Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Judenthums der Allgemeinheit zugänglich zu machen, ist natürlich gn eine Entfaltung des Antisemitismus nicht zu denken. ' ilnjlnnK m. St. Petersburg, 17. September. Dem „Woschod" theilt man aus London mit, daß binnen kürzester Zeit wieder eine Versammlung der argentinischen Kolonisationsgesellschaft in Paris stattfinden werde. Und zwar sind diBmal auch die Mitglieder des Petersburger Central-Komitees eingeladen, welche man zu der Versammlung vom 7. Juli nicht berufen hatte. Das war damals übel.vermerkt.und in der russischen Presse .tadelnd besprochen worden. Um den Fehler gut zu machen, sind nun. nicht blos der Obmann des genannten Komitees, wie dieser selbst beanspruchte, sondern alle Mitglieder desselben .eingeladen worden. Und, da sich diese zumeist in Kurorten in Frankreich und der Nähe aufhalten, werden sie. wohl auch alle erscheinen. E. Warschau, 13. September. Der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde veröffentlicht soeben seinen Rechenschaftsbericht für das Jahr 1895. Die Zahlen, welche derselbe in Einnahmen und Ausgaben darbietet, sind nicht gerade geeignet, den Eindruck hervorzurufen, daß es sich um die größte Gemeinde nicht nur Rußlands, sondern der gesammten Welt handelt. Die Gesammteinnahmen des Rechnungsjahres betragen 157775 Rubel 60 Kop., von welcher Summe 79950 Rubel 60 Kop. auf die'direkte Gemeindesteuer entfallen. Den nächstgrößten Einnahmetitel bilden die diversen Einnahmen der Friedhofsverwältungen mit 23 721 Rubel 81 Kop., also beinahe ein Drittel der direkten Steuer. Wir haben diese beiden Posten absichtlich neben einander gestellt, weil das Mißverhältniß zwischen ihnen uns für die Steuerpolitik dieser Gemeinde in. gewisser Hinsicht bezeichnend erscheint. ... Im Berichte sirid auch noch eine ganze Reihe anderer, mitunter etwas absonderlicher Einnahmequellen mit zum Theil nicht ganz unerheblichen Erträgen aufgeführt, wie z. B. Strafgelder für nicht rechtzeitig, erfolgte Eintragung in die Geburtslisten, vom Verkauf von Trauscheinformularen, vom Vermiethen der Baldachine zu Trauungen und dergl. Unter den Ausgabeposten steht obenan die Unterhaltung des jüdischen Krankenhauses mit 18 000 Rubel; es folgen die Elementarschulen mit 17355 Rubel, die Talmud-Thoraschule mit 12 930 Rubel und die Handwerkerschulen mit 10 010 Rubel — lauter. Zahlen, die für die größte jüdische Gemeinde der Welt ebenfalls kaum als imponirende zu bezeichnen sind.. So ziemlich auf der Höhe der Zeit und der.Großstadt stehen die Berwaltungskosten der Gemeinde; sie betragen 2250 Rubel an Kanzleikosten und 9212 Rubel an Gehältern für Beamten und Diener. Um so auffallender ist aber daneben der Posten „Gehalt der Gemeinderabbiner" mit nur 7790 Rubel; auch der Posten für Alters-, Wittwen- und Waisenpension mit 1268 Rubel erinnert bereits an die russischen Pensionen, für Militärinvaliden. ... Was aber am meisten auffällt und verwundert, ist die Thatsache, daß trotz der so geringen Summe der Gesammteinnahmen nicht nur kein Defizit, sondern auch noch ein Vortrag, von ca. 7000 Rubel für das Jahr 1896 verbleibt. Man könnte beinahe versucht sein zu glauben, daß es in Warschau keine jüdischen Armen giebt, welche die diversen Wohlthätigkeitsinstitute der Gemeinde in Anspruch zu nehmen gezwungen sind, und daß somit diese letzteren vollkommen ausreichend, dötirt worden sind, oder daß es vielleicht umgekehrt keine Reichen und Wohlhabenden giebt, von denen größere Einnahmsbeträge aufgebracht werden könnten^ Beides wäre falsch: Arme giebt es hier natürlich mehr als irgendwo sonst, aber auch die Reichen und Wohlhabenden sind in stattlicher Anzahl vorhanden. Bei einigem guten Wollen könnte an direkten Gemeindesteuern das Doppelte und auch das Dreifache aufgebracht werden. Hier stände ja auch nicht zu befürchten, daß reiche Juden eine nach ihrer Ansicht zu hohe Veranlagung zur Gemeindesteuer mit der Drohung beantworten könnten, sie würden sich demnächst taufen lassen, wie das anderswo vorgekommen sein soll. Eine Erklärung für all' die genaAitzest Absonderlichkeiten ist indeß vielleicht in dem Umstande zu suchen, LaMn der Warschauer Gemeinde nur diejenigen Mitglieder wahlberechtigt si^td, welche mindestens 15 Rubel jährlich Gemeindesteuer zahlen. Bei ernem solchen plutokratischen System ist es nicht zu verwunderndaß die Her^n, welche gewählt oder wiedergewählt werden wollen, nach oben hin m^hr Rücksicht üben als nach unten.... Uebrig'ens findet nach ca. zwei MonMn eine Neuwahl des Vorstandes statt M '■ Türkei. £. Konstantinopel, 18 September. Aus ziemlich unbekannter-Ursache kehren fortwährend jü dische Kolonisten der Hirschschen Kolonien in Argentinien nach Rußland zurück oder suchen zurückzukehren. Vor 14 Tagen landeten 70 solcher jüdischen Auswanderer. in -Konstantinopel. Die Behörden zwangen sie, außerhalb, der Stadt zu lagern. Die.Armen hatten keinen Pfennig. Die Hirschsche Agentur versuchte, ihnen die" Fahrt nach Odessa zu verschaffen. Die Kapitäne der russischen Dampfer aber weigerten sich, sie an Bord zu nehmen, bevor ihre Pässe nicht vom russischen Konsul vistrt worden wären. '•= Der russische Konsul stellte ihnen aber kein Visum aus, weil ihnen die Auswanderung aus Rußland nUr unter der Bedingung gestattet worden war, daß sie niensals zurückkehren würden. Die Aus- oder richtiger Einwanderer wandten sich darauf an das russische Ministerium und beriefen sich auf das kaiserliche Reskript vöm 14. Augustdas allen russischen Unterthanen, einschließlich Flüchtlingen und Fälschern, gestattet, nach ihrer Heimath zurückzukehren. Bis jetzt hat das Ministerium noch nicht geantwortet. Die 70 argentinischen Juden leben von der Mildthätigkeit ihrer Glaübensgenossen und wohnen in einer Außenvorstadt von Konstantin opel. Ron Nah und Fern. — Einer der angesehensten Berliner Aerzte, Geh. Sanitätsrath Dr. Abraham, stellvertretender Vorsitzender der Berliner medizinischen Gesellschaft, feierte neulich in voller geistiger und körperlicher Frische seinen 70. Geburtstag. — Der Privatdozent für innere Medizin an der 'Universität Berlin, Dr. Martin Mendelsohn,'ist zum ordentlichen Mitglieds der kaiserlichen Akademie der Naturforscher in Halle ernannt worden. — In Einbeck traten antisemitische Wühlereien bei der. am 1. September erfolgten Einweihung, der neuen Synagoge zu Tage. Der „Nordhäuser Gen.-Anz." vom 9. September schreibt: „Ein Jude schenkte 1000 Mark zur Vertheilung an Arme der-Stadt. Da es in Einbeck keine arme Juden giebt, wird das Geld nur an Christen vertheilt. Aus Dankbarkeit wahrscheinlich ist, während dieses Geld auf dem Rathhause vertheilt wurde und das Festessen der jüdischen Gemeinde mit ihren Gästen stattfand, ein gehässiges antisemitisches Flugblatt in den Häusern vertheilt worden." — Der vielgenannte Kaplan -Würzberger in Sch einfeld, der wegen sozialdemokratischer und antisemitischer Predigten beim Erzbischof angezeigt worden war,-ist, wie die Mugsb. Abendztg." meldet, seiner Stelle enthoben, auf .persönliches Einschreiten des Pfarrers beim Erzbischof in Bamberg aber an einen Ort in der Nähe von Schillingsfürst versetzt worden. — Großes Aufsehen erregt in Preßburg die behördliche Sperrung der israelitischen Volksschule für Knaben und Mädchen. Diese Maßregel erfolgte aus sanitären und pädagogischen Gründen und über Beschluß des städtischen Verwaltungsausschusses. — D. S. Bleß, der holländische Konsul in Manchester, ist von der Königin-Regentin von Holland -zum Ritter des Orange- Nassau-Ordens ernannt worden. — Nach Mittheilungen aus Kainsk in Sibirien muß dort die Synagoge, die-seitslanger Zeit besteht,- abgerissen werden, weil ein Mädchengymnasium, das sich in der Nähe befand, in eine Kirche verwandelt wurde und Synagogen mindestens 700 Fuß von einer Kirche entfernt sein müssen. — Die Universität Kapstadt hat dem Rev. P. Bender einen hohen akademischen Rang verliehen, bei welcher Gelegenheit derselbe, der sich besonders um den jüdischen Unterricht verdient gemacht hat, wohlverdiente Ehren empfing. — Mr.L. A. Lewyno ist bereits , zum dritten Mal zum Mayor von Somerset East gewählt wordeckEr verdankt die Wiederwahl den Verdiensten, welche er sich um die Verwaltung dieses Bezirkes während seiner früheren Amtspericden erworben hat. — - Der Großmeister der Großloge in England, der Prinz von Wales, hat Lewis Moore zum Großmeister vom. nördlichen China ernannt. Er ist der erste Jude, der eine solche Stelle bekleidet. In Birmingham geboren, lebt Lewis. Moore schon seit 35 Jahren in China, wo er überall sehr beliebt ist. — Der Richter H. E. Cohen in Neu-Süd- Wales (Australien), ist für eine weitere Periode von 6 Monaten als Mitglied des Obersten Gerichtshofes' bestätigt wordene ~ Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Werlin. - . Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.