduftendem, bedrückendem Qualm das Hans, und statt Helle zu verbreiten, erweckt er nur Pein und Unbehagen. Sollte es da nicht eine Wohlthat sein, den Docht auszulöschen? Aber der Prophet sagt von dem Gottgesandten, daß er selbst diese schwachen Reste verschone; vielleicht, daß diese halberloschene Fackel doch noch einmal klar aufleuchtet, vielleicht, daß ein anderes Licht an ihr sich entzündet. Dies Gleichniß ist eine Mahnung, wie wir uns. Denen gegenüber zu verhalten haben, in denen das Licht des Glaubens, der Religion nur noch glimmt! Es giebt Leute, die sich auf ihre Energie besonders viel zu Gute thun, die nur ein Entweder — Oder kennen, die die Halben und Matten unbedingt zurückstoßen, die die Religion bester geborgen wähnen bei einer kleinen Schaar von völlig Getreuen, als bei einer großen Menge, deren .religiöses Feuer einem glimmenden Dochte gleicht. Und wer könnte ihnen ganz Unrecht geben! Religion ist Wahrheit, und bei der Wahrheit ist das Wichtigste, daß sie rein und klar erhalten wird, daß sie keinen Kompromiß schließt mit dem Jrrthum und der Lüge. Ist die Kraft der Gründe oder ist die Größe des Anhangs entscheidend für den Kerngehalt einer Lehre? Abraham war ein Einziger in seinem Zeitalter, den wie ein leuchtend Diadem die Erkenntniß. Gottes und selbstlose Nächstenliebe zierte; und wie wohlgeborgen war die Wahrheit in der Seele dieses Einzigen! Leidet das Jndenthnm nicht in unseren Tagen in seinem Ansehen, weil so Viele Juden heißen, in denen das Judenthum dem Erlöschen nahe ist; es ist allenfalls schon zu verstehen, wenn Eiferer diese Matten ganz hinausdrängen möchten, wie wohl tapfere und starke Krieger sich beengt und gehemmt fühlen durch die Schwachen und Verzagten, die zu ihrer Seite stehen. Aber wenn man den Zeloten erst dies Recht einräumt, so ist sehr zu fürchten, daß sie nicht nur die Gleichgültigen ausschließen werden, sondern daß überhaupt nur für Diejenigen Raum bleiben werde, die auf ein bestimmtes Glaubensschema schwören; Heuchler und Schwärmer würden dann das große Wort führen, und die Ehrlichen und Besonnenen müßten schweigen. Darum ist es nicht nur die mildeste, sondern auch die weiseste Losung : den glimmenden Docht nicht zu verlöschen; oft ist nur ein mattes, schwaches Glimmen übrig geblieben, dieser kleine Rest von Religion kann nicht wärmen, kann nicht leuchten; ist es zu verlangen, daß die Religion erbaut und festet,' wenn im ganzen langen Jahre nur einige Stunden ihr: gewidmet werden? Da könnte dann wohl ein stürmischer und heftiger Mann den Ruf erheben: bester gar keine Religion, als dieser Schatten, dieser matte Schimmer derselben. Gemach, auch wenn die Söhne nur als seltene Gäste ins Vaterhaus kommen, so ist es immer noch ' besser, als wenn sie es ganz meiden. Zerstöre nicht durch strengen, herrischen Tadel den losen Zusammenhang mit dem alten Glauben; wo ein Glimmen ist, da kann eine Gluth entstehen, wenn ein günstiger Hauch darüber fährt; wer kann ermessen, wie doch der flüchtige und kurze Besuch des Gotteshauses an den hohen Festen durch eine günstige Verkettung von Umständen eine andächtige Regung weckt, die dauernd im Gemüthe nächklingt. Bei einem Anderen ist die Religion nur das Qualmen einer halb erloschenen Fackel, die den Raum mit üblen Dünsten füllt, b. h. der Glaube ist fort, und nur der Aberglaube ist geblieben; sollte es vielleicht hesser sein, den letzten Funken zu zertreten? Aber so wenig auch der Religion gedient ist mit der Pflege abergläubischer Bräuche, wer weiß es, ob nicht aus diesem Qualm doch noch eine lautere Flamme sich emporringt, ob nicht der Aberglaube zu lichtem Glauben sich klärt. Wir haben.am Tische Gottes wunderliche Kostgänger; es giebt sogar zweifellos Leute, die, den tiefsten Groll in der Seele, den alten Glauben verleugnet haben, um irgend einen weltlichen Vortheil zu erreichen, die dem neuen Bekenntniß zürnen, zu dem sie vorder : Welt gehören, und dem alten Bekenntniß, das sie abgeschworen haben, heimlich zugethan sind. Darum sollen wir selbst die Abtrünnigen ' nicht ganz aus dem Herzen stoßen. Sonderbar sind die Jrrgänge der ■ -V-g &..^ WM! i» •Jjsj '•/4? -.v

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