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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-25 · Heft 39 (25.9.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 39 (25.9.1896)
Date
1896-09-25
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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zu allen von der Stadtverwaltung veranstalteten Festlichkeiten geladen. Auch an anderen ehrenvollen Auszeichnungen fehlte es für unsere Glaubensgenossen nicht, die Sie bereits erwähnt haben. Aus vollstem Herzen schließt sich die israelitische Bevölkerung Badens dem in der Adresse ausgesprochenen Wunsche an: „Möge der Weltenkönig unseren theuren Herrn und Großherzog bis zum höchsten Alter mit seiner schirmenden und beglückenden Rechten geleiten und an Ihm des Psalmisten Wort erfüllen: „Du setzest Ihn zum Segen ewiglich, Du erfreuest Ihn mit Freuden Deines Antlitzes." Oesterreich-Ungarn. O Wien, 21. September. Endlich fangen auch die Juden in Oesterreich an, zur Erkenntniß zu gelangen. Ein Symptom dieser Erkenntniß ist für uns die Resolution, welche der „Politische Volksverein " in seiner Sitzung vom 14. d. fast einstimmig angenommen hat. In dieser Resolution wurde der Gedanke ausgesprochen, den jüdischen Wählern - Wiens das Zusammengehen mit der deutschen Fortschrittspartei anläßlich der bevorstehenden niederösterreichischen Landtagswahlen zu wiederrathen und sich bezüglich des weiteren Verhaltens gegenüber diesen Wahlen die Entschließungen vorzubehalten. — Das neue Synagogenjahr bringt uns hier auch Gemeindewahlen, und zwar nach dem neuen Statut. Die Wählerlisten liegen schon im Gemeindebüreau aus; aber von einer Wahlbewegung ist noch nicht das Geringste zu hören. Hoffentlich erleben wir keine Ueberraschungen. — Vor einigen Tagen fand die Verhandlung der jüdisch-akademischen Burschenschaft „Kadimah" gegen den Redakteur eines obskurenantisemitischen Witzblättchens statt. Die Verhandlung bot nichts Besonderes, es sei denn die Ausfälle des Ver-' theidigers Dr. Hößlinger gegen die Juden, die aber der Vorsitzende Dr. Granichstädten in scharfen Worten zurückwies. „Sie sprechen von einem fremden Volk, von einer fremden Nation; in Oesterreich ist der Jude kein fremdes Volk und keine fremde Nation. Ich kann das nicht dulden, daß Sie die Juden als vaterlandslos bezeichnen. Ich würde sonst genöthigt sein, hierüber einen Gerichtsbeschluß einzuholen. Ebenso kann ich Ihre Ausfälle auf die Presse und auf die im Saale anwesenden Personen nicht dulden!" (Zustimmung im Auditorium.) — Im Grazer „Extrablatt" wird nun öffentlich mitgetheilt, daß der Antisemitenführer Feichtinger wegen Unterschlagung von Antheilseinzahlungem und Abonnements vom Preßverein entlassen wurde. Wegen dieser Fakten wurde neuerlich die Strafanzeige erstattet. — Der neugewählte Bürgermeister von Lemberg, Dr. Malachowski, hat an die vollzählig versammelten Magistrats-Beamten eine Ansprache gerichtet, in der nicht nur eine eifrige, pünktliche und gewissenhafte, sondern auch gleichmäßige und nach jeder Richtung einheitliche Pflichterfüllung den städtischen Behörden nachdrücklichst ans Herz legte. „Alle Bewohner dieser Stadt," sagte der Bürgermeister, „find gleichberechtigt, es ist uns nicht gestattet, diesbezüglich irgend welche Unterschiede zu machen, und zwar weder in Betreff der Konfession noch in Betreff der Nationalität oder sonst in irgend einer Hinsicht. Jedes Zuwiderhandeln gegen dieses Prinzip der Einheitlichkeit im Verfahren ist der Amtshandlung des Magistrates abträglich und wird mich zu einem strengen Vorgehen gegen die Schuldtragenden nöthigen." Schade, daß wir keinen solchen Bürgermeister haben. 8. Budapest, 18. September. Gegen die Preßurger orthodoxe Rabbinerschule, die noch im Jahre 1859 das Oeffentlichkeitsrecht erhielt, wurde die behördliche Anzeige wegen der an derselbe» herrschenden unerquicklichen Zustände erstattet. Der königliche Schulinspektor war als Regierungskommissar auch Heuer bei der Schlußprüfung anwesend und machte die traurige Erfahrung, daß die über eine einzige Lehrkraft verfügende Anstalt weder den Bedingungen, an welche das Oeffentlichkeitsrecht vor vier Jahrzehnten geknüpft wurde, noch den Anforderungen der seither geschaffenen Gesetze entspricht. Der königliche Schulinspektor erstattete in der gestrigen Sitzung des städtischen Verwaltungsausschuffes über seine Erfahrung Bericht und tadelte insbesondere, daß die ungarische Sprache an der Anstalt nicht gelehrt wird, daß die Vorträge des Talmuds, des einzigen Lehrgegenstandes, in einem verballhornten Deutsch gehalten werden und schließlich daß auch Hörer, die kein Schulzeugniß über vier Klassen der Mittelschule aufweisen können, ja sogar sehr oft Analphabeten ausgenommen werden. Der Berwaltungsausschuß hat.diesen Bericht mit größer» Bedauern zur Kenntniß genommen und^hat sofort dem Kultus- Und Unterrichtsminister über diese tristen Verhältnisse mit dem Ansuchen Anzeige erstattet, falls den Anforderungen des Gesetzes nicht entsprochen wird, der Anstalt das Oeffentlichkeitsrecht mit allen sonstigen Benefizien zu entziehen. Ob sich nun die-Preßburger Gemeinde unter dem Zwange' der veränderten Verhältnisse zur Reorganisation der Anstalt veranlaßt sehen wird, ist sehr zweifelhaft. Vov einigen Jahren machte die Anstalt eine ähnliche Krise mit, die auf Intervention einiger hervorragender Orthodoxen Deutschlands, die sich in einem Rundschreiben an die ungarländischen Orthodoxen mit der Bitte, dem Gesetze entsprechen zu wollen und die behördlicherseits geforderte Reorganisation durchzuführen, mit großen Opfern beigelegt wurde. Es blieb aber ut ügura äoeet, alles beim Alten. — Die Sozialdemokraten ließen für das Geburtshaus des Pariser Exministers Leo Frankl, der einer Altosner jüdischen Familie entstammt, eine Gedenktafel anfertigen. — Rabbiner Dr. Bernstein in Szombathely bereist im Aufträge der ungarischjüdischen Litteraturgesellschaft die westungarischen Städte, um die Archive derselben, die für die Geschichte der Juden in Ungarn eine Fundgrube sind, zu durchforschen. In Preßburg, Tyrnan rc. sind zahlreiche interessante Urkunden, die auf die Geschichte der Juden Bezug haben und in der „Jüdischen Urkundensammlung" publizirt werden. — Als im vorigen Jahrhundert die Führung von Familiennamen zwangsweise durchgeführt wurde, bekamen die Juden solche Namen, die sie dem Spott und Hohn der Bevölkerung Preisgaben. Es ist daher sehr leicht erklärlich, daß die Juden Ungarns von der erleichterten Durchführung der Namensänderung reichlichen Gebrauch machen. Im verflossenen halben Jahre haben sich die Juden mit 67,3 Prozent an derselben betheiligt. — In Großbecskerek fand unter bei uns ungewöhnlichen Feierlichkeiten die SchlußsteinlegUng der neuen, mit dem Kostenaufwande von 160 000 Kronen erbauten, prachtvollen Synagoge statt. Sämmtliche städtischen und staatlichen Aemter, alle Seelsorger der in der Stadt wohnenden Konfessionen nahmen an der Feier theil. Großbritannien. 8. London, 18. September. Mr. Simon Cohen hat einen Brief von Lord Salisbury erhaltenem dem er sein Bedauern darüber ausspricht, daß die jüdischen Bäcker bestraft werden können, weil sie am Sonntag . arbeiten. , Der Lord erklärt, daß eine derartige Bestrafung den allgemeinen Gefühlen der englischen Bürgerschaft widerspräche. Gleichzeitig mit der Veröffentlichung dieses Briefes wird aber bekannt, daß wiederum ein jüdischer Bäcker von dem Richter Mr. Newtow, Marlbourough Street, zu 20 Mark Geldstrafe verurtheilt wurde wegen derselben Veranlassung. Auch dieser Richter sprach sein Bedauern aus, betonte aber, daß er gezwungen sei, die bestehenden Gesetze auszuführen. — Die Erben des kürzlich verstorbenen Mr. Myer Salaman haben dem University College Hospitale zur Erinnerung an ihren verstorbenen Vater den Betrag von 20 000 Mark geschenkt. Schweden. g. Stockholm, im September. Welche Stellung die Juden in Schweden einnehmen, und in welchem Ansehen einzelne von ihnen bei dem hochgebildeten König,Oscar stehen, mag Ihren Lesern folgende Mittheilung beweisen. Der früher bei der israelitischen Gemeinde in Elbing hervorragend beliebte und durch seine theologische und philosophische Bildung ausgezeichnete Nab bin er Dr. Klein waltet seit ca. 15 Jahren hier seines Amtes und genießt nicht nur bei unseren Glaubensgenossen, sondern auch bei allen Gebildeten und speziell bei seinen christlichen Amtsbrüdern das höchste Ansehen. Seit mehreren Jahren doziert Dr. Klein an der Universität Upsala und ist für seine Thätigkeit an derselben bereits durch Verleihung eines Ordens ausgezeichnet worden. König Oscar, der von allen Vorgängen im Lande auf das Genaueste unterrichtet ist, hat auch von diesen Vorlesungen Notiz genommen und vor einiger Zeit Dr. Klein zu sich befohlen. In einer längeren Audienz ertheilte der König Dr. Klein den ehrenden Auftrag, im Herbste ihm und einigen Auserwählten im Schlosse über einige Fragen strengwisfenschaftlicher Natur Vorträge zu halten. Die Themata dürften die Ursprünge des Judenthums und Christenthums,/ jüdische Philosophie und Mystik und Anderes behandeln. Wo solchen Männern Gelegenheit gegeben wird, ihr Wissen über das Wesen des

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